SM-Sex: Entfesselt euch!

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Das müssen sich die Marketingstrategen bei Penny gedacht haben, als sie das aktuelle Sonderangebotsblättchen zusammenstellten, gültig vom 18. bis 20. Juni. 2015. Ganz oben bei „Non-Food“ steht der Drucker fürs Heimbüro, es folgt der Winkelschleifer für 24,99 € („inklusive Spindelarretierung, Flanschschlüssel und zwei Kohlebürsten“), und schließlich das Komplettpaket „Shades-of-Grey“: Taschenbuch, Hörbuch, Film-Soundtrack und DVD, ab 7,99 €. Ob es einen direkten Zusammenhang gibt (etwa: Sklavenvertrag auf dem HP3-Multifunktionsgerät ausdrucken, danach sogfältig das Parkett der Heimfolterkammer schleifen und schließlich zur Tat schreiten), entzieht sich meiner Kenntnis. Auch, ob es den Billigsex im Dreierpaket günstiger gibt. Aber wenn es noch eines Beweises brauchte, hier ist er: SM ist der neue Gartenzwerg. Sympathisch, familientauglich, und in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

© Moritz, by flickr.com,  CC BY-NC 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Gut gebaut: SM ist im Trend! © Moritz, by flickr.com, CC BY-NC 2.0
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Wir erinnern uns: Vor drei Jahren beglückte uns Autorin E.L. James zum ersten Mal mit ihrer Saga um den mysteriösen, saureichen und schwer attraktiven Christian Grey und seine Gespielin Anastasia. Und erfüllte damit nicht nur der Buchbranche einen feuchten Traum. Zwar saß die Latex-Fraktion schon in den 90er Jahren gerne im quietschenden Anzug in einschlägigen Late-Night-Sendungen wie „Wa(h)re Liebe“ herum und erklärte, wie aufregend man sich gegenseitig verdrosch. Dennoch galten Sexpraktiken dieser Art weiterhin als Nischenphänomen. Bis der unerwartete Verkaufserfolg (schon der erste Band ging in Deutschland innerhalb von wenigen Wochen 1,2 Millionen Mal über den Ladentisch) bewies: Zumindest in unseren wilden Träumen sind wir fast alle ein bisschen „O“ – und das ist auch gut so.

Dass Shades of Grey mit Literatur etwa so viel zu tun hat wie H & M mit Haute Couture – geschenkt. Die Kombi aus Lore-Roman und Sexratgeber brachte nicht nur der Unterhaltungsbranche ungeahnte Zuwächse, sondern half auch dem schlappen Liebeskugel- und Handschellensegment wieder hoch. Seitdem, so erzählen es Sexshop-Mitarbeiter, bringen Paare die Bücher gelegentlich als praktische Einkaufshilfe mit den Spielzeugladen ihres Vertrauens. Und auch stilvolle Accessoire-Hersteller wie Amorelie bieten das praktische „Shades of Grey“-Einsteigerpaket diskret online an – inklusive Bondage-Body, Satinpeitsche und Blingbling-Handschellen. SM ist derart Mainstream, dass seit Jahren kaum noch ein „Tatort“ ohne mindestens eine hörige Verdächtige auskommt. Selbst die Autorin und Sexualtherapeutin Beatrice Wagner kommt in ihrem Ratgeber, der in diesen Tagen erscheint, immer wieder zum Schluss: Eingeschlafene Liebesbeziehungen lassen sich in vielen Fällen durch eine Kombi aus Dominanz und Spieltrieb retten.

Nun ist es grundsätzlich eine wunderbare Sache, wenn Paare – ob alte oder junge, langjährige oder frischverliebte – die Neugier aneinander wachhalten, Ungewohntes ausprobieren, sich (wieder) näherkommen, gerade, in dem sie Grenzen testen. Der Hamburger Sexualtherapeut Stephan Moschner findet den Trend auch absolut nachvollziehbar: „80 Prozent der Klienten in meiner Praxis haben eine Krise und fragen: Wie können wir die erotische Spannung wieder herstellen, die zu Beginn unserer Beziehung bestand?“ Denn viele Paare hängen fest in einer Endlosschleife des Mittelmaßes: Ich tu nur das, von dem ich glaube, das es dir gefällt. Glaubt auch Matthias Grimme, ein alter Haudegen der Szene, der Bondage-Workshops leitet und das Magazins „Schlagzeilen“ herausgibt – geiler Name, übrigens. Für ihn ist der Flirt mit dem Strenge-Spiel auch ein Ventil, um zu zweit wieder ins Gespräch zu kommen: „BDSM-Paare reden viel über ihre Wünsche, ihre Phantasien, ihre Grenzen, dazu gehört Offenheit, Mut und Vertrauen. Das würde auch Paaren guttun, die mit Kuschelsex ganz zufrieden sind.“

Wahre Worte. Nur: Wenn die Handschellen am Bettpfosten mittlerweile derart normal geworden sind wie der Holzbuddha auf der Fensterbank oder der Wok im Küchenschrank – wo bleibt dann überhaupt noch der Kitzel? Der Hauch des Verbotenen, Ungehörigen, der überhaupt dieses entscheidende bisschen mehr in unserem Kopf auslöst, dort, wo unser wichtigstes Sexualorgan sitzt? Oder ist diese Spielart nicht doch ein bisschen, tja, enteiert, wenn sie schon im Penny-Prospekt zwischen Winkelschleifer und Drucker landet? Genau so, wie es im Jahr 2015 nicht mehr so wirklich rebellisch ist, sich die Haare wachsen zu lassen und bei offenem Autofenster „Rock you like a hurricane“ zu grölen. Weil garantiert keine verkniffene Nachbarin sich vom Balkon aus über den Krach beschwert.

SM-Sex

Bis in alle Ewigkeit gefesselt: Ob das der Liebe guttut? (c) pexels.com

Ich sehe jedenfalls schon den nächsten heißen Trend kommen: Innocent Sex. Im Dunkeln, möglichst wortlos, er oben, sie unten, und hinterher aufspringen und duschen gehen. Selbstverständlich getrennt und mit anschließender Bademantel-Komplettverhüllung. Ob das so eine Riesen-Geschäft wird, weiß ich nicht – aber sicher sehr, sehr aufregend. Denn kaum etwas ist heute noch so tabu wie eine heimliche Vorliebe für stinknormalen Vanilla-Sex. Oder, Schatz?

 

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