Zwei Wochen ohne Kinder: Ego-Trip oder große Freiheit?

An dem Abend, an dem ich es ihnen gesagt habe, da habe ich für einen kurzen Moment gedacht: So müssen sich Eltern fühlen, wenn sie Kindern ihre Trennung verkünden. Im gleichen Augenblick habe ich mich für diesen Gedanken geschämt. Weil er unfair ist gegenüber Familien, die das tatsächlich durchmachen. Weil es ja nur um eine räumliche Trennung auf Zeit ging. Weil das ohne die Liebe und Unterstützung meines Mannes gar nicht möglich gewesen wäre. Trotzdem habe ich innerlich mehrfach Anlauf nehmen müssen, ehe ich es meinem Kindern beim Abendessen verkündet habe: dass ich für zwei Wochen nach Barcelona reise, allein, auf Einladung einer Freundin.

Nicht, weil ich Abstand zu ihnen brauchte. Oder zu meinem Mann. Sondern Nähe zu mir selbst. Weil ich seit zweieinhalb Jahren diesen Roman im Gepäck habe, diese angefangene Geschichte, die nach Weitermachen schreit, und es einfach nicht schaffe, in meinem eng getakteten Alltag mit den knapp bemessenen Zeitinseln so richtig reinzukommen. So richtig abzutauchen, wie es sich dafür gehört. Weil diese Einladung zum uneingeschränkten Schreiben so spontan und so großzügig kam, von einer Frau, die ich bis dahin nur über Facebook kannte, und die mir ihr Gästebett und ihren zweiten Rechner anbot. Weil mein Mann sofort fand: Das muss ja wohl möglich sein, with a little help from my boss (mehr Home Office als gewöhnlich). Weil sich auch meine Mutter sofort bereit erklärte, einzuspringen. Weil ich mir meine Kinder anschaute und dachte: Die sind elf und acht, die sind quasi groß, die wuppen das schon. Dann schaute ich mir meine Kinder an diesem Abend an, beim Abendessen, und dachte: Gott, sind die klein. Und ich eine selbstbezogene Person. Aber da war der Flug schon gebucht.

Zwei Wochen ohne Kinder

Ein Traum und mehr: Schreiburlaub am Mittelmeer machen (c) Verena Carl

Zwei Wochen ohne Kinder – Hauptsache, Mama bringt was mit

„Ich muss euch was sagen“, erklärte ich den beiden, „ich bin demnächst länger weg, um an einem Buch zu schreiben. Die gute Nachricht ist, ihr habt dann mal wieder mehr Zeit mit Papa.“ Mein Sohn fragte kurz ein paar Details ab und gab sich zufrieden. Darf man dann bei Papa im Schlafzimmer schlafen? Check. Telefonieren wir dann ganz viel? Check. Bringst du uns was mit? Doppel-Check. Meine Tochter war theatralischer, emotionaler, so wie immer: „Aber Mama, da geht für mich eine Welt unter!“ Ich stammelte etwas wie „Na ja, die geht auch wieder auf“ und wunderte mich, dass sie nicht weiter insistierte. Offenbar waren meine Sorgen doch nicht begründet gewesen. Oder?

Wenn wir Kinder bekommen, legen wir damit nicht zu den Akten, was wir vorher waren. Jedenfalls ist das im besten Fall so, alles andere fände ich schade. Wir werden Mutter (oder Vater), aber bleiben: Fußballfan, Kunst-Aficionado, Weltreisende, Sprachliebhaberin. So wie ich. Ich habe vor der Geburt meiner Kinder Romane, Kinderbücher und journalistische Texte geschrieben, und das ist nach wie vor mein Job, mehr noch: meine Passion. Als ich mit meiner Tochter schwanger war und gleichzeitig sehr aufgeregt, ob mein damals neuestes Manuskript bei einem großen Verlag unterkommen würde, beschwichtigte mich eine Freundin: Wenn du erst Mutter bist, wirst du sehen, das ist dann alles nicht mehr wichtig. Das hat mich damals geärgert, und es ärgert mich bis heute. Weil ich froh bin, dass ich etwas tun kann, das ich liebe, und damit auch noch Geld verdiene. Diesen Luxus haben viele Menschen nicht. Weil ich jedem eine Passion wünsche, auch meinen Kindern. Weil das ist wie ein kleiner innerer Tempel, der nur einem selbst gehört (ja, auch ich kann pathetisch sein!). Wie das mit Passionen so ist, manchmal brauchen sie einfach Zeit und Konzentration. Und weil Familie ein System kommunizierender Röhren ist, tut es niemandem gut, wenn sich auf einer Seite der Druck zu sehr staut. Ich jedenfalls hatte in den letzten zwei Jahren häufig sehr schlechte Laune, weil es einfach nicht weiterging mit meinem Herzensprojekt. Und meine Kinder mussten das sicher auch gelegentlich ausbaden.

