Auswandern über 40: nichts für Feiglinge

„Pescadito frito“ statt Stulle, sonntags an den Strand statt in den Park und immerzu Sonne, am besten gleich rund um die Uhr: Gerade in der wettertechnisch trübsten Phase des Jahres träumen viele Menschen vom Auswandern. Und malen sich ein anderes Leben in den schönsten Farben aus. Muss ja nicht gleich Südsee sein, Spanien, Italien oder Südfrankreich täten’s auch schon. Verena probiert dieses Jahr die Ultralight-Version aus und hat sich bei einer Freundin in Barcelona einquartiert, um dort an einem Romanmanuskript zu schreiben – allerdings nur für zwei Wochen. Ihre bezaubernde Gastgeberin Hannah S. Fricke lebt dagegen schon seit zehn Jahren in Spanien und betreibt dort ihre eigene Werbeagentur. Ein mutiger Schritt: Schließlich war Hannah bei ihrem Umzug auch schon ein 40-something. Wir haben mal probehalber nachgefragt: Auswandern über 40 – Schnapsidee oder realistischer Plan B? Verena wollte wissen, welche persönlichen Voraussetzungen man dafür mitbringen muss. Hannah erzählt:

Nix wie weg? Erstmal auf Probe!

Mein Plan, nach Barcelona zu gehen, ist über mehrere Jahre gereift. Ich habe ein paar Mal im Süden überwintert, ausprobiert, wie sich das anfühlt, und zwar gerade außerhalb der schöneren Jahreszeit. Wie ist das, wenn man in einer schlecht beheizbaren, feuchtkalten Wohnung sitzt und keine alten Freunde in der Nähe hat, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt? Weil ich selbständig bin und keine Familie habe, war so ein Auswandern auf Probe für mich sicherlich leichter zu realisieren als für Leute, die erst Partner und Kinder überzeugen müssen und den Neuanfang für mehrere organisieren müssen. Dennoch würde ich jedem raten, zumindest so lange Zeit am Wunschort zu verbringen, dass man einen Eindruck von Alltag bekommt. Und das passiert nach zwei Monaten eher als an einem verlängerten Wochenende.

Auswandern über 40: Plan mit Tücken

Auswandern über 40

Party! Clubs an Barcelonas Ausgehmeile „La Barcoleneta“ (c) Verena Carl

Sozial begabter Einzelgänger? Zehn Punkte!

Mit Partner und Kindern auszuwandern ist eine Sache – als Single den Schritt zu wagen, eine ganz andere. Am besten kommen meiner Erfahrung nach Typen klar, die schon immer eine gute Beziehung zu sich selbst hatten, die gut allein leben können. Die nicht in Panik verfallen, wenn sie mal ein Wochenende lang mit niemandem reden außer mit der Bäckereiverkäuferin. Man darf sich nämlich keine Illusionen machen: Wer weder im Erasmus-Studenten-Alter ist noch auf das soziale Netzwerk einer internationalen Firma zurückgreifen kann, für den kann es ganz schön lang dauern, bis er neue Freundschaften geschlossen hat.

Sicher ist es dank Social Media und Billigflügen heute einfacher, den Kontakt zu wichtigen Menschen in der Heimat zu halten, aber man muss sich auf Phasen des Alleinseins einstellen – und man will sich ja eine neue Heimat schaffen und auch da Freunde finden. Bei mir hat das einige Zeit gedauert. Unter allen Umständen sollte man zumindest grundlegende Sprachkenntnisse haben und so viel Ahnung davon, wie das Gesundheitssystem und die Sozialversicherung funktionieren, dass man ein böses Erwachen weitgehend ausschließen kann.

