Lieblingsbands: Alte Liebe rockt!

Sommer 1995, ein Samstag am Hockenheimring. Unsere Kleider waren kurz, die Temperaturen hoch, und unsere Stimmung oszillierte zwischen aufgekratzt und blasiert-mitleidig. Die Abschiedstournee der „Stones“, das durften meine Freundin Kerstin und ich uns auf keinen Fall entgehen lassen. Das war nicht weniger als eine historische Notwendigkeit: Was, wenn uns unsere damals noch ungeborenen Kinder eines Tages fragen würden, wo wir uns im Sommer der „Voodoo Lounge“-Tour herumgetrieben hatten? So das eine Ende der Stimmungsskala.

Am blasiert-mitleidigen Ende der Skala klang das eher so: Ach Gottchen, ein Rudel Rock-Opas im Alter unserer Eltern, die noch immer einen auf cool machten. Statt sich mit einer Kanne Tee auf ein schottisches Schloss zurückzuziehen und altersgemäß zu versacken. „Aber Mick Jagger ist schon noch irgendwie sexy“, gab Kerstin irgendwann gönnerhaft zu und deutete auf den schwarzgewandeten Hüpfball auf der Bühne. Ganz anders als sein Publikum. Diese blondierten Grauschöpfe! Diese über dem Bauch spannenden Lederjacken! Einfach würdelos. Danach, im Auto, kehrten wir wieder in die Arme von Oasis und Simply Red zurück, unserer Lieblingsbands, und redeten über reale Jungs mit flachen Bäuchen und vollem Haupthaar.

Lieblingsbands kommen in die Jahre – genau wie ihre Fans

An diese denkwürdige „Ätsch-es-war-doch-keine“-Abschiedstournee musste ich letzte Woche denken, als ich in einem Hamburger Club namens Knust vor der Bühne stand. Und erleichtert feststellte, dass der Altersdurchschnitt im Publikum durch meine Anwesenheit nicht exponentiell nach oben schnellte. Wohin ich auch blickte: überall in die Jahre gekommene Fans. Neben mir mein Mann, mit 51 ziemlich genau in jenem Mick-Jagger-Alter, das für Kerstin und mich damals klang wie kurz vor der letzten Pflegestufe. Und auf der Bühne Bernd Begemann (Foto oben): Hamburger Songwriter, Schöpfer unvergesslicher Zeilen („Wir sind zwei Mal zweite Wahl/ Wir sind ein unattraktives Paar“). Okay, nicht so bekannt wie die Stones, aber dafür in Hamburg weltberühmt. Und die Art von Sänger und Gitarrist, den man irgendwann auf offener Bühne bewusstlos schlagen muss, damit er nicht aus Versehen fünf Stunden am Stück Musik macht.

Das war schon so, als ich ihn zum ersten Mal spielen hörte, kurz nach dem denkwürdigen Stones-Konzert. Dabei hat der Kerl mittlerweile keine zehn Jahre mehr bis zum Erreichen des gesetzlichen Rentenalters vor sich. Sichtbar grauer, sichtbar dicker als in den Neunzigern, als er bei einer Talkshow im Regionalfernsehen im Bademantel posierte, als wär’s die eigene WG-Küche. Aber, hey: Sind wir das nicht irgendwie alle, grauer und dicker? Müssen wir deshalb aufhören zu tanzen? Und sind nicht die Ideen hinter der Stirn wichtiger als die Falten darauf?

„Mama, du bist peinlich!“

Am nächsten Morgen, noch immer euphorisiert, beschallte ich den Frühstückstisch mit meinen BB-Lieblingssongs. Denen, die bei Konzerten so zuverlässig mitgegrölt werden, dass der Sänger selbst schon gar nicht mehr den Mund aufmachen muss. Judith, mach deinen Abschluss! Oh, St. Pauli! Meine Kinder prusteten los: „Was ist das denn für ein Quatsch, Mama?“

Vergebens versuchte ich Helen (12) und Henri (9) die Schönheit der Musik und den Wahnwitz der Texte nahe zu bringen. Voller Pathos erzählte ich, wie Begemann und seine Band vor 20 Jahren den Grundstein für meine Hamburg-Liebe gelegt hatten. Weil sie ausgerechnet in einem Münchner Club minutenlang den Hamburger Hafen besungen hatten. Ja, dass es sie beide, Helen und Henri, vielleicht nicht einmal gäbe, wenn ich nicht ein paar Jahre später nach Hamburg gezogen und ihren Vater….„Mama, mach das aus.“. „Ach ja? Und was sind gerade eure Lieblingsbands?“ Sie ratterten Namen aus dem Youtube-Kosmos herunter: Julien Bam, Die Lochis. Netzmusik. Dabei sahen sie mich mit einem Blick an, der mir bekannt vorkam. Was für Kerstin und mich die Stones gewesen waren, war für Helen und Henri Bernd Begemann. Ein Rockopa, der Elternmusik macht. Statt sich würdevoll mit einer Kanne Tee nach Ostwestfalen zurückzuziehen und den Lochis Platz zu machen.

Muss mir das jetzt unangenehm sein? Im Gegenteil. Ich möchte mich in aller Form bei all jenen entschuldigen, die ich damals 1995 am Hockenheimring peinlich fand wegen ihrer zu engen Lederjacken und blonden Strähnen. Ich konnte das damals nur nicht würdigen, aber ihr habt alles richtig gemacht. Ihr habt euch geweigert, mit dem Älterwerden brav und unsichtbar zu werden, genau so wie eure musikalischen Helden. Einfach weiterfeiern, auch wenn das Jackett etwas weiter aufsteht! Das war 1995 genau so angemessen wie 2018. Und, liebe Kerstin: Bei der nächsten Stones-Abschiedstournee sind wir wieder dabei, oder?

Tipp für das Video unten: Bernd Begemann knöpft sein Hemd auf….aber erst in Minute 4:58!

 

 

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