Kompliment oder Belästigung? – die andere Seite der #metoo-Debatte

Lieber unbekannter Mann,

danke für deine Frage. Du hast sie in den letzten zwei Wochen so häufig gestellt, in sozialen Medien, in den Kommentarspalten der Nachrichtenseiten und auch abends an der Bar, dass ich den Eindruck habe, sie brennt dir wirklich auf den Nägeln. „Darf ich jetzt keiner Frau mehr ein Kompliment machen, ohne als Sexist beschimpft zu werden?“, fragst du entrüstet in die Diskussion um Hollywood-Grabscher und #metoo-Tweets hinein, und viele pflichten dir bei: Genau! So weit kommt’s noch!

Ich kenne dich nicht, und deshalb bin ich nicht sicher, was hinter deiner empörten Frage steckt. Vielleicht ist es wirklich so ein hemdsärmliges „Die sollen sich nicht so haben, die Weiber“, und dann kann ich dir nur empfehlen, nochmal ein paar Berichte  von Belästigung und Machtmissbrauch zu lesen. Und dir zu überlegen, ob es dir wirklich so egal wäre, wenn jemand so mit Frauen umgeht, die dir am Herzen liegen. Oder mit dir. Vielleicht ist die Frage aber nicht rhetorisch, sondern ganz ernst gemeint – so wie bei meinem alten Freund Benjamin Maack, der sich auf Spiegel online letzte Woche fragte, ob er eigentlich Teil des Problems ist oder Teil der Lösung. Und in dem Fall muss ich ein bisschen weiter ausholen, um sie zu beantworten. Nicht für „uns Frauen“, das will ich mir nicht anmaßen, sondern für mich selbst. Darf ich dir dazu eine Geschichte erzählen?

Kompliment oder Belästigung? Manchmal beides in einem!

Vor ein paar Jahren, kurz nach meinem vierzigsten Geburtstag, lief ich eines Nachmittags durch die Straßen von Sevilla und fühlte mich unsichtbar. Ein verstörendes Gefühl auf einer Reise, auf die ich mich lange gefreut hatte: Endlich die Stadt wiedersehen, in der ich im Jahr nach dem Abitur nicht nur einen Sprachkurs besucht, sondern vor allem drei herrliche, feierfreudige Monate erlebt hatte! Tatsächlich war die Stadt noch ganz wie ich sie kannte, mit ihren Tapasbars, ihren leicht heruntergerockten Plätzen, ihren schattigen Patios. Aber etwas fehlte, und nach einer Weile kam ich drauf: Es waren die beiläufige Rufe auf der Straße. „Qué guapa“, „hallo, du Hübsche“ – damals, 1990, war das ein allgegenwärtiges Grundrauschen, das jeder Frau entgegenschlug. Egal, ob jünger oder etwas älter, egal auch, ob die Figur perfekt war und die Frisur saß. Sogar den Madonnenstatuen bei den Osterprozessionen schallten die „Guapa!“-Rufe hinterher – den Kerlen war einfach nichts heilig.

An manchen Tagen nervte mich dieser Reflex, dieses unpersönliche Gepfeife und Gejohle, mit dem gleichzeitig alle Frauen und auch wieder keine gemeint war. An anderen Tagen fühlte ich mich unter Blicken und Rufen wie das „Girl form Ipanema“ persönlich: sexy und gleichzeitig unangreifbar. 20 Jahre später bemerkte ich irritiert, wie still es um mich herum geworden war. Das war mir auch wieder nicht recht. Ein Gefühl, mit dem ich nicht allein bin. Erst neulich habe ich mich mit dem Romanautor Sven Stricker unterhalten, der einige Geschichten von 40-somethings in der Krise erzählen kann und sagt: Das Gefühl, nicht mehr wahrgenommen zu werden, ist für Frauen meist schmerzhafter als für Männer. Auch das ist wahr, und auch dazu könnte ich Geschichten erzählen. Von Frauen, die entgeistert feststellen, dass manche Hebel nichts mehr in Bewegung setzen, wenn die, die dahinter sitzt, nicht mehr ganz jung und nicht mehr ganz schön ist.

