Sabbatjahr: Was danach passierte

Sabbatjahr… Für Tina Wolf war das viel mehr als eine Auszeit. Heute im dritten Teil ihrer Geschichte erzählt sie über ihren Neustart. Und natürlich zieht sie auch ein Fazit. Was bringt so ein Sabbatjahr? Wie fällt man am besten Entscheidungen und was hat Mut damit zu tun. 

Sabbatjahr: der Tag des Abflugs

Und dann war es soweit und je näher der Tag des Abflugs rückte, desto unrealistischer wurde alles irgendwie. Mein letzter Tag im Büro war komplett surreal für mich und lief irgendwie komplett an mir vorbei – bis ich kurz vor der wirklich emotionalen und wahnsinnig wertschätzenden Rede meines Chefs in Tränen ausbrach.

Tränenreicher Abschied von den Kollegen

Die nächsten Tage vergingen rasant, da noch so wahnsinnig viel zu erledigen war, dann flog ich nochmal schnell mit meinen Mädels übers Wochenende nach Frankreich, schmiss noch eine Abschiedsparty, fuhr zu meiner Familie nach Berlin zum „Nochmal-kräftig-drücken“, verbrachte Tage und Stunden mit meiner Mutter in Hamburg und traf nochmal alle engsten Freunde und Liebsten. Parallel legte ich Sachen raus, überlegte, packte vor, bestellte Zusatzgepäck bei KLM und versuchte mich beim Packen auf die Dinge zu fokussieren, die mir besonders am Herzen lagen und die es in Buenos Aires nicht gibt – wobei ich später nach und nach feststelle, dass es außer IKEA eigentlich so gut wie alles gibt.

Sabbatjahr: Danach flog ich mit neun Koffern in ein neues Leben

Und so flog ich mit insgesamt neun Koffern in mein neues Leben. Neun Koffer klingen sehr viel, wenn man aber alle seine Schuhe in diese neun Koffer legt, ist schon ganz schön viel Platz verbraucht. Und schöne Schuhe gibt es hier definitiv nicht.

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Vorbereitung auf die klassische Art: Bücher über alles, was in Argentinien wichtig ist

Ich plante, bereits nach zwei Monaten zurück in Hamburg zu sein, auch wegen eines Jobs, so dass sich der Abschied in Grenzen hielt. Und so verpasste ich in Hamburg dank vieler Umarmungen und Abschieds-Sekt mit den Mädels am Flughafen zwar fast meinen Flieger, aber dank der Hektik flossen kaum Tränen, dafür wurde nochmal viel gelacht. Das war ein guter Abschied.

Nach dem Sabbatjahr startet mein neues Leben

In Argentinien angekommen, galt es zunächst noch in der alten Wohnung Platz zu finden für meine Sachen. Den Inhalt von neun Koffern in einen bestehenden Haushalt zweier Männer zu integrieren, ist keine leichte Aufgabe, aber sie ist geglückt. Und so starteten wir unser Leben zu Dritt mit all seinen schönen Seiten und dem Glück, endlich zusammen zu leben, aber natürlich auch mit all den Herausforderungen, die solch eine Zusammenführung zweier komplett unterschiedlicher Leben automatisch mit sich bringt.

Plötzlich Hausaufgaben kontrollieren…

Ich bin es darüber hinaus natürlich auch null gewohnt gewesen, mit einem 14-Jährigen zusammen zu leben. Der mich glücklicherweise von Anfang an komplett akzeptiert und ins Herz geschlossen hat, wodurch wir keine Eifersuchts- oder Platzhirsch-Themen hatten.

Sabbatjahr Buenos Aires Stadtansicht 40-something.de

Neues Zuhause: Die Straßen von Buenos Aires

Dafür fordert mich aber die neue Position ganz schön, plötzlich Hausaufgaben zu kontrollieren, Essen für die Schulwoche zu planen und Ansprechpartnerin für diverse, für mich neue Themen zu sein. Das hat mich vor allem am Anfang schon oft überfordert und ich bin meinen Mädels mehr als dankbar für Ratschläge von denen, die selber Kinder in dem Alter haben.

