Doppelleben: Verena Carl übers Bücherschreiben

Ich muss euch mal was sagen: Ich führe ein Doppelleben. Nein, nicht so eins wie im Film. Ich habe keinen Zweitjob als Auftragskillerin, ich lasse mich nicht heimlich in SM-Bars verdreschen oder habe neben Mann und Kindern in Hamburg noch eine Zweitfamilie in Bielefeld oder Eberswalde. Mein Doppelleben ist ein anderes: Ich bin Schriftstellerin.

Aber auch jetzt, da vor ein paar Tagen mein vierzehntes Buch in den Handel gekommen ist, zögere ich noch immer, dieses Wort hinzuschreiben. Schriftsteller, das sind doch diese durchgeistigten Gestalten, die in großen, pittoresk heruntergekommenen, weinberankten Landhäusern leben, zum Frühstück Rotwein trinken, halbe Nächte durchschreiben, sich mit Kreativkrisen plagen und sich monatelang zieren, ehe der Spiegel sie für ein achtseitiges Interview befragen darf. Ich schreibe eher tagsüber als nachts, trinke Rotwein nie vormittags und verdiene meine Brötchen eher mit Journalismus als mit Büchern. Dennoch: Nach sechs Romanen, einem Jugendroman, sechs Kinderbüchern und einen Sachbuch darf ich mir diesen Schuh wohl anziehen, ohne hinauszuschlappen.

45 Jahre hat es gedauert, bis ich gewagt habe, mich als Schriftstellerin zu bezeichnen – doch die Sache mit dem Doppelleben, die ist viel älter. Die hatte ich schon als Kind. Ich war nie nur einfach Verena, die über den Schulhof bummelte und ihr Wurstbrot kaute. Sondern gleichzeitig – zum Beispiel – eine mutige und entschlossene Heldin, die gerade dabei war, ihre Klassenkameraden vor einer Armee skrupelloser Wissenschaftler zu erretten. Oder auf der Suche nach meiner lang verschollenen Schwester, die mit einem Indianerhäuptling durchgebrannt war (damals galten die Winnetou-Filme noch als sehr cool). Die Figuren und Geschichten in meinem Kopf waren zwar hundert Prozent Phantasie, aber sie hatten einen Vorteil: Sie waren meistens deutlich spannender als der ganz gewöhnliche Alltag. Und nicht selten bekamen sie Besuch von Figuren aus den Büchern, die ich mir jeden Mittwoch Nachmittag aus der fahrenden Leihbücherei mitnahm. Copyright? Gilt nicht in Kinderköpfen. Mit neun hatte ich auch keine Scheu, ein Schulheft mit einer haarsträubenden Liebesgeschichte aus dem Wilden Westen vollzukritzeln, nebst Flucht vom Traualtar und irrem Sherriff, und „Roman“ draufzuschreiben. Die Skrupel kamen erst später.

Elbe Aufwärts Janna Hagedorn

Herbst im Wendland: Hier spielt Verenas neuer Roman

 

Dabei bin ich keine von denen, die dem Spiegel – sollte er denn wirklich mal anrufen – acht Seiten lang erzählen könnte, wie sie schon in jungen Jahren zu ihrer Bestimmung fand. Ganz im Gegenteil. Bis kurz vor meinem dreißigsten Geburtstag war ich alles mögliche, nur keine Schriftstellerin. Ich war BWL-Studentin, später Volontärin, dann Journalistin; ich las zwar nicht weniger als früher, aber wenn ich nicht gerade handwerklich schrieb, dann höchstens weinerliche Tagebuch-Poesie. Erst ein Poetry Slam, 1997 in München, brachte mich auf die Idee, meine Texte könnten auch noch für andere von Belang sein. Eine gute, eine harte Schule. Weiß jeder, der schon mal auf einer solchen Veranstaltung war. Die einen rufen „Aufhören!“, die anderen „Ausziehen!“ (merke: ich war nicht 45, sondern 27), wieder andere „Aber sie hat doch recht!“ Nachdem ich ein paar Jahre auf rauen Slambühnen überstanden hatte, war die Suche nach einem Verlag für die ersten Romane dagegen ein Bummel von einem Samthandschuh zum nächsten.

