#ersteMale: Tinder-Date mit 40plus

Es gibt Themen, die finden wir sehr spannend. Dazu gehört natürlich auch alles rund um die Liebe. Eine Gastautorin  – die lieber nicht namentlich  genannt werden möchte – schreibt hier heute für uns über ihr erstes Date, das sie einer Dating-App verdankt.

„Natürlich bin ich nur aus purer Neugier bei der Dating-App Tinder gelandet. Meine Freundinnen haben mir so davon vorgeschwärmt. ‚Du musst dich da anmelden‘, sagte Karolin, ‚das ist einfach so spannend‘. Die Frau mit der langen blonden Mähne, die beruflich viel unterwegs ist, trifft immer wieder Männer, die sie auf diese Weise kennen lernt. ‚Wenn ich in einer Stadt neu bin, finde ich da immer jemanden, der Lust auf ein Bier hat. Mehr passiert manchmal auch, das ist ja das Prickelnde.‘ Mein Mann und ich haben uns vor zwei Jahren getrennt. Es wird Zeit für ein wenig Wagnis. Also lade ich mir die kostenlose App auf mein Smartphone.

Tinder-Date: wird ein Traum wahr?

Mit einer App zum Traum von Zweisamkeit? (c) www.pixabay.com

Tinder:  Dating 4.0 im Schnellverfahren

Ok, das Anmelden ist wirklich schnell gemacht. Via Facebook wähle ich ein paar halbwegs nette Bilder von mir aus. Alle drei entweder mit Sonnenbrille oder im Halbprofil, mich würde vermutlich keiner auf der Straße erkennen, der nur diese Fotos gesehen hat. Und mich auch nicht mit der Google-Rückwärtssuche im Netz finden. Ich schreibe ein paar Zeilen über mich, ein wenig vage, denn ich will  schon ein wenig Aufmerksamkeit,  und damit erreichen, dass jemand für mich nach rechts wischt. So funktioniert das nämlich: Als Nutzerin sehe ich Bilder von Männern in der angegebenen Region und, falls sie nicht schreibfaul waren, eine kleine Beschreibung plus Namen und Alter. Wische ich auf dem Smartphone nach links, sehe ich die nie wieder, wische ich nach rechts, dann könnte es Zoom machen. Wenigstens vorläufig. Wenn nämlich der betreffende Kerl auch Interesse bekundet, dann verkündet die App „Ein Match!“. Peinlicherweise im Sperrbildschirm, wenn man die Einstellung nicht rechtzeitig ändert.

Ich gucke, staune und wische. Erstaunlich, mit was für Bildern Menschen andere Menschen für sich gewinnen wollen. Offensichtlich meinen Männer mit Fotos von ihren Autos, ihren Hunden und ihren sportlichen Aktivitäten zu beeindrucken. Selten, aber auch selten dämlich, sind Aufnahmen bestimmter Körperteile. Ungefragt wird mir da etwas gezeigt, dass nicht immer so ein toller Anblick ist. Das ist nicht nur grenzüberschreitend, sondern auch reichlich nutzlos. ‚Hey, so ein toller Schwanz, mir doch egal, wie der Rest aussieht, den Mann muss ich treffen … ‚ hat das je eine Frau gedacht? Eher nicht.

Am Anfang wische ich eher nach links, irgendwann werde ich mutiger. Oh, der schreibt nett. Der andere hat hübsche Augen. Oder wirkt einfach symphatisch. Einige Angebote sind eindeutig: Verheiratete, die eine Liasion suchen. Touristen, die meine Stadt eher intim erleben möchten und die weibliche Begleitung dazu auch. Es sind gar nicht wenige Männer über 40, die suchen. Einige die große Liebe, andere ein Abenteuer, der häufigste Satz: ‚Alles kann, nichts muss‘. Und jeder Zweite schreibt, er sei neu und wisse auch nicht so recht, was das Ganze solle.

Die ersten Nachrichten ausgetauscht und prompt komische Kontakte

Nach einigen Wochen schwindet die Aufregung über ein Match. Meist meldet sich dann doch keiner beim anderen. ‚Hallo, ich möchte gern mehr von dir wissen … ‚ oder ‚How are you?‘ lese ich immer wieder. Ich merke schnell: Hier wird häufig auch nur eine Brieffreundschaft gesucht. Bei einer Entfernung von schlappen 6000 Kilometern ist wohl auch nichts anderes möglich. Einige kleine Chats gibt es, und zwei vergesse ich so schnell nicht: beides US-Amerikaner, die angeblich in Deutschland leben. Den einen finde ich dann via Google sofort unter anderem Namen – da hat sich jemand das Bild eines evangelikalen Pastors ‚geliehen‘, der andere will nach kurzer Zeit Geld von mir, er müsse dringend seiner todkranken Schwester helfen. Ganz alter Trick, auf den ich sicher nicht hereinfalle.