Ich brauche meinen Raum, um mich zurückzuziehen

Hinzu kommt aber auch die Tatsache, dass ich mit meinen über vierzig Jahren die letzten fünf Jahre alleine gelebt habe. Und wie wir im Freundeskreis selbstkritisch doch immer mal wieder feststellen, wird man, je älter man ist, ja so oder so schon auch mal komisch. Wenn man fünf Jahre alleine gelebt hat, vielleicht sogar noch mehr. Und ja, ich benötigen meinen Raum, meine Zeit, meinen Platz. Für mich, alleine. Und der war einfach nicht mehr da. Das hat mich oft wahnsinnig gestresst und mich noch mehr motiviert, schnell eine neue Wohnung zu finden. Die neue Wohnung ist gar nicht viel größer als die alte, aber einfach anders geschnitten, so dass wir jetzt ein richtiges Wohnzimmer haben und somit die Situation geschaffen ist, dass sich jeder in einen Raum zurückziehen kann, wenn ihm danach ist. Das entspannt vieles sehr.

Nach dem Sabbatjahr: schönes buntes Leben

Ansonsten genieße ich es, hier zu leben und es gab noch nicht einen Moment, in dem ich meine Schritte bereut hätte, was ein extrem gutes Gefühl ist. Das Leben hier ist bunt und oft nicht so perfekt wie in Deutschland, man sagt Dinge, die man nicht zwingend dann auch macht und das ist für mich ein riesiges Lernfeld, vor allem in der Kombination Deutsche und Sternzeichen Jungfrau. Aber ich wachse daran und die Entschleunigung hier tut mir gut. Und das Unperfekte auch, zumindest an den Tagen, an denen ich gut damit umgehen kann und die werden immer mehr.

Blick vom Hochhaus auf den Pool Sabbatjahr 40-something.de

Neue Perspektive! Der Blick aus dem neunten Stock unserer neuen Wohnung

Ich liebe das Leben hier, den Blick von unserem Balkon im 9. Stock über die pulsierende Stadt, ich liebe es, morgens neben Martín aufzuwachen, ich liebe die Sonne, die fast jeden Tag scheint und unsere Wohnung mit Licht durchflutet, ich liebe die Kunsthandwerkermärkte, unseren Pool unten, das Essen, die Nähe der Menschen, die sich bei jedem Gespräch anfassen und selbst als Fremde mit Küsschen begrüßen, was für mich auch neu war, dies zulassen zu können. Es ist eine Reise, eine neue Erfahrung und eines weiß ich sicher, ärmer werde ich dadurch nicht.

Mein Fazit nach dem Sabbatjahr, das so vieles verändert hat

Wenn ich nun so auf die letzten drei Jahre zurückblicke, dann waren diese intensiv, gedanken- und erlebnisreich und sehr oft auch mit vielen Ängsten besetzt. Was ist, wenn ich mich „falsch“ entscheide. Und auf dem Weg habe ich eins gelernt: Falsch gibt es nicht, wenn man seinem Bauchgefühl folgt und dabei den Kopf nicht ganz ausschaltet. Ich bin meinem Herzen gefolgt, habe aber nicht Hals über Kopf alles stehen und liegen gelassen und alle Zelte abgebrochen, sondern bin jeden Schritt wohl überlegt gegangen, durchdacht, vorbereitet, aber ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Wenn ich heute daran denke, wie lange ich brauchte, die Entscheidung zu fällen, ein Sabbatjahr zu nehmen, aus Angst, etwas zu verlieren, dann scheint es mir aus heutiger Sicht sehr übertrieben. Aber alles braucht seine Zeit und ich bin mir sicher, wenn die Zeit reif ist, kommt es, wie es kommen soll. Aber manchmal braucht es einfach auch ein wenig Mut, denn das Wasser wird nicht wärmer, wenn man mit dem Springen länger wartet. Ich kann nur jeden dazu ermutigen: Spring!

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