Aus Verliebtheit wird Liebe – vielleicht

Man muss sich die Beziehung zu einer Wahlheimat weit weit weg ungefähr so vorstellen wie eine Liebesgeschichte: Sie verläuft in Phasen. Am Anfang ist alles helle Begeisterung, die exotische Umgebung elektrisiert einen, und außerdem sucht man ja auch sich selbst gegenüber nach Bestätigung, dass man es richtig gemacht hat. Dass die neue Stadt, das neue Land das Beste war, das einem passieren konnte. Phase zwei heißt Ernüchterung: Auf einmal versteht man die Sprache besser und stellt fest, dass nicht alle Leute um einen herum nett und lustig sind.

Auf einmal kommen ungeahnte bürokratische Hürden auf einen zu, auf einmal nerven einen Eigenschaften, die man vorher so wahnsinnig sympathisch fand – zum Beispiel das südländische In-den-Tag-hinein-Leben. Und genau wie in der Liebe entscheidet sich erst jetzt, ob’s was Ernstes ist: Wenn ich mein neues Heimatland nicht verändern kann, kann ich mich nur fragen, ob ich es trotz seiner Macken genügend liebe. Oder ob eine Trennung das Beste für beide Seiten ist.

Auswandern über 40

Immer was zu sehen: Kathedrale von Barcelona im Frühlingslicht (c) Verena Carl

Fremd geboren, überall zu Hause

Kennen Sie das Gefühl, anders zu sein als die anderen? Hatten Sie schon häufiger im Leben den Eindruck, nicht dazuzugehören? Das einzige Kind im blauen Pulli zu sein in einer Gruppe von Kindern, die alle rote Pullis tragen? Hervorragend! Dann stehen die Chancen gut, dass Sie auch in einem anderen Land klar kommen, vielleicht sogar besser als zu Hause. Nicht, weil Sie hier auf einmal von allen Seiten verstanden werden oder mehr Gleichgesinnte treffen – sondern weil fremd sein in der Fremde einfach einfacher ist. Wer nirgends stark verwurzelt ist, fühlt sich eher überall daheim.

Nach Plan B kommt Plan C

Auswandern ist keine Straße ohne Wiederkehr. In großer Zahl kommen Menschen auch wieder zurück, weil sich ihre Erwartungen nicht erfüllt haben – laut einer aktuellen Studie waren 40 Prozent aller Rückkehrer schlicht unglücklich mit ihrem Leben im Ausland. Ist das schlimm? Nein, überhaupt nicht. Man muss es sich verzeihen können, dass man etwas ausprobiert und dabei gemerkt hat: Das ist eigentlich nichts für mich. Die meisten Auswanderer halten sich daher ein Hintertürchen offen und behalten zum Beispiel vorerst ihre deutsche Wohnung, die sie für ein Jahr untervermieten. Es schadet auch nicht den Kontakt zu Geschäftskontakten oder ehemaligen Kollegen zu halten für den Fall, dass man doch wieder zurück will und einen Job braucht.

Eines muss man sich allerdings klar machen: Die Welt bleibt nicht an der Stelle stehen, an der man ausgestiegen sind. Das Leben am alten Heimatort geht auch ohne einen weiter, Freunde und Verwandte entwickeln sich und werden durch neue Erlebnisse zusammengehalten, die man selbst nicht teilt. Wer zurück kommt, kommt nicht in dasselbe Deutschland zurück, das er verlassen hat und es gibt noch etwas, an das man sich gewöhnen muss: Wer sich selbst zu Hause immer sehr kosmopolit fand, stellt plötzlich fest: Nirgends fühlt man sich so deutsch wie im Ausland. Plötzlich hört man sich Dinge sagen wie: „Ich bin halt Deutsche.“ Wenn man pünktlich irgendwo erscheint, man macht literweise Glühwein für seine Freunde und lädt plötzlich am Nationalfeiertag zu Bier und Weißwurst ein. Von wem, fragt man sich dann, hat das Kind das bloß?

Auswandern über 40

Daheim in der Welt und in Barcelona: Hannah S. Fricke (c) privat

Ihr wollt mehr über Hannah wissen? Hier geht’s zu ihrem Blog, in den sie sich vor allem mit Reisen und unterschiedlichen Kulturen beschäftigt.

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