Mein Interesse an Tinder nimmt ab. Aber dann, eines Abends, ist mir langweilig und ich melde mich wieder an. Und ich lerne Thomas kennen. Thomas heißt natürlich anders, und wenn er das hier lesen sollte: Nein, war nicht alles Recherche. Er war nämlich ein wenig skeptisch, als er erfuhr, dass ich für Zeitschriften arbeite. Wir schreiben uns ziemlich lange hin und her. Auf Whatsapp. Nach ein oder zwei Gläsern Wein werde ich mutig und der Chat wird allmählich immer mehr zum Flirt. Wir tauschen uns aus. Irgendwann weiß ich, wo er arbeitet, weiß, was er für Bücher liest, kenne sein Sternzeichen und bin informiert, dass er keine Austern mag. Das ist doch schon mal was!

Früher habe ich auch Typen in der Disco kennengelernt, von denen ich nur wusste, wie sie tanzen und traf mich am Abend mit ihnen. Da hat dieses Dating 4.0 doch echt Vorteile. Es gibt mögliche Gesprächsthemen. Thomas ist auf seinen Tinderbildern nur  mit Sonnenbrille zu sehen, er schickt mir nun eines, auf dem ich sein Gesicht etwas besser erahnen kann. Im ersten Moment bin ich irritiert. Denn irgendwie hatte ich mir, warum auch immer, den Mann unter der Brille ein wenig anders vorgestellt. Meine Phantasie hatte mir einen Typ mit blauen Augen gezeigt, auf dem Bild sah ich nun braune Augen, die ein wenig zusammengekniffen waren, da der Blick gegen die Sonne ging. Ich werde neugieriger. Aber ich frage mich natürlich auch: Was für ein Bild hat der Mann von mir? Natürlich habe ich eher wohlmeinende Fotos geschickt, was, wenn er meine Lach- und Denkfalten nicht mag? Mehr auf üppigere Frauen steht? Auch ich habe nur ein paar Facetten von mir gezeigt, das Bild von mir gemalt, das ich gern zeigen möchte …

Tinder-Date: Schau mir in die Augen, Kleiner

Nur Bilder mit Sonnenbrille – aber wie sieht der Kerl oben ohne aus? (c) www.pixabay

Das erste Tinder-Date mit 40plus: Wunsch und Wirklichkeit

Wir verabreden uns. Auf ein Glas Wein in einem netten Lokal, das ich gut mit dem Bus erreichen kann. Nun bin ich doch aufgeregt. Wie wird dieser Mann, der so charmant und witzig schreibt, denn nun aussehen? Im wirklichen Leben? Und wie seine Stimme klingen? Was sage ich nur? Was will ich überhaupt?

Genau die letzte ist aber die wichtigste Frage! Denn ich muss mir noch vor dem Treffen über die eigenen Wünsche klar werden. Ich bin keine 20 Jahre mehr alt. Habe keine Pickel mehr zum überdecken. Die Suche nach dem Ritter habe ich genauso eingestellt, wie die nach der einen großen Liebe. Die hatte ich schon. Also, ich bin eine alleinstehende Frau Ende 40 und wenn ich Lust hätte, könnte ich eine unverbindliche Beziehung beginnen. So ein wenig Freundschaft Plus. Vielleicht auch mehr? Oder weniger. Wenn der Mann nett ist, es aber eben so gar nicht prickelt, wäre auch einfach eine Freundschaft möglich. Daran glaube ich nämlich auch.

Schließlich ist es so weit: Ich stehe Thomas am vereinbarten Treffpunkt gegenüber. Er ist groß, dunkelhaarig. Ein Mann mit einem ansteckenden Lachen und einem fordernden Beruf. Ich hatte ihn mir anders vorgestellt, die Fotos täuschten ein wenig. Ihm scheint es anders zu gehen, oder er ist einfach sehr höflich und verteilt gern Komplimente.

Wäre das ein Märchen, es würde sofort zwischen uns funken, vielleicht hätte ich den gläsernen Schuh verloren. Aber das ist kein Märchen, das ist die Wirklichkeit. Es ist nett. Aber ich weiß genau so schnell: Das ist nicht der Anfang einer aufregenden Geschichte. Ein Ende mit Schrecken ist es aber auch nicht. Könnte sein, dass wir uns noch einmal treffen. Vor allem aber lerne ich an dem Abend viel über einen interessanten Menschen: nämlich über mich selbst. Wie sehr ich meine Freiheit genieße, wie entspannt es ist, ü40 zu sein. Kein Abchecken mehr, ob da einer Papa-Potential hat, das Thema hat sich erledigt. Keine Zukunftsträume, das ist gerade nicht angesagt. An diesem Abend habe ich einfach im Augenblick gelebt. Mit einem netten Mann einen schönen Abend verbracht und gelacht.

Ich habe die Aufregung vor dem Treffen genossen, gespürt, was ich gern will. Nicht wie früher überlegt, was der andere denkt oder meint. Will der mehr mehr von mir? Was bedeutet diese oder jene Aussage? Stattdessen habe ich habe darauf geachtet, was ich will, was ich fühle und möchte. Und vor allem spürte ich während des Abends etwas noch nie Erlebtes bei einem Date:  eine entspannte Gelassenheit. Die behalte ich! Dieses wunderbare Geschenk nehme ich von diesem Abend mit. Und wer weiß, was mir mit diesem neuen Gefühl demnächst noch so passiert …“

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.