Brustkrebs im Freundeskreis: reden, schweigen, fragen?

Es waren einmal drei Königstöchter, die lebten in Deutschland und im Internet. Sie waren noch nicht alt, aber auch nicht mehr ganz jung, zwei von ihnen hatten Kinder, alle drei waren sie berufstätig, mal mehr, mal weniger. Sie liebten ihre Männer, ihre Familien und ihre Jobs, sie liebten das Leben, achteten auf ihre Ernährung, gingen regelmäßig zum Sport und zum Check beim Gynäkologen. Bis zu dem Tag, an dem sie alle drei die gleiche, erschreckende Diagnose bekamen: Brustkrebs.

Die drei kennen sich untereinander nicht, aber ich kenne sie: eine liebe Exkollegin, eine Bekannte meines Mannes und eine Freundin aus gemeinsamen Studienzeiten. So wie Silke in ihrem beeindruckenden Porträt einer Krebs-Überlebenden letzte Woche schrieb: Wenn wir das fünfte Lebensjahrzehnt erreicht haben, dann häufen sich plötzlich die Einschläge, dann ist Brustkrebs im Freundeskreis eine immer wiederkehrende Schreckensnachricht. Schließlich ist er bei Frauen die häufigste Form dieser Erkrankung, da ist das gar nicht anders zu erwarten. Statistik kann grausam sein.

Hoffnung in stürmischen Zeiten: Wird alles wieder gut? © Anette Göttlicher

Hoffnung in stürmischen Zeiten: Wird alles wieder gut? © Anette Göttlicher

Brustkrebs im Freundeskreis: Facebook-Post von der Chemotherapie

In den letzten Jahren ist es gesellschaftlich völlig akzeptabel geworden, über Krankheiten und Schwächen offensiv zu sprechen, nicht nur über Krebs. Und eigentlich halte ich das für eine gute Entwicklung. Viele Prominente, von Sportjournalistin Monika Lierhaus bis Fußballtrainer Ralf Ragnick, haben mutig vorgemacht, wie das geht: Reden statt schweigen, Flucht nach vorne statt vertuschen. Solche Vorbilder helfen, einen neuen Ton im Umgang mit Schicksalsschlägen zu finden. So hat es auch meine Exkollegin gemacht: Sie postete regelmäßig auf Facebook, welches der nächste Schritt ihrer Survival-Tour sein würde, ließ sich Mut zusprechen und Genesungswünsche, zeigte sich schließlich auch in einem Frauenmagazin, als sie gerade wieder etwas Haarflaum auf dem Kopf hatte. Als lebensstrotzendes Beispiel für eine, die sich nicht unterkriegen lässt und trotzdem nicht verschweigt, wie viel körperliches Elend, Angst und Dunkelheit diese Krankheit mit sich bringt.

Die zweite war die jüngste von ihnen. Sie machte von vorne herein klar: Freunde, ihr dürft mich alles fragen, ich bin verdammt froh, dass ihr da seid, meidet mich bitte nicht vor lauter Beklemmung – aber wehe, irgend etwas dringt hinaus aus unserem privaten Kreis. Aus ganz pragmatischen Gründen: Als Freiberuflerin im Medienbereich konnte und wollte sie es sich nicht leisten, dass Auftraggeber sie nicht mehr beschäftigen, aus Angst, sie könnte ausfallen. „Während der Chemotherapiesitzungen sitze ich da mit dem iPhone in der freien Hand und sehe mir die Besucherstatistik meiner Website an“, erzählte sie mir damals, „jetzt auch noch ein Auftragseinbruch neben der Krankheit, das kann ich mir nicht leisten.“

Das ist meine Sache, sagt meine Freundin

Und die dritte? Die wollte nicht reden. Jedenfalls nicht mehr als notwendig. Ihr Mann, ihre engsten Freunde, ihre Eltern – die wollte sie um sich haben. Ich erfuhr eher zufällig von ihrer Diagnose, weil ich gerade in Berlin war, wo sie lebt, und bei ihr vorbeischauen wollte. Wir sprachen über das neue Haus, das sie und ihr Mann gekauft hatten, über die Schulpläne ihres Kindes, über Urlaubsziele. Verdrängung? Nein, das war es nicht. Eher: Eine Frau, die sich in das Unvermeidliche fügte und trotzdem mit aller Kraft versuchte, ihren Alltag weiterzuleben. Als ich ihr Grüße von einer gemeinsamen Bekannten von früher ausrichtete, der ich von der Diagnose erzählt hatte, reagierte sie verschnupft. Es war ihr nicht recht, dass ihre Geschichte Kreise zog. Das ging niemanden etwas an. Ich war erst verwundert: War es nicht so, dass man in einer solchen Situation jeden einzelnen guten Gedanken gebrauchen konnte? Dann entschuldigte ich mich. Ungebeten hatte ich ihre Grenzen verletzt. Weil jeder das Recht hat, selbst zu bestimmen, wie weit er seine Kreise ziehen möchte. Ich denke, wenn es mich treffen würde, wäre ich auch eher von der offenherzigen Sorte. Kein Grund, das bei anderen vorauszusetzen. Oder gar, sie dazu gegen ihren Willen zu zwingen.

Brustkrebs

Licht in Gesundheitskrisen – