Ohne Handy: fünf Wochen lang

Natürlich habe ich an alles gedacht, bin nochmal durch alle Räume gegangen, habe den Strom abgestellt, der Waschmaschine den Hahn abgedreht. Wir checken immer alles, bevor wir unser Ferienhaus auf Korfu verlassen. Kurz vorm Flughafen schießt mir ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf: Ich habe mein Handy im Wohnzimmer liegenlassen, es hängt am Ladekabel an der toten Steckdose. Nein!!! An Zurückfahren ist nicht mehr zu denken, der Flieger wartet nicht auf eine verstörte Frau ohne Handy. Obwohl – ein guter Grund wäre es schon …

ohne handy fünf Wochen lang

Iris Bader auf ihrer Lieblingsinsel Korfu

Ohne Handy, aber mit Laptop. Immerhin

Während des gesamten Fluges muss ich an mein Handy denken, das mich immer begleitet und jetzt so nutzlos auf dem Tisch liegt. Erst in fünf Wochen werde ich es wiedersehen. Und was mache ich die ganze Zeit ohne? 63 Millionen Handy-Besitzer gibt es in Deutschland, fast jeder, der lesen kann, hat eins. Nur ich nicht. Ich stelle meinen Sitz auf Liegeposition und fange innerlich an zu jammern: Alle Telefonnummern sind drauf, ich kann keine SMSe lesen und schreiben, keine Nachrichten abhören und zurückrufen. Meine Freunde werden denken, ich hätte sie vergessen oder wäre sterbenskrank. Schreckliche Gedanken durchkreisen mein Hirn. Bis wir unsere Wohnung in Hamburg erreicht haben – denn da steht ja immerhin mein Laptop. Mit dem kann ich zwar nicht telefonieren, aber mailen. Meine Nerven beruhigen sich allmählich. Ich fahre den Mac hoch und checke die Eingänge: Außer jede Menge Spams und Werbung nichts drauf. Keiner heißt mich im grauen Hamburg willkommen, keiner lädt zu einer Party ein, keiner erwartet mich zurück. Oh doch, Hans hat sein Handy ja noch und da sind ein paar schöne Nachrichten drauf. Aber eben nicht für mich allein – von den besten Freundinnen. Am nächsten Tag werde ich sie einfach auf dem Festnetz anrufen. Das haben noch alle, obwohl eine Handy-Flatrate das Teil eigentlich überflüssig macht. Nachts wache ich auf und denke: Mist, ich habe gar keine Festnetznummern notiert! Mein Filofax wurde schon vor Jahren durchs Handy ersetzt. Aber es gibt ja noch das Telefonbuch im Internet. Beruhigt drehe ich mich auf die Seite und schlafe wieder ein …

ohne Handy

Ohne Handy: Iris Bader war 20 Jahre lang Redakteurin bei Gruner und Jahr, bevor sie sich selbstständig machte. Sie arbeitet heute als freie Journalistin in Hamburg und auf Korfu. Seit neun Jahren verbringt sie mit ihrem Mann die Sommermonate auf der Insel

Gleich am nächsten Morgen durchforsche ich die Telefonbuchseiten im Netz. Das Ergebnis: Nur von einer Freundin habe ich die Nummer, die anderen stehen entweder nicht drin oder nur mit Nachnamen ohne Adresse. Und wenn der Name nicht gerade Krauseklöben lautet oder ähnlich ausgefallen ist, gibt’s davon jede Menge in Hamburg. Und nun? Da fällt mit ein, in irgendeiner Schublade muss doch noch ein handgeschriebenes Telefonbuch von mir sein. Schuhkartons werden aus dem Schrank gezerrt und ausgekippt. Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich auch noch Tagebücher aus der Teeniezeit gelesen und herzhaft gelacht habe, finde ich mein Telefonbuch. So alt ist es ja gar nicht. Vor ein paar Jahren noch habe ich die Adresse von Kerstin dort notiert, mit Telefonnummer versteht sich. Und die stimmt auch noch. Bei allen Freundinnen klappt die Telefonbuchrecherche allerdings nicht. Aber ein Anfang ist gemacht. Und ab heute werde ich alle Adressen und Telefonnummern mit dreifacher Buchführung ablegen: handschriftlich, im Laptop und im Handy (wenn es wieder bei mir ist).

