Beratungsresistent? Damit ist jetzt Schluss!

Leben ist Veränderung. Manchmal kündigt sie sich mit einem lauten Knall an. Manchmal schleicht sie sich durch die Hintertür und atmet einem so lange in den Nacken, bis man sich umdreht: Ach was – stehst du schon länger hier? So ging es mir vor einiger Zeit, als ich in einem Linienbus eine halsbrecherische italienische Küstenstraße entlangschuckelte und voller Dankbarkeit an meine Mutter dachte.

„Amalfi mit dem Mietauto? Keine gute Idee“, hatte sie gesagt und die schlagenden Argumente gleich mitgeliefert: Straße sauschmal, Verkehr saugefährlich, Parkplätze in den Küstenorten sauknapp und sauteuer. Das wusste sie aus eigener Erfahrung, sie war ja erst im Vorjahr dort gewesen. Alles ganz logisch, eigentlich. Aber erst, während der Bus ganz ohne mein Zutun keuchend Kurve und Kurve nahm, wurde mir klar: Einen guten Rat bekommen hatte ich schon oft, ihn auch beherzigt aber nur selten. Noch vor fünf oder zehn Jahren hätte ich garantiert ein Auto genommen, allen guten Gründen zum Trotz. Nur, um der Welt, mir selbst und meiner Mutter zu beweisen: Erstens weiß ich alles besser. Und zweitens: Sollte ich mich trotzdem jemals irren, gegen jede Wahrscheinlichkeit, dann werdet ihr es nie, nie, nie erfahren.

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Mutter und Tochter: Nur weil man über die gleichen Witze lacht, nimmt man noch lang keinen guten Ratschlag an! (c) pixabay

Beratungsresistent durchs Leben: Da hilft nicht mal Coaching

Mein ganzes Leben lang galt ich als beratungsresistent. Davon kann nicht nur meine Mutter ein Lied singen. Mir selbst war das keineswegs so klar, und es führte um so häufiger zu skurrilen Situationen. Etwa in unserer kollegialen Coachinggruppe: Da legte die Leiterin irgendwann kichernd eine Strichliste an, wie oft pro Tag ich einen Vorschlag mit einem „Ja, aber“, konterte. Weil ich gerne langatmig Jobprobleme schilderte – Ärger mit Honoraren, Lagerkoller im Home-Office – , aber irritiert zurückschreckte, wenn jemand mit einem Lösungsvorschlag um die Ecke kam. Eine konstruktive Idee, die nicht von mir selbst war? Frechheit! Da könnte ja jeder kommen! Das wäre ja noch schöner!

Auch andere Lebenssituationen habe ich stur durchgestanden, weil ich entweder niemanden fragen wollte, der sich damit auskennt, oder fragte, aber die Auskunft nicht für voll nahm. Beispiele? Bitte: Mit 17 trug ich im Freibad lieber volles Makeup als einen Hauch Sonnencreme (die Nase könnte ja glänzen! Und das könnte jemand sehen!); mit 20 fror ich mich stoisch in Shorts, T-Shirt und Sandalen durch einen spanischen Vorfrühling, weil ich nicht einsehen wollte, dass es selbst in Andalusien mal kälter wird als 30 Grad; mit 25 nervte ich meine besten Freundinnen mit der Angewohnheit, zielsicher einen beziehungsunwilligen Mann nach dem anderen anzuschmachten und jedes Mal wortreich zu erklären, warum ausgerechnet jetzt und ausgerechnet bei mir alles anders werden würde. Die Folgen: Sonnenbrand, Dauerschnupfen und mehrfaches Herzgebreche. Lernerfolg? Bescheiden. Andere, völlig aus der Luft gegriffene Ratschläge nahm ich mir absurderweise um so mehr zu Herzen. Jahrelang war ich zum Beispiel ängstlich darauf bedacht, bei Klamotten nie blau mit grün zu kombinieren. Weil das eine coole Mitschülerin uncool gefunden hatte, damals auf der Klassenreise der 8b, 1984. Kindisch? Aber hallo. Und nun, auf einmal, im zarten Alter von 47, passieren mir plötzlich Dinge wie mit diesem Bus in Amalfi. In den ich stieg, obwohl meine Mutter das vernünftig fand. Oder mit dieser Freundin, der ich neulich den noch unausgegorenen Plot eines neuen Romans schilderte. Und die mir dann über eine Tasse Kaffee eine Idee skizzierte, wie aus den losen Fäden ein Muster werden könnte. Und ich? Statt Aufschrei („Nein, das verstehst du völlig falsch! Und außerdem ist das MEINE Geschichte!“) hörte ich dankbar zu, weil ich sofort merkte: Während ich nur Bäume sah, sah sie genau den Wald, in den ich wollte. Da kann man dann ja auch mal lang gehen.

Mütter wissen es besser. Töchter auch.

Ein Happy End? Dachte ich auch, jedenfalls bis vor Kurzem. Da stand ich morgens mit meiner Pre-Teen-Tochter vor dem Kleiderschrank und versuchte sie zu überzeugen, dass (a) Hotpants im März keine gute Idee sind, (b) eine schnelle Vokabelwiederholung vor der Klassenarbeit aber sehr wohl. Die Argumente waren auf meiner Seite, eindeutig. Aber was soll ich sagen: Das Kind war stur. Nein, mehr als das: Sie war völlig beratungsresistent. Ging in Strumpfhosen zur Schule und verwechselte konsequent „read“ und „write“. Was das heißt? Sie kommt nach mir, und ich muss jetzt schätzungsweise 36 Jahre warten, bis sie wieder auf mich hört. Mal sehen, ob meine Midlife-Milde dann immer noch anhält. Oder einem ausgewachsenen Altersstarrsinn meinerseits Platz gemacht hat. Denn: Leben ist Veränderung.

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