Zwei Wochen ohne Kinder

Jugendstil meets 40-something: Casa La Pedrera in Barcelona (c) Verena Carl

Das alles dachte ich mir, und von der überraschenden Lösung war ich überzeugt. In der Nacht vor meiner Abreise, als mein Sohn plötzlich wortlos zu mir ins Bett krabbelte und gehalten werden wollte. Als ich mich verabschiedete und die beiden zur Ablenkung mit ihrer Oma ins Kino schickte. Der erste und einzige schlimme Augenblick war, als ich noch nicht mal in meiner Gastwohnung angekommen war. Ich stand noch am Flughafen am Gepäckband, mit fast zwei Stunden Verspätung, und dachte, ich rufe rasch zu Hause an. Da weinten beide Kinder im Hintergrund und riefen dabei, wie lieb sie mich haben. In dem Moment war ich die schlechteste Mutter der Welt. Herzlos, egozentrisch, eiskalte Künstlerseele. Ich machte mich trotzdem auf den Weg in die Innenstadt. Weil an dem Tag sowieso kein Flug mehr zurück ging nach Hamburg.

Danach? Danach war alles gut. Ernsthaft: erstaunlich gut. Zwei Wochen ohne Kinder, als Auszeit für frei fließende Kreativität. Als wäre ich nicht nur nach Barcelona gereist, sondern auch in eine Art Parallelexistenz. Ohne feste Verpflichtungen, ohne Familie, dafür mit einer Flut von Ideen im Bauch und dazu noch in Gesellschaft einer sehr klugen, sehr inspirierenden Gastgeberin, die seit zehn Jahren in Barcelona lebt und sich für alles mögliche interessiert. Auch mal für mein Familienleben, vor allem für tausend andere Dinge. Ich flog nur so durch die Tage: vormittags schreiben, nachmittags Feierabend machen, Barcelona in mich einsaugen, neue Bilder, neue Eindrücke. Die Bodyboard-Surfer am kalifornisch anmutenden Strand. Die stillen Plätze im Alternativ-Viertel Gracia. Das Tiefsee-Feeling im Lichthof der modernistischen Casa Battló. Der Strand von Sitges, an dem meine Gastgeberin so ganz nebenbei die entscheidende Idee für eine entscheidenden Wendung meines Romans hatte.

Zwei Wochen ohne Kinder

Zum Lesen und Schreiben nach Barcelona: nachmittag auf der Plaza del Sol (c) Verena Carl

Schönes Abendritual: andocken am Heimatplaneten

Und immer wieder: laufen, denken, Notizen machen, für meine Geschichte, für neue Themen, über mein Leben. Abends Tapas und Wein, morgens Zeit genug, um liegen zu bleiben und über einen Traum zu sinnieren. In den ersten Tagen dachte ich noch die Tagesabläufe meiner Kinder mit: aha, jetzt ist gerade Fotokurs, heute hat die Große bis zur 7. Stunde Schule, heute kommen sie früher zum Mittagessen. Irgendwann hatte ich das Gefühl: Jetzt kann ich loslassen. Mann und Kinder ihren Stiefel machen lassen, auch wenn das mal kalte Pizza zum Frühstück heißt und mal mit Flecken auf dem Pulli aus dem Haus gehen. Uns allen tat es gut, abends zu telefonieren, das kurze Andocken am gemeinsamen Heimatplaneten. Aus den alltäglichen Diskussionen um Hausaufgaben und Co habe ich mich aber herausgehalten. Nicht meine Baustelle. Ab und zu haben wir uns Fotos und Filmchen per WhatsApp geschickt. So hatten alle das Gefühl, als liefe unser jeweiliges Leben bei den anderen im Hintergrund mit.