So langsam kommt Routine in meine Handylosigkeit. Für morgen bin ich mit Susanne verabredet, die ich vor der Arbeit übers Festnetz erreicht habe. Ihre Reaktion: „Was, du bist das? Meine Mutter ist eigentlich die einzige, die mich über diese Nummer anruft.“ Kein Handy heißt also: Nicht mehr in der Zeit, aber so was von nicht …

Voll kompliziert: Verabredungen ohne Handy

Susanne und ich wollen uns um 19.00 Uhr vor dem Kino treffen und dann entscheiden: Film gucken oder lieber zum Italiener. Kurz vor sieben bin ich da – und warte. Es wird Viertel nach sieben, zwanzig nach … Was ist da los? Griff in die Handtasche. Das Handy ist nicht drin, begreif’s doch endlich!!! Es ist schon interessant: In Zeiten von Handys ist man schnell bereit, eine Verspätung zu verzeihen oder sich selber mal eine zu gönnen. Schließlich kann man rechtzeitig anrufen und sich schon mal dafür entschuldigen … Aber jetzt, so allein, ohne Handy? Man macht sich Sorgen, man wird sauer, eine Missachtung ist das … Da kommt Susanne um die Ecke – und gar nicht schuldbewusst. Wir hatten uns um 19.30 Uhr verabredet („weißt Du nicht mehr?“). Es wurde dann doch noch ein entspannter Abend. Nur mit Freunden, die von Haus aus unpünktlich sind, muss ich mir noch was einfallen lassen. Meine Idee: Ich verabredet mich einfach eine halbe Stunde früher und bin selber dreißig Minuten später da, das passt schon. Not macht erfinderisch.

Ach, da fällt mit ein, ich muss schnell noch eine Arztrechnung überweisen, sonst mahnen die mich noch. Online-Banking ist schon eine feine Sache. Ich fülle die Überweisungsdaten aus und weiter geht’s zur Tan-Anforderung – übers Handy. Mist! Jetzt hatte ich mein Leben gerade auf „handylos“ programmiert und dann das. Die Überweisung muss raus! Hans, der Online-Banking sowieso für viel zu riskant hält, gibt mir den guten Tipp: „Füll eine Überweisung per Hand aus, und gib sie bei der Bank ab.“ Überweisung ausfüllen. Hab ich diese Zettel überhaupt noch. Ich habe. Allerdings nur die uralten ohne IBAN, noch mit Bankleitzahl und Kontonummer, aber die gelten ja auch noch. Also alles halb so wild.

ohne Handy in Griechenland 40-something.de

Korfu: wunderschön. Mit oder ohne Handy

Und doch, wenn ich dran denke, dass ich morgen wieder zu meinem Handy fliege, kommt Freude auf … Da liegt es noch so, wie ich es verlassen habe – allerdings ohne Power. Es braucht dringend Strom. Ein paar Stunden werde ich mich gedulden müssen, bis es wieder voll einsetzbar ist. Ich habe auch genug anderes zu tun: Haus durchfegen, Betten frisch beziehen, Einkaufsliste machen … Und abends geht’s erst mal zum Fischessen in unsere Lieblingstaverne. Wir klönen ein bisschen mit der Wirtin über die bevorstehende Saison und lassen es uns gut gehen. Morgen werde ich mich dem Garten widmen: Brunnenkresse pflanzen, Rosen beschneiden, Unkraut jäten. Und – nicht zu vergessen – das Mittelmeer liegt vor unserer Haustür. Es glitzert verlockend in der Sonne und wartet auf uns. Am Strand kann man ungestört lesen und den Fischerbooten nachschauen, die von Möwen umkreist werden … Mein Handy? Total vergessen!

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