Seit 10 Jahren Mutter: eine Halbzeitbilanz

Da lag sie also neben mir auf dem Rücksitz des Taxis, auf der Fahrt vom Krankenhaus zu unserer Wohnung. Unsere ersten Reise zu dritt, schätzungsweise fünf Kilometer weit. Vier Tage alt war sie, ein winziges Kind, zu zart für die meisten der hübschen Erstausstattungsstücke, die ich in meinen Klinikkoffer gepackt hatte. So zerbrechlich wirkte sie in der mitgebrachten Tragschale, und unter dem plüschigen Schneeanzug in Größe 56 schaute ihr Körperchen kaum heraus. Sie schlief. Auch wir waren still auf dieser Fahrt, ein wenig vor Glück, ein wenig vor Überwältigung, ein wenig vor Respekt vor all dem Unbekannten, das auf uns zukam. Sicher, ich hatte die einschlägigen Ratgeber gelesen, im Geburtsvorbereitungskurs über die Vor- und Nachteile des Impfens diskutiert und mich von einer Freundin bei der Windelfindung beraten lassen. Aber war das schon genug? War das denn so einfach: Eltern werden? Mutter sein? Ja, durften die das überhaupt, diese Ärzte, Schwestern und Hebammen der Geburtsklinik: uns ein Baby mitgeben, einfach so?

An diesen Moment musste ich denken, als ich vor ein paar Tagen morgens früh um sechs Uhr zwanzig in unserer Küche stand, um eine Doppel-Ladung Waffeln für die Klasse 4a zu backen. Für den Schul-Geburtstag des Babys von einst, das mittlerweile am liebsten coole Karohemden und schwarze Jeans trägt und Girlie-Pudelmützen. Genau zehn Jahre ist es her, dass ich Mutter geworden bin. Dieser Kindergeburtstag war auch mein persönliches Bergfest. Voller Freude und voller Wehmut zur gleichen Zeit, wie so viele Momente im Mutter-Dasein. Noch mal zehn Jahre weiter, und meine Tochter wird keine Waffeln mehr von mir haben wollen. Wenn sie mit 20 überhaupt noch mit uns unter einem Dach lebt. Zeit für eine Halbzeitbilanz.

Seit 10 Jahren Mutter – und immer der gleiche Tanzschritt

Es ist ein typischer Tanzschritt, mit dem unsere Kinder sich entfernen in das eigene Leben hinein, immer zwei Schritte vor, einen zurück. Mal strecken sie sich plötzlich so, dass man fast dabei zusehen kann. Nicht nur, wenn sie in den ersten Monaten über Nacht plötzlich einen ganzen Zentimeter Körpergröße zulegen. Auch innerlich. Schon als sie vier war, verkündete meine Tochter eines Tages aus heiterem Himmel, dass sie später nach Berlin ziehen würde: „In eine WG, Mama!“ Dann wieder werden sie ganz klein: allein zu einer fünf Minuten entfernt wohnenden Freundin laufen, das mag sie manchmal heute noch nicht, mit zehn.

Und ich? Ich habe Jahre gebraucht um zu verstehen, was unsere Rolle als Eltern in diesem Tanz ist. Vielleicht meine wichtigste Lektion als Mutter, sicherlich aber die Erkenntnis, die mich am meisten überrascht hat. Wir müssen unseren Kindern nämlich weder sprechen beibringen, noch laufen, noch europäische Hauptstädte – das erledigen genetische Programme, ein gesunder Gehörsinn und später die Schule ganz von alleine. Nein: Unsere größte Aufgabe ist es, unseren Kindern den Umgang mit ihren Gefühlen zu lehren. Diese Gratwanderung, sich selbst zu spüren, sich aber auch im richtigen Moment zurückzunehmen. Die Kunst des Lebens.

Meisterlich: große Kinder dürfen auch mal länger aufbleiben (c) Verena Carl

Meisterlich: große Kinder dürfen auch mal länger aufbleiben (c) Verena Carl

Manchmal helfen wir unseren Kindern ganz instinktiv dabei: Wenn wir ein weinendes Baby hochnehmen, schaukeln und ihm Trost zuflüstern; wenn wir das Strahlen eines Zweijährigen erwidern, nachdem er uns im Versteck hinter der Gardine entdeckt hat; wenn wir mit einer 9jährigen die Loyalitätskonflikte in ihrer Mädchenclique besprechen. Das alles signalisiert: Du bist richtig, wie du bist, in deiner Traurigkeit, in deiner Freude, in deiner Wut. Manchmal fällt es aber auch verdammt schwer, immer den richtigen Gefühlskompass vorzugeben. Vor allem bei Kindern wie meiner Tochter, die gleichzeitig temperamentvoll und überempfindlich sein können. Wenn eine überreizte Siebenjährige weinend zusammenbricht, weil die richtige Eissorte gerade aus ist – so etwas zerrt an den Nerven. Da cool zu bleiben, verständnisvoll, den Frust auszuhalten, aber auch nicht gleich zu springen, nur damit die liebe Seele Ruhe hat, das ist die höhere Kunst des Mutterseins. Ich habe Jahre gebraucht, das zu lernen.

