Für meinen Vater: Brief zum 75. Geburtstag

Lieber Uwi,

mein Uwe-Papa. Deinen 50. Geburtstag haben wir riesig gefeiert. Mit Freunden und Bekannten. Aber nicht so groß, wie du es dir gewünscht hast. Denn du warst schon krank. An deinem 75. Geburtstag, da hättest du bestimmt gefeiert. Du sitzt da oben auf einer Wolke und guckst runter, oder?

Ich vermisse dich. Immer noch. Immer wieder. Jeden Tag sehe ich dich in deinen Enkelkindern. Weißt du noch, damals auf der Familienfeier in Braunschweig? Du hast dich lustig darüber gemacht, dass der Sohn deines Cousins dem Opa ähnelt. „Muss ein komische Gefühl sein, den eigenen Vater groß zu ziehen.“ Tja, wenn mein Sohn, dein Enkelsohn, die Augenbrauen mürrisch zusammenzieht oder verschmitzt guckt, dann sieht er aus wie du. Wie sein Großvater.

Uwe R. Plagge als Student

Selbstportrait in der Studentenzeit (c) Uwe R. Plagge

Heute weiß ich, dass ich großes Glück hatte. Ich durfte 23 Jahre lang einen Vater haben, der immer für uns Kinder da war. Vor 30 Jahren hast du furchtbar geweint am Flughafen in Frankfurt, hieltest mich so fest umarmt. Du hast deine 16jährige Tochter für ein Jahr verabschiedet. Die Wochen vorher haben wir uns furchtbar gestritten, nichts konnte ich dir recht machen. Wir haben uns ziemlich angebrüllt. Dass dir das Loslassen so schwer fiel, verstand ich erst am Flughafen.

Du hast mir ein Puppenhaus in wochenlanger Arbeit gebastelt, es sah aus wie unser Haus. Wir haben einiges zusammen gebaut –  ich hatte neben dir im Keller eine Werkecke und im Sommer schmecke ich noch immer das Wasser unseres Badesees. Nach der Arbeit hast du mich abgeholt und wir beide sprangen schnell vom Steg hinein. Du hast mir jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen. Und bist dabei manchmal eingeschlafen. Eines der letzten Vorlesebücher war „Die Brüder Löwenherz“.  In deinen letzten Wochen 1993 sprachst du wieder Nangijala. Ob du dort oben in einem Reetdach-Haus wartest?

Uwe, Lotte und Silke Plagge

Damals noch zu dritt: Kleinfamilie 1970 (c) Plagge

Dänemark war dein Traumland.  Reiseplänen schmieden eines deiner liebsten Hobbys. Im Alter wolltest du mit deiner Frau Lotti im Wohnmobil viele Länder bereisen. „Aber bis zur Rente ist es noch lange hin.“ Meine Mutter war so alt wie ich es jetzt fast bin, als sie, als wir, dich verabschiedet haben. Sie war  47 und du 51 Jahre alt, als du starbst. Du hast so gern gelebt. Falsch und gern gesungen. Leidenschaftlich gern Kartoffelpuffer gekocht und diese Restepfanne, bei der du immer sämtlichen Aufschnitt verwendet hast. Die aß ich weniger gern. Mit meinem kleinen Bruder Jan hast du stundenlang lustige Radioshows mit dem Kassettenrekorder aufgenommen. Ausflüge mit uns zweien, später dreien gemacht.

Uwe und Familie auf Reisen

Hipster-Reise-Look in den 70er und 80er Jahren (c) Silke Plagge

Ich sehe dich auch in deinen Bildern. Kreativität war deine Leidenschaft. Im Urlaub hast du dich gern zurückgezogen. Fand ich als Kind oft doof. Aber du brauchtest diese Zeit für dich und deine Kunst. Wunderschöne Landschaftsbilder, filigrane Zeichnungen. Ganz anders als das, was du als Grafiker im Alltag gemacht hast. Du hast oft gesagt, du seiest Gebrauchsgrafiker. Verpackungen, Broschüren, aber auch Logos hast du entworfen. Auf deine erste Ausstellung deiner Urlaubszeichnungen warst du mit Recht stolz. Die Preise hast du extra hoch angesetzt, um keines der Bilder zu verkaufen. Was du heute wohl zeichnen würdest? Du hast darauf bestanden, dass mein erster Computer ein Apple war, weil du neugierig mitlernen wolltest. Ich glaube das Internet hätte dir ziemlich gut gefallen.

Uwe und seine Bilder

Urlaubszeichnungen an der Wand 1986 (c) Silke Plagge

Als ich auszog, rumpelte es zwischen uns. Damals, als du mit mir meine erste Wohnung tapeziert hast, hätten wir uns beinahe im Anschluss die Farbeimer an den Kopf geworfen. Du hattest klare Vorstellungen, wie es aussehen sollte. Ich auch. Wir beide brauchten Abstand, weil wir uns so nah waren. Aber da Jan ja acht Jahre jünger ist und in meinem Auszugjahr auch der Gastbruder Grady bei uns lebte, war es nicht langweilig. Du hast mir als Studentin keine Wahl gelassen und mich mit dem Rest der Familie mit zu einem Kurzurlaub 1991 nach Dänemark geschleppt. Es war der letzte gemeinsame Urlaub.

Uwe und Lotte Plagge Silberhochzeit

Silberhochzeit von Lotte und Uwe Plagge 1992 (c) Silke Plagge

Manchmal möchte ich einfach zum Telefon greifen. Dir von den Enkelkindern erzählen. Bestimmt hättest du denen auch so ein schönes riesiges Bild an die Kinderzimmerwand gemalt. Ich hatte einen Baum mit Taube im Zimmer, mein Bruder Jan einen Heißluftballon. Ich würde deine Nummer wählen, vielleicht wärst du gerade dabei, die letzten Vorbereitungen für die Party zu treffen. Hättest deine Lieblingsmusik rausgelegt, Dire Straits, Deep Purple und Pink Floyd.

Die werde ich am 24. 11. für dich auflegen. An dein Lachen denken, an deine mitreißende Art. An deinen Mut und deinen praktischen Rat. An deine Ungeduld und an deine Lebensfreude. Du bist unvergessen!

Alles Gute zum 75. Geburtstag,
in Liebe
deine Silke

4 thoughts on “Für meinen Vater: Brief zum 75. Geburtstag

  1. Elissa Marshall

    Heart warming, touching and a lovely letter. My German is not terribly good, but from what I can understand, Uwe would be proud.

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    • Silke R. Plagge Post author

      Dear Elissa,

      thank you so much, dearest cousin <3. Keeping in touch and family were things he valued - he sure would have loved to see, that we keep in touch. Lots of love xoxo, yours Silke

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  2. Wortpiratin

    Ja. Und nochmal: ja. Und wieder. Viel genickt beim Lesen. Und Tränchen verdrückt. Das Vermissen bleibt. Ich habe meinem Paps anfangs Briefe geschrieben. Später dann viel über ihn geschrieben. Er wäre dieses Jahr 80 geworden. Danke für deine Worte.

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    • Silke R. Plagge Post author

      Du Liebe …
      herzlichen Dank. Ja, das Vermissen bleibt. Es tut aber weniger weh, denn ich empfinde die Erinnerung mittlerweile als wertvolles Geschenk. Ich hoffe, dir geht es auch so. Alles Liebe, Silke

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