Feministin: Ich bin eine – und damit nicht allein

Ich muss wohl eine Mütze für die Kanzlerin stricken. Denn ich finde, sie hat einen Pussy-Hat mit ihrem Auftritt auf dem W20-Frauengipfel verdient. Viele kluge und wichtige Frauen – und Ivanka Trump –  sprachen über die Rechte von Frauen. Und über die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Noch immer muss darüber diskutiert werden … aber dank Angela Merkel hat ja nun der Feminismus eine neue Fürsprecherin. Oder?

Feministin - meine Mutter ist auch eine

Meine Mutter (rechts) 1981 auf einem Infostand (c) Plagge

Meine Geschichte des Feminismus

Mädchen sind genauso schlau wie Jungen … so fing ein Lied auf meiner Kinder-Schallplatte vom Grips-Theater an. Ich erinnere mich noch sehr, dass ich das komisch fand. Denn das ist doch selbstverständlich, fand ich. In den frühen 70ern trugen wir Kinder bunte Kleidung und lange Haare – egal ob Junge oder Mädchen. Die Neue Frauenbewegung der 80er Jahre habe ich später sehr bewusst erlebt: meine Mutter war sehr aktiv, organisierte mit anderen Frauen Demonstrationen und Frauenfeste. Bei den Feiern durfte ich dabei sein und vorher unendlich viele Frikadellen formen.

Ich erlebte starke, selbstbewusste Frauen. Aber auch einige, die nicht wirklich für die Gleichberechtigung waren. Mein kleiner Bruder, damals knapp zwei Jahre alt, durfte nicht mit in den Frauenbuchladen. „Schwanzträger bleiben draußen“, sagte eine Frau mit barscher Stimme und Kurzhaarfrisur. Ich musste auf ihn aufpassen und blieb mit ihm vor der Tür. Damals war ich zehn Jahre alt und es war das erste Mal, dass ich eine bewusste Ausgrenzung erlebte. Was konnte denn ein Kleinkind für sein Geschlecht? Wie soll das funktionieren, wenn alle gleiche Rechte haben sollen, aber einige draußen bleiben müssen?

Ganz links der kleine Bruder mit Streifenmütze  – falsches Geschlecht für den Frauenbuchladen?  (c) S. Plagge

Ein „Aha-Moment“, der mich in meiner Auseinandersetzung mit dem Feminismus begleitet hat. Mein eigenes Erleben, das ich ja lange nicht thematisierte, ließ mich die Rolle der Frau anders sehen. Und gerade weil ich so einen Übergriff erleben musste, setzte ich mich für Rechte von Frauen ein. Und von Männern. Denn kann eine Änderung nicht nur dann stattfinden, wenn alle etwas ändern? Wenn Männer selbstverständlich Kinder erziehen und Frauen nachts die Straßen erobern?

Im Studium gab es die Forderung, männliche Kommilitonen aus dem Seminar „Frauengeschichte“ auszuschließen. Solidarisch verließ ich mit den drei interessierten Männern, die sich überhaupt zu der Veranstaltung gewagt hatten, den Raum. Und führte danach ein unwahrscheinlich tolles Gespräch mit einem, der sich selbst als Feminist bezeichnet. Mein Vater fand den Begriff klasse. Er hatte immer schon erklärt, dass sein Beitrag zur Frauenbewegung darin bestand, meiner Mutter den Rücken zu stärken und auf uns Kinder aufzupassen. Damit war er seiner Zeit voraus.

Und ich – bin ich auch Feministin? Klar, selbstverständlich

Lange Jahre war ich viel damit beschäftigt, gleichberechtigt zu leben. Wer steht auf, wenn das Baby weint? Das war keine Feminismus-Debatte, da ging es schlichtweg um gleiche Pflichten für beide Elternteile. Eigentlich waren wir uns ja einig. Nur viel zu müde. Ja, klar machte ich mir auch weiterhin Gedanken über die Rollen von Männer und Frauen. Meine Tochter und auch mein Sohn sollten die gleichen Rechte und Chancen haben. Selbstverständlich, dachte ich.

Doch weltweit gibt es eine furchtbare Rückwärtsbewegung. Und während sein Töchterchen ein wenig zaghaft die Hand hob, als auf dem Podium gefragt wurde, wer Feministin sei, sorgt der US-Präsident mit seine frauenfeindlichen Äußerungen ganz sicher nicht für Gleichberechtigung. Vor 100 Jahren kämpften Frauen um das Wahlrecht, heute gehen sie auf die Straße um die hart erkämpften Rechte vor den Autokraten dieser Welt zu verteidigen. Ihr Zeichen: der Pussy-Hat in allen Schattierungen einer Vulva.

Mit genau so einer Mütze war auch ich auf dem Weltfrauentag. Stricken für Feminismus? Meine Mutter schüttelte ungläubig den Kopf. Noch ungläubiger war sie allerdings, als ich ihr erzählte, dass ja auch Angela Merkel Feministin sei. Hat sie das gesagt? Doch ja!

Eigentlich wollte die Kanzlerin sich ja nicht mit den Federn des Feminismus schmücken. Doch dann definierte die niederländische Königin Maxima, was denn eigentlich eine Feministin sei: „Ich denke, eine Feministin ist jemand, der möchte, dass alle Frauen die Chance haben, glücklich und stolz auf sich selbst zu sein.“ Für die Journalistin Beate Wedekind war das der Höhepunkt der Veranstaltung, denn mit verschmitztem Lächeln antwortete Angela Merkel: „Dann bin ich auch eine.“

Angela Merkel ist eine Feministin – ein kleiner Anfang

Tja. Ist jetzt die Debatte um die jüngeren Feministinnen, die es doch glatt wagen, selbstbewusst und feminin aufzutreten und gar auch noch sehr aktiv im Internet zu sein überholt? Steht Angela Merkel für eine neue Form des Feminismus? Eher nicht, denn Gleichberechtigung ist mehr als eine Chance auf das Glücklichsein.

Es geht darum, dass Frauen und Männer gesellschaftlich wirklich gleich gestellt sind. Das Mädchen wild und Jungen sensibel sein dürfen. Es ist noch immer vieles nicht erreicht. Aber einiges schon. Ja, Frauen dürfen heute selbstbewusst und auch mit schönen Kleidern Karriere machen. Und Kanzlerin werden. Aber es ist nach wie vor wichtig, dass auch Männer sich einbringen. Männer, die auch ihren Teil zum Feminismus beitragen, wie Robert Franken wunderbar fordert.

Der Duden hat eine andere Definition (c) S. Plagge

Vielleicht ist gerade jetzt eine neue Feminismusdebatte wichtig. Aber solange in der Berichterstattung über den W20 die Blumenkleider der Teilnehmerinnen dominieren, ist es noch ein weiter Weg. Ja, ich bin Feministin. Weil ich es wichtig finde, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Weil wir noch immer in einem Land leben, in dem Frauen Opfer sexueller Übergriffe werden, weil Lohngleichheit noch immer ein Thema ist. Und so viele, viele andere Themen auch.  Es ist noch ein weiter Weg. Aber wir werden immer mehr Feministinnen und Feministen, das macht Mut! Und nun ist Angela Merkel eine von uns …

Nun ja, die Definition von Feminismus, der sie so zustimmt, ist vielleicht zu wenig. Aber Angela Merkel ist durchaus ein Vorbild. Die mächtige Frau begegnet souverän den ach-so wichtigen Männer der Weltpolitik. Und mit ihrer so sprechenden Mimik, auch bei ihrem USA-Besuch, beeindruckte sie mich. Angela Merkel ist sich treu, und kann nur schwer verbergen, dass sie von den Macho-Sprüchen wenig hält, fast verschmitzt wirkte sie. Dass Mädchen genauso klug sind wie Jungen, dass scheint sie nie in Frage zu stellen.  Oder sogar schlauer? Manchmal sagen Blicke mehr als Worte.  Wird sie jetzt zur Vorkämpferin der Frauenrechte? Das wäre doch toll. An welche Adresse schicke ich die neue Mütze?

 

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