Eine gute Mutter? Eine, die Fehler zugibt

Nein, ich war und bin sicher keine fehlerfreie Mutter. Mehr als einmal war ich ungerecht, zu wenig einfühlsam, gehetzt. Habe zu viel Einsicht erwartet, zu viel Verständnis für mich selbst gefordert in einem Alter, in dem ein Kind das noch nicht leisten kann. Trotzdem glaube und hoffe ich, dass ich meine Sache insgesamt gut gemacht habe. Es ist noch nicht lang her, da habe ich mit meiner Tochter eines dieser Küchengespräche geführt, wie man sie eher mit Mädchen hat als mit Jungen. Sie erinnerte sich: Ja Mama, du hast mich manchmal angeschrien, oder warst gemein zu mir. Aber dann haben wir hinterher immer darüber geredet.

Ich glaube, wenn ich ihr etwas Wichtiges mitgegeben habe, dann das: Fehler, Konflikte, Ungerechtigkeiten gibt es zwischen Menschen ständig – entscheidend ist, wie man damit umgeht. Und dass man die Größe hat, sich zu erklären und zu entschuldigen, auch und gerade bei einem Kind. Ich hoffe, auf diese Weise kommen wir auch gut durch die turbulenten Pubertätsjahre, die sicherlich vor uns liegen.

10 Jahre Mutter

Neue Horizonte: der zehnte Geburtstag ist ein wichtiges Datum im Kinderleben (c) Verena Carl

Was wird meine Tochter in zehn Jahren ihren Freundinnen erzählen, auf ihrer rauschenden Geburtstagsparty zum Zwanzigsten? Was wird sie ihrerseits für eine Bilanz ziehen? An was wird sie sich erinnern? Vielleicht an Küchengespräche wie dieses, diese Momente, in denen sie sich ernst genommen und besonders wertgeschätzt gefühlt hat. Vielleicht und hoffentlich an Abende, an denen einer von uns Eltern ihr zum Einschlafen den Rücken gekrault hat, an Radtouren, auf denen ihr Vater sie mit der Erzählung des kompletten Star Wars-Epos bei der Stange gehalten hat, an kleine Briefchen von mir, die ich ihr manchmal in ihre Brotdose oder ihr Federmäppchen packe. Vor allem hoffe ich, dass aus ihr eine Frau wird, die viele gute Beziehungen knüpfen kann, die Verantwortung übernimmt für sich und andere, und die ihr Schiffchen selbständig und sicher durch die eigenen Gefühlsstürme lotsen kann. Die ihr eigenes Reiseziel kennt und trotzdem noch gerne an unsere gemeinsame Reise durch ihre ersten Jahre zurückdenkt. Spätestens dann werde ich wissen: Dass die Ärzte, Schwestern und Hebammen uns dieses Baby mitgegeben haben, im Januar 2006, das ging schon in Ordnung.

8 thoughts on “Seit 10 Jahren Mutter: eine Halbzeitbilanz

    • Verena Carl Post author

      Liebe Tine, vielen Dank – und es hat mich sehr gerührt, deinen Text zu lesen! Mir ist durchaus bewusst, dass die Zeit mit den Kindern endlich ist und ein Geschenk (wenn auch manchmal ein lautes und anstrengendes ;)), und das hat mein Bewusstsein noch mal bestärkt. Um so wichtiger, sich nicht ausschließlich als Mutter zu definieren, sondern noch andere Dinge zu haben, die einen begeistern. Lieben Gruß, Verena

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  1. Aline Harnoth

    Jaaa,,,im Großen und Ganzen, erkenne ich mich da wieder,,,besonders toll und WICHTIG finde ich,den Absatz, das man immer miteinander reden soll, warum Mama,Papa,Kind,,genervt oder gereizt reagiert haben um somit erst gar keine Schuldgefühle aufkommen zu lassen,,dabei ist es ziemlich egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist !
    Sehr schöner Artikel, vielen Dank 🙂

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  2. Claudia

    Wunderschöner Text. Wunderschön. Nur eine Stelle hat mich geärgert. Warum um alles in der Welt, warum, soll man mit Jungs nicht genau solche Küchengespräche führen können? Zumal die Autorin ja gar keinen Sohn hat zum Testen.
    Ich hab drei – und sie sind mal wild und stumm und mal lieb und ausschweifend, immer anders. So schade, wenn man Geschlechtern Sachen auflegt, egal ob Farben oder Eigenschaften.
    Nur mal so als Gedanke, von einer dreifachen „Schniedelsprecherin“
    Liebe Grüße, Claudia

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    • Verena Carl Post author

      Liebe Claudia, doch, ich habe einen Sohn zum Testen ;)! Der kommt nur in diesem Text nicht vor. Ich bin sicher, dass es auch Jungen gibt, mit denen man solche Gespräche führt, und Mädchen, mit denen man das nicht kann. Meine Erfahrung ist allerdings – bei meinen Kindern und auch allgemein -, dass Frauen und Mädchen auf solche Gefühlsreflexionen intensiver einsteigen. Ansonsten sind meine Kinder durchaus auch untypisch: Helen möchte bei Rollenspielen immer sehr gern ein Junge sein, und Henri (er ist 7) hat eine eigene kleine Pfanne im Schrank, weil er gerne selbständig Rührei brät. Lieben Gruß!

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