In meinen Geschichten kamen nun weniger Indianerhäuptlinge vor, dafür viel eigenes Leben – aber ich merkte auch, wie aufregend es war, das Geländer des Selbst-Erlebten loszulassen und meine Figuren völlig andere Wendungen nehmen zu lassen. Auch eine Art von Doppelleben: Wie wäre es wohl gekommen, wenn nur eine Winzigkeit anders gewesen wäre, in dieser Situation, an jenem Tag? Einige meiner Bücher sind solche Paralleluniversen, in denen ein Alter Ego unter leicht veränderten Bedingungen völlig andere Dinge erlebt. Oft habe ich meine Fähigkeit zum Doppelleben auch bewusst eingesetzt, wenn ich ein Gegengewicht brauchte. Ich erinnere mich gut, wie ich 2008 in den ersten Lebensmonaten meines Sohnes an einem Roman schrieb, der in einer Münchner Studenten-WG spielt und in dem es häufig und süffig um Affären, Sex und Liebeskummer-Selbstmitleid geht. Nicht, dass ich mit meiner Heldin hätte tauschen wollen, das Baby war entzückend – aber es ist ein großer Spaß, tagsüber einem Säugling Lieder vorzusingen und mit einer Zweijährigen zu Rutschen und sich abends am Schreibtisch genüsslich eine schnelle Nummer in einer Parkgarage auszudenken. Und nicht zuletzt habe ich es all die Jahre immer sehr genossen, neben meinen Schnellschüssen – Blogbeiträgen, Monatsmagazintexten und dringendem Geburtstagskuchen für morgen – auch fast immer etwas zu haben, das Zeit brauchte und brauchen durfte. Geschichten, die über Monate und Jahre reiften und entstanden, erst im Kopf, dann auf Papier.

Janna Hagedorn Elbe aufwärts

Schicke Meterware: Romane von Verena Carl und Janna Hagedorn

Als wäre das noch nicht genügend Doppelleben, kam im Jahr 2012 dann auch noch Janna Hagedorn auf die Welt. Ihre Existenz ist schnell erklärt: Weil ich damals im gleichen Jahr zwei Bücher am Start hatte, den besagten München-WG-Roman im Eichborn-Verlag und einen Roman von der Sorte „Beziehungskomödie-meets-Yoga“ im Diana-Verlag, riet man mir zu einem Pseudonym. Nachdem ich mit allen möglichen erfundenen Adelstiteln jongliert hatte, nahm ich dann die einfachste Lösung: Janna ist mein zweiter Vorname, Hagedorn seit meiner Hochzeit vor elf Jahren mein Nachname, nur, dass ich bislang beim Bücher- und Artikelschreiben immer bei meinem Geburtsnamen Verena Carl geblieben war. Ich höre also mittlerweile auf drei verschiedene Namen – nur die Kombi „Janna Carl“ ist noch frei. Vielleicht brauche ich sie eines Tages noch.

Mein allerneuestes Baby, „Elbe aufwärts“, ist übrigens auch mal wieder ein Kind der Doppelleben-Liebe. Denn einerseits hat meine Figur reichlich wenig mit mir zu tun – bis auf die Tatsache, dass sie auch eher wie die Jungfrau zum Kind an ihr Lokal im Wendland kommt. So wie ich an mein Campingplatzhäuschen. Harmony hat einen seltsamen Hippie-Namen, ausgeprägtes Stil- und Karrierebewusstsein, keine Kinder (und mit dieser Tatsache auch kein Problem), erst einen jüngeren Lover und später – zunächst – gar keinen Mann mehr. Andererseits ist meine leicht kratzbürstige Heldin dann doch wieder eine Art Spiegelbild. Wie wäre ich heute, hätte ich mich für mehr klassische berufliche Ambition entschieden und gegen Familie? Was wären dann meine Pläne, meine Träume, meine Zickzackwege durchs Leben? Keine schlechten Fragen, um damit einen Roman zu beginnen. Mit dem nächsten habe ich übrigens schon angefangen. Er wird völlig anders. Wie immer.

 

 

 

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