Belästigung oder Kompliment

Me, too: Auch ich bin schon belästigt worden. Aber übersehen auch.

Warum ich keine kollektive Männerbuße mag

Lieber unbekannter Mann, ich gebe dir recht: It’s complicated, ach was, very complicated. Denn zwischen Geht-gar-nicht – etwa: eine Frau, der gekündigt wird, nachdem sie einen Annäherungsversuch zurückweist – und dem zauberhaften, höchstpersönlichen Kompliment eines frisch Verliebten gibt es eine riesige Grauzone. Und die wird noch dazu von jeder Frau anders definiert. Der Asta einer privaten Hochschule in Berlin verlangte erst vor kurzem, dass ein Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer von der Fassade entfernt werden möge, weil es von bewundernden Blicken handelt. Begründung: Darin geht es um einen Mann, der an der Straße steht und Frauen hinterherschaut – das allein finden die Studierendenvertreterinnen schon sexistisch. Puh. So gesehen ist jeder Tinder-Nutzer Sexist – und jede Tinder-Nutzerin ebenfalls. Oder wie soll man das finden, wenn Frauen und Männer sich gegenseitig auf ihre erotische Ausstrahlung reduzieren, nur aufgrund eines Fotos?

Kommen wir trotzdem nochmal zu deiner Ausgangsfrage zurück. Denn ich glaube, ich kann dich beruhigen. Ich mag es eigentlich ganz gern, wenn im Alltag so ein kleines Flirren auftaucht, gerade in Momenten, in denen man es nicht erwartet. Bei Arbeitsprojekten, in der Eltern-WhatsApp-Gruppe zur Halloweenparty, bei Treffen mit anderen Autoren. In einem Nebensatz, einer Andeutung, einer Geste. Kurze Momente, in denen eine Ahnung aufblitzt von: Ich sehe dich, und ich sehe, dass du eine Frau bist, ich schau dich gern an. Ich glaube, du weißt, was ich meine, du magst das doch umgekehrt auch: So einen verlängerten Blick in der Elternratssitzung, oder wenn dir eine Frau auf Facebook ihr Herzchen für einen Beitrag schenkt. Wegen mir musst du jedenfalls nicht #howiwillchange posten – diese kollektive Bußübung hat für mich neben allem guten Willen etwas von kommunistischen Selbstkritik-Sitzungen. Und von Sippenhaft, und die mag ich nicht. Du bist nicht „alle Männer“, genau so wenig wie ich „alle Frauen“ bin. Deshalb: Sei du selbst, hör auf dein Herz, genieß es, wenn du eine Frau mit einer charmanten Bemerkung erfreust – und lass es einfach bleiben, wenn du spürst, dass dein Gegenüber peinlich berührt oder verunsichert ist. Ich weiß, es kursiert in diesen Tagen auch der Tipp, man solle „Frauen doch einfach behandeln wie Männer“, dann gäbe es keine Missverständnisse, auch keine unangenehmen. Wenn du mich fragst: Das würde die Welt ein wenig ärmer machen.

Übrigens: In Sevilla, so habe ich im Lauf meiner Reise entdeckt, wird heute generell weniger gepfiffen und gerufen als 1990. Vielleicht, weil sich das Frauen- und Männerbild in Andalusien gehörig verändert hat, vielleicht auch deshalb, weil auf der Straße alle auf ihre Handys starren statt einander hinterher. Es lag also nicht an mir. Vielleicht ist das ein Fortschritt. Vielleicht aber auch ein kleines bisschen traurig.

 

Letzte Woche hat Silke an dieser Stelle zum Thema #metoo geschrieben und erklärt, warum es sie irritiert, wenn die Debatte um Belästigung und Grenzüberschreitung in einem Leidens-Vergleich endet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.