Rape Culture ? Das Schweigen brechen …

Ein kleiner, alter, granteliger Mann sitzt an seinem Schreibtisch und tippt einen Satz. Er mag keine „Gutmenschen“, ärgert sich, dass zwei Journalistinnen zweifeln, ob die vielen angezeigten Vorfälle in Köln wirklich passiert seien. Er schreibt, dass er diese Sichtweise für Unsinn hält, mehr noch: „Und den beiden Frauen vom ‚Tagesspiegel‘ wünsche ich, dass sie vom IS nach Rakka eingeladen werden, um zu erfahren, was Rape Culture bedeutet.“

Rape Culture? Was soll das sein?

Es ist widerlich, was Silvester passiert ist. Aber was soll diese komische Wortschöpfung bedeuten? Schreiben wir es doch auf englisch, liest sich dann harmlos? Rape Culture. Ich könnte kotzen. Es gibt keine „Vergewaltigungskultur“. Damit werden tatsächlich die Opfer erneut zu Opfern gemacht.

Auch ich bin eines. Nein. Ich war nicht in Köln oder auf der Hamburger Reeperbahn. Aber mir ist das passiert, was vielen Frauen passiert. Und ich habe genau das gemacht, was viele Frauen machen. Ich habe geschwiegen. Jedenfalls meistens. Unter Frauen, in kleiner Runde, da habe ich schon mal ausgepackt. Da wird das Thema sexuelle Gewalt schon offen besprochen. Im öffentlichen Diskurs, in Magazinen und Zeitungen, findet das Thema statt, wenn mal wieder ein neuer Missbrauchsskandal aufgedeckt wird, inklusive Zahlen, Studien, Experteninterviews.

Doch das persönlich Erlebte öffentlich schildern? Das ist mehr als unangenehm. Denn „du Opfer“, das ist doch ein Schimpfwort. Ein Opfer, das ist passiv, das muss sich immer fragen, ob es nicht doch Mitschuld trägt. Weil der Ausschnitt zu tief war, die Haare zu lang oder Frauen doch bitte öffentliche Plätze meiden sollten. Wer eigene Erfahrungen schildert, macht sich angreifbar, zeigt sich verletzlich und schwach. Um ehrlich zu sein, auch ich wollte das nicht.  Aber in den letzten Tagen geht es mir richtig schlecht. Es kommen durch die penetrante Berichterstattung Bilder und beklemmende Gefühle wieder hoch, die ich seit gut 25 Jahren verdrängt habe. Und darum breche ich nun mein Schweigen.

Schweigen brechen

1990 – Führerscheinfoto, Getränkechip von der Disse und Kalender (c) S. Plagge

„Du willst das doch auch“ – Meine Geschichte

Ich war 20 Jahre alt. Es waren die Sommerferien nach dem Abitur und vor dem Umzug in die Uni-Stadt. Meine Eltern waren ohne mich verreist. Ich hatte einen netten Ferienjob und freute mich über die lauen Sommernächte. Fast jeden zweiten Abend war ich mit Freunden tanzen. Ich trug mein Lieblings-Outfit, einen schwarzes enges T-Shirt und Jeans. Ja, das T-Shirt hatte einen großzügigen Ausschnitt. Warum auch nicht? Ich flirtete gern und hatte gerade angefangen, mich und meinen Körper zu mögen. Die Luft war verraucht, die Musik tanzbar und das Bier schmeckte auch. Ich war etwas angeheitert, sonst wäre ich nicht gestolpert und hätte mein Getränk verschüttet. Auf die Hose eines gut aussehenden dunkelhaarigen Typen. Er lachte. Ich auch. „Lust zu tanzen?“ Ja.

So fing das an. Normal. Irgendwann küssten wir uns und ich merkte, dass da etwas kribbelte. Ich wollte ihn gern wiedersehen und gab ihm meine Telefonnummer. Wir telefonierten lange am nächsten Tag, gingen ins Kino. Und dann zu mir. Ich mochte ihn. Ich erinnere mich noch, dass wir auf dem Sofa im Wohnzimmer meiner Eltern saßen und ich überlegte, ob ich etwas zu trinken anbieten sollte. Er zog mich an sich. Seine Hände wanderten über meinen Körper, plötzlich nicht mehr zärtlich. „Nein, so nicht. Lass das,“ sagte ich. Er lachte. „Du willst das doch auch.“

Nein. Ich wollte nicht. So jedenfalls nicht. Nicht jetzt, nicht so schnell. Ich war allein im Haus und wusste nicht, was ich tun sollte. Das war ein Scherz, oder? Er zog mich hoch, drängte mich in mein Zimmer. Schubste mich, sodass ich auf dem Bett landete. Er lachte. Dieses Lachen, das ich davor noch so mochte. „Nein!“ „Zieh dich aus!“ Er stand drohend über mir. Das Denken setzte aus, ich versuchte zu fliehen. Zu spät. Mir liefen die Tränen runter, dass weiß ich noch. Dann ist da tatsächlich eine gnädige Erinnerungslücke, nur diffuse Bilder und Schamgefühle. Angst. Schmerz.