Sehnsucht? Ja, schon. Aber von der schönen Sorte. Manchmal haben mir die Kinder morgens gefehlt, die Art, wie sie manchmal ins Bett krabbeln oder auf meinen Schoß, diese alltägliche, selbstverständliche Körperlichkeit. Manchmal hat mein Mann mir gefehlt, wenn ich etwas allein erlebte, das ihn auch begeistert hätte: die feierliche Stille in der gotischen Kirche Santa María del Mar, die Jugendstildecke im Café der Casa La Pedrera, frische Schwertmuscheln auf der Tapas-Karte. Aber es waren auch Momente, in denen ich gelernt habe, mein Leben neu wertzuschätzen. Am Ende war ich dann wieder alltagsreif. Und das war gut so. Am Tag vor meiner Abreise sah ich auf dem Handy, dass jemand von Zuhause versucht hatte mich anzurufen. Ich rief zurück, mein Sohn meldete sich. Ich: „Henri, was gibt’s?“ Er: „Das wollten wir von dir wissen. Was willst du essen, wenn du morgen wiederkommst?“ Da habe ich mich sehr willkommen gefühlt und dachte: Jetzt ist es auch gut.

Zwei Wochen ohne Kinder

Futter für Geschichten: manchmal geht Inspiration durch den Magen (c) Verena Carl

Seit drei Tagen bin ich wieder zurück in Hamburg. Meine Kinder haben mich auf die denkbar liebevollste Weise begrüßt: mit selbst ausgeschnittenen Konfetti, selbst geschriebenen Liebesbriefen, und meinem indischen Lieblingsgericht. Ihr ausgelassenes Kichern schallte mir schon im Treppenhaus entgegen. Das war einer der schönsten Momente in meinem Mutterleben. Weil ich spürte, wie wir zusammengehören, aber auch, weil ich spürte, wie gut geölt die Welt sich auch ohne mich weitergedreht hatte. Weil Henri und Helen an dem Abend immer wieder in meine Arme wollten, aber genau so selbstverständlich in die Arme ihres Vaters. Weil weder die Wohnung im Chaos versank noch die Kinder mit fettigen Haaren herumliefen. Und weil ich merkte: Jetzt, wo ich endlich auf dem Weg bin mit meinem Roman, wo die Geschichte sprudelt und die Worte fließen, bin ich auch wieder deutlich entspannter mit meinen Kindern. Ich hoffe, das hält an.

Ach so, worum es in meinem Buch geht? Um eine 40-something-Frau in der Krise, die das Gefühl hat, zu kurz zu kommen. Und sich kurzzeitig nach einem anderen Leben sehnt. Wer hat da gefragt, ob das autobiographisch ist? Also bitte. Krise? Ich doch nicht!

 

 

 

4 thoughts on “Zwei Wochen ohne Kinder: Ego-Trip oder große Freiheit?

  1. Maike

    Ja, und natürlich sind wir Mütter auch nach wie vor Leseratten, Filmliebhaberinnen, Rhönrad-Aktivistinnen, oder was auch immer! Es schlummert nur ein wenig tiefer und findet nicht mehr so oft den Weg in den Alltag. Es ist aber sehr wichtig, diesen Leidenschaften wenigstens ab und zu Raum zu geben, damit sie nicht ersticken. Sehr, sehr wichtig. Danke, dass Du uns daran erinnerst!

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    • Verena Carl Post author

      Liebe Maike, danke für das nette Feedback! Klar, Barcelona ist vielleicht nicht der optimale Arbeitsort – andererseits, wenn man morgens um neun am Rechner sitzt und um 15 h Feierabend macht, ist das für spanische Verhältnisse ja immer noch kurz nach dem 2. Frühstück und noch mehr als genug Zeit :). Außerdem war mir klar: Wenn ich hier nicht zum Arbeiten komme, liegt der angefangene Roman noch weitere zwei Jahre in der Schublade. Das motiviert.

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  2. Maike

    Super, toll, dass Du das gemacht hast! Zwei Wochen sind doch gar nichts; Deine Kinder scheinen ja nicht mehr ganz klein zu sein, da sind doch zwei Wochen ohne Mama wirklich machbar! Nur eines versteh ich nicht: Wie Du in Barcelona zum Arbeiten gekommen bist 🙂 Wir waren im Sommer in Katalonien und ich war nur zwei halbe Tage allein (ohne Kinder!) in Barcelona unterwegs. Die Stadt ist so wunderschön und aufregend, dass ich nicht mal zum Kaffeetrinken still sitzen wollte… ich bin nur von Schönheit zu Schönheit getaumelt und habe Atmosphäre getrunken. Hut ab, dass Du trotzdem was geschafft hast!

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  3. Franzi

    wie großartig, dass du gereist bist … wie es klingt für alle Beteiligten, und wie schön, dass du uns in dieser herzlichen, berührenden Offenheit daran teilhaben lässt! Danke Verena

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