Finanzwissen: „Geld allein ist nichts“

Das liebe Geld … hier bitte einen Stoßseufzer einfügen. Darüber zu sprechen ist vielen peinlich. Anette Weiß (46) ist Finanzberaterin. Sie lehrt an Schulen den Umgang mit Geld und bietet Finanzcoaching an, individuell oder in Gruppen in On- und Offlinekursen. Das eigene Leben berechnen, so erklärt sie, das muss erst einmal gelernt sein. Doch was sollten gerade 40-somethings über Geld wissen, welche Fehler vermieden werden und was tun, wenn es eine finanzielle Notlage gibt?

Finanzlehrerin Anette Weiß (c) privat

40-something: Warum fällt es eigentlich vielen Mensch so schwer, sich mit dem Thema Finanzen zu beschäftigen?
Anette Weiß: Viele empfinden sich als machtlos, was ihre Finanzen und vor allem ihre Altersvorsorge betrifft: Zu groß ist das Themenfeld, zu komplex die Zusammenhänge und geradezu riesig das Misstrauen gegenüber den Produktgebern und Finanzverkäufern. Wenn ich also sowieso dem Staat, meinen beschränkten Verdienstmöglichkeiten und der Finanzindustrie ausgeliefert bin, wieso soll ich mich dann überhaupt einarbeiten? Zu dieser inneren Einstellung kommt dann auch oft noch eine anerzogene Abneigung gegen Zahlen („ich konnte Mathe noch nie leiden!“). Und damit ist die Misere dann perfekt: Wir ergeben uns relativ wehrlos unserem innerern Schweinehund und den Umständen, die wir für nicht beeinflussbar halten.

Und das stimmt nicht?
Nein, wir sind – bis auf ausgesuchte Einzelschicksale – alle in der Lage, unsere momentane und zukünftige finanzielle Situation zu verbessern.

Ich muss mich also um meine Finanzen bemühen – klingt nach Arbeit.
Ja, aber eine, die sich lohnt. Genau wie beim Abnehmen, Rauchen aufhören oder dem Wunsch nach einer besseren Beziehung: Wer etwas will, muss sich anstrengen. Vom Wünschen und Müssen allein passiert nichts. Wollen müssen wir! Diesen Prozess, dieses „Hin-zum-Wollen“ kann dir niemand abnehmen, das hat sehr viel mit Selbsterkenntnis und dem Mut, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, zu tun. Ich kann zwar auf diesem Weg motivieren und jemanden alles beibringen, was er oder sie wissen muss – die Entscheidung aber, an sich selbst zu glauben und sich um die eigene finanzielle Zukunft und Gegenwart bewusst zu kümmern, die trifft jeder für sich.

Was sollte wir denn generell über Geld wissen?
Geld allein ist nichts. Es ist hübsch bedrucktes Papier, das uns ermöglicht, unser Leben so zu leben, wie wir es haben möchten. Sich diesen Sachverhalt klar zu machen, abseits von Gedanken über Kapitalismus, Ausbeutung, Nachhaltigkeit oder was wir noch damit verbinden, ist unglaublich wichtig. Es ist egal, in welcher Währung wir unsere Lebensqualität umrechnen: ob in Geld, Gold, Häuser, Aktien, was auch immer. Es geht darum, festzustellen, welchen Preis – ob in Zeit, Arbeit, Beziehungen oder aber in Geld – wir für unser gewähltes Leben zahlen. Nur wenn wir wissen, wie hoch der Preis ist, können wir auch beurteilen, ob er es uns wert ist. Und nur dann können wir nach Alternativen suchen. Es geht also eigentlich überhaupt nicht um Zahlen,Vertragsbedingungen, Steuern und Finanzprodukte – es geht um unser Leben und das, was wir daraus machen.

Finanzwissen: Bei einigen sitzen die Karten zu locker

Schnell die Kreditkarte zücken, wenn das Bargeld nicht reicht? (c) Pixabay.com

Finanzwissen: auch eine Sache der familiären Prägung

Ist der Umgang mit Geld nicht auch von Typ zu Typ verschieden?
Ich habe mein Problem mit Typen, mit Schubladen. Natürlich wird der Typ „Fließbandarbeiter mit Hauptschulabschluss und Lieblingshobby Wrestling“ nicht so schnell den Weg zu mir finden, wie die „Akademikerin aus einer Unternehmerfamilie nach der Scheidung“ – aber in meinen Kursen und Seminaren sitzt wirklich jeder Typ Mensch. Eine größere Rolle als das Naturell des Einzelnen spielt die Erziehung, das Umfeld und die Werte, an die jemand glaubt. Menschen, die von sich aus sparen, tun das tatsächlich mehr aus Gewohnheit als aus bewusster Entscheidung heraus. Wer im eigenen Einverständnis mit dem Grundsatz „Spare in der Zeit, so hast Du in der Not!“ groß geworden ist, kommt überhaupt nicht auf die Idee, sein gesamtes Einkommen jeden Monat auszugeben. Umgekehrt kann solch ein „Familiengesetz“ auch genau zum Gegenteil führen: Wer sich in der Kindheit dadurch eingeschränkt oder benachteiligt fühlte, wird vielleicht heute noch heimlich rebellieren und echte Probleme haben, sein Geld zusammenzuhalten – egal wie zuverlässig und strebsam er sonst in seinem Leben sein mag.

Welche Fehler werden besonders häufig gemacht?
Da habe ich so eine Art Hitliste … die Rangfolge wechselt allerdings ständig. Erstens: auf andere hören, ohne sich selbst eine fundierte Meinung zu bilden. Zweitens: sich nicht selbst kümmern, weil es ja ein anderer (Partner, Eltern…) tut. Auf Platz drei steht es, Finanzprodukte nicht selbst durchzurechnen und nicht nachzufragen, wer woran wie viel verdient. Es gibt nämlich niemals etwas umsonst, selbst eine Null-Prozent-Finanzierung ist nicht kostenlos. Auch wer dauerhaft mehr ausgibt als, er oder sie einnimmt, macht sich seine wahre Ausgabensituation nicht bewusst und strebt nicht danach, die Einnahmen zu erhöhen. Und der fünfte große Fehler ist es, ohne Netz und doppelten Boden, also ohne Rücklagen und ohne Absicherung zu arbeiten.

Durch solche Fehler, aber auch durch eine Trennung oder einen Jobverlust, geraten Menschen in finanzielle Not. Was oder wer kann da helfen?
Die Umstände werden nur dann zu Notsituationen, wenn ich nicht vorgesorgt habe. Was sich jetzt erstmal unglaublich hart anhört, ist keineswegs so gemeint. Es hilft aber nicht, sich über sich selbst oder den vermeintlich anderen Verantwortlichen zu ärgern. Selbstverständlich muss man das später aufarbeiten, es bindet aber im Augenblick der Not Ressourcen, die jetzt gebraucht werden. Die Karten müssen auf den Tisch, es hilft nur, sich mutig der Situation zu stellen. Der Weg zur Hausbank und zur Familie ist obligatorisch.

Ich würde auch nicht raten, die Situation im Freundeskreis zu verheimlichen. Menschen, die einen kennen, merken, wenn etwas nicht stimmt. Wahre Freunde verurteilen einen auch nicht, wenn man Geldprobleme hat. Wer sich öffnet, gibt seinen Freunden auch die Gelegenheit, zu unterstützen – vielleicht haben sie Ideen oder Kontakte, die weiterhelfen. Wichtig ist jetzt, konsequent alle Ausgaben zurückzustreichen und nach neuen Einnahmequellen zu suchen, es finden sich immer Mittel und Möglichkeiten. Wenn wirklich alle Stricke reißen, bleibt der Gang zur Schuldenberatung und wenn es wirklich sein muss, der Weg in die Privatinsolvenz – auch wenn das natürlich wirklich ein hoher Preis für ein früheres Leben ist, so ist es doch ein Ausweg, dessen man sich nicht schämen muss. Solange die eigene und die Gesundheit der Liebsten nicht beeinträchtigt sind, gibt es in unseren Breitengraden keine finanzielle Situation, die wirklich ausweglos ist.

Finanzwissen: Und was ist noch wichtig?

Viele Frauen arbeiten in Teilzeit oder zahlen als Selbstständige wenig in die Altersvorsorge ein. Wie sollten sie vorsorgen?
Frauen, die in gesicherten Verhältnissen wegen der Kinder Teilzeit arbeiten, brauchen einen Ausgleich in der Altersvorsorge – und zwar auf ihren eigenen Namen, nicht zusammen mit dem Partner. Neben der Riestervorsorge, die ich hier für eine probate Ergänzung zur gesetzlichen Rentenversicherung erachte, gehört dazu auch eigenes Geld: Egal ob in Form eines Sparbuchs, Depots, Hausanteils oder einer Rentenversicherung.

Eigentlich sollte sich jede Frau in guten Zeiten mit ihrem Partner zusammensetzen und besprechen, wie beide zusammen den Preis dafür bezahlen, dass man gemeinsam Kinder bekommen hat und sich ebenso gemeinsam dazu entschlossen hat, dass einer eben „nur“ Teilzeit arbeitet. Selbständige Frauen müssen sogar noch einen Schritt weiter gehen: Hier geht es nicht allein um Altersvorsorge, hier geht es darum, Vermögen aufzubauen. Das fängt bei der Bepreisung der eigenen Leistung, des eigenen Produkts an und hört bei der Herausbildung unternehmerischen Denkens noch lange nicht auf: Wer selbständig arbeitet, ist auch selbst dafür verantwortlich, sich das eigene Netz und den doppelten Boden zu schaffen. Das ist kein Hexenwerk, erfordert aber in besonderem Maße die Beschäftigung mit betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen und finanzieller Persönlichkeitsbildung.

Finanzwissen: Shoppen macht ohne Geld wenig Spaß

Nicht das Geld macht glücklich, sondern, das was es für uns bedeutet (c) www.pixabay

Was wären die fünf wichtigsten Tipps für 40-somethings?
Da Zeit eine so unglaublich wichtige Rolle im Zusammenhang mit Geld spielt, hört ab 40 der Spaß auf. Es ist keine Luft nach oben mehr, das Thema auf die lange Bank zu schieben. Noch ist genug Zeit – 25, vielleicht 30 Jahre – die  Zukunft zu organisieren und gleichzeitig auch heute ein gutes Leben zu führen. Mit jedem Jahr mehr, dass du aber verstreichen lässt, ohne dich zu kümmern, wird es unangenehmer – und eigentlich weißt du das auch selbst.
Also, hier meine fünf Tipps:

1. Fang heute an.
2. Mach eine Bestandsaufnahme: Wo stehst du, wo willst du hin?
3. Sei ehrlich zu dir selbst.
4. Rechne so, als wärst du alleine und würdest 100 Jahre alt.
5. Entscheide dich zu wollen.

 

Mehr über Anette Weiß und ihre Arbeit in ihrem Blog: geldwert- finanz.de. Der ersten Teil der Serie „Umgang mit Geld – darüber spricht man nicht“ ist hier bei 40-something.de nachzulesen.

Möchtet ihr mehr wissen? Oder habt konkrete Fragen zum Thema Finanzen? Dann schickt uns gern eine Mail oder einen Kommentar – und dann schreiben wir auch einen dritten Teil zu diesem wichtigen Thema!

 

 

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