Als es vorbei war, fragte dieser Mann: „War es denn schön für dich? Ich rufe dich an.“ Und ging. Ich glaube, ich stand viele Stunden unter der Dusche. Was danach am Schlimmsten war? Vielleicht, dass ich nicht wahrhaben wollte, was passiert war und so tat, als ob gar nichts wäre. Vielleicht, dass ich viele Jahre brauchte, bis ich jemanden von dieser Nacht erzählen konnte. Vielleicht, dass ich mich so sehr vor mir selbst schämte. Vielleicht, dass ich Männern gegenüber plötzlich unsicher und ängstlich war, mich und meinen Körper nicht mehr mochte.

Schweigen brechen

Verleugnen, stilles Entsetzen, Verschweigen, was nicht passiert sein soll (c) Thinkstock

Das Schweigen brechen: Vergewaltigung ist widerlich. Ausnahmslos.

Ich wollte damals mit keinem über diesen Abend sprechen. Polizei? Ich kannte seinen Namen, seine Adresse. Aber ich wollte das alles nicht wahrhaben. Mir sollte so etwas nicht passieren. Ich tat so, als sei nichts passiert. Ich schwieg. Genauso wie viele, sehr, sehr viele andere Frauen.

Es hat Jahre gedauert, bis ich selbst wirklich den Mut fasste, mit anderen darüber zu sprechen. Ein Opfer zu sein, macht klein. Ich wollte und ich will das nicht. Aber nun schreibe ich das hier doch. Warum? Weil mich die aktuelle Debatte so sehr ankotzt. Da wird ernsthaft etwas von „Armlänge“ gefaselt, da wird Frauen gewünscht, dass sie Unfassbares erleben sollen, ekelhafte Phrasen wie „Rape culture“gedroschen. Opfer werden erneut missbraucht. Von Rechten, die polemisch gegen alle Flüchtlinge hetzen und plötzlich Frauenrechte entdecken. Und auch von der anderen Seite, die den Opfern unterstellt, es sei ja gar nichts passiert. Beide Seiten machen mir Angst. Denn hier ist etwas in einer völligen Schräglage.

Jeder Mensch sollte sich jederzeit überall sicher fühlen können, denn alle Formen von sexualisierter Gewalt sollte es nie gegen irgendwen geben. Und das genau sollte das Thema sein. Für Frauen und für Männer. Es ist gut, wenn Männer in der Debatte mitreden. Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach schreibt in seinem Blog „Haltungsturnen“: „Nicht Frauen brauchen Verhaltensregeln sondern Männer müssen die bestehenden Verhaltensregeln akzeptieren. Es ist kein Frauenthema, sondern ein Männerthema. Denn die einzige Gemeinsamkeit, die Täter sexualisierter Gewalt haben, ist, dass sie Männer sind (ok, und, dass sie Arschlöcher sind, ja).“

Aber auch wir Frauen müssen etwas tun. Reden. Darüber, dass es nicht normal sein darf, wenn Frauen sexuelle Übergriffen und unangenehme Situationen erleben, so wie das auch Verena beschrieben hat. Wir Frauen müssen laut werden.  Es kann doch nicht sein, dass noch immer oder schon wieder junge Männer meinen, dass „anständige Frauen“ sich nur ein wenig zieren, wenn sie „Nein“ sagen. Dass sich  junge Frauen einschränken in der Wahl ihrer Kleidung und bestimmte Orte vermeiden.

Es wird Zeit, dass wir nicht mehr schweigen.  So wie Nicole auf ihrem Blog luziapimpinella, wie Lina Mallon, die aus der Sicht der 20-somethings schildert, wie schnell sich eine selbstbewusste junge Frau sehr unwohl fühlen kann. Offensichtlich ist es wichtig offen darüber zu reden, dass sexualisierte Gewalt auch bei uns passiert. Und genau das ist der Hintergrund der Web-Initiative #ausnahmslos. Teresa Bücker ist eine der Initiatorinnen. Auch sie hat sexualisierte Übergriffe erlebt, kennt Frauen in ihrem Umfeld, die misshandelt wurden.  Sie schreibt: „Wenn die Silvesternacht von Köln der Anlass ist, um über Kriminalität zu sprechen, dann haben wir jetzt die Chance auf eine breite Debatte über sexualisierte Gewalt, die sich als gesellschaftliches Problem durch alle Gruppen zieht. Diese Gewalt betrifft 100 Prozent der Bevölkerung weltweit – denn wir sind Teil der Kulturen, in denen Gewalt zum Alltag gehört, toleriert oder gar strategisch eingesetzt wird.“

Darum habe ich mein Schweigen gebrochen. Denn ich bin eine von vielen. Ich habe den Aufruf von #ausnahmslos mit unterzeichnet. Denn es ist wichtig, dass die Taten vom Jahreswechsel umfassend aufgeklärt werden. Es ist wichtig, dass die Opfer Hilfe bekommen und gehört werden. Vor allem aber sollte die Debatte genutzt werden, um Lücken im Straftatbestand der sexuellen Nötigung und der Vergewaltigung zu schließen. Nein heißt Nein. Immer.

16 thoughts on “Rape Culture ? Das Schweigen brechen …

  1. Elke Speidel

    Ich bin vor 50 Jahren fast vergewaltigt worden. Damals war ich zehn Jahre alt und im Kulturhaus (!) zur Klavierstunde, die in ein anderes Zimmer verlegt worden war. Der Junge war 13. Ich habe 20 Jahre gebraucht, um die Beinahe-Vergewaltigung psychisch zu verarbeiten, und es erst nach einer einjährigen Psychotherapie (posttraumatischen Störung) geschafft. Gerettet vor der Vergewaltigung hat mich damals zum einen wohl, dass ich gerade meine Tage hatte (ich war früh dran), was mein Bedränger bemerkte, als er mir die Unterhose herunterriss. Zum anderen – weiß ich aus heutiger Sicht nicht, ob er nicht noch zu sehr Kind war, um eine Vergewaltigung zu Ende führen zu können. Jedenfalls hielt er kurz und verblüfft inne, sodass ich wegrennen konnte, mir noch auf der Treppe das Höschen hochziehend und die verrutschte Binde richtend. Ich habe den Knaben angezeigt und er ist noch am selben Tag von Polizisten windelweich geschlagen worden. Das war alles. Ich hatte sogar ein schlechtes Gewissen deswegen, weil ich Schlagen damals schon ablehnte.

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    • Silke R. Plagge Post author

      Liebe Elke,
      das zu lesen macht mich betroffen. Ich war immerhin eine Erwachsene und konnte daher mit dem Erlebten anders umgehen. Dass du als Kind den Täter angezeigt hast, das war wirklich tapfer! Alles Liebe, Silke

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  2. Kirsten Wick

    Oh Gott wie furchtbar, so etwas wird man sein Leben nicht mehr los. Ich bin mit 12 Jahren fast Opfer einer Vergewaltigung geworden, als ich nach meiner Mathenachhilfe auf eine öffentliche Toilette ging. Dort lauerte jemand auf mich auf und wollte mich in die Toilette drängen. Er war schon halb nackt. Niemand war dort und ich konnte ihm irgendwie zwischen die Beine treten nach einem regelrechten Kampf, da der Typ nicht los lassen wollte. Wie ich das mit 12 geschafft habe ist mir ein Rätsel. Meiner Mutter habe ich es erst so viele Jahre später erzählt. Ich hätte den Kerl aber nicht mal beschreiben können, da er die Mütze einer Regenjacke ins Gesicht gezogen hatte. Fühle Dich gedrückt. Liebste Grüße, Kirsten

    http://www.thelifbissue.com

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  3. Jennifer

    Auch ich war vor 13 Jahren Opfer. Mutig, dass du so offen schreibst. Ich habe es damals vor Gericht geschafft und gewonnen, aber was genau passiert ist. offen im Netz schreiben. Puh. Ich kann es nicht. Allerdings ist die Gesetzeslage eine Qual gewesen 🙁 2 1/2 Jahre Verhandlung und in der Zeit war keine Therapie erlaubt 🙁 Wie es für dich sein muss. Nie darüber gesprochen haben zu können. Schrecklich. Nie den Mut gehabt zu haben diesen Menschen anzuzeigen 🙁 Fühl dich gedrückt.

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  4. Hannes

    Was Wolfgang sagt. Und Danke für deinen Mut, der hoffentlich im positiven und befreienden Sinne ansteckend wirkt. Alles Liebe für dich.

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  5. Hanna

    Mutig. Schweigen brechen ist wichtig.
    Ich habe vor 4 Tagen die Post der Staatsanwaltschaft bekommen, dass die Ermittlungen zur Vergewaltigung eingestellt werden, da die Geschädigte die Räumlichkeiten jederzeit hätte verlassen können.

    Das ist wie es ein zweites Mal erleben zu müssen.
    Ich dachte es ist ein Witz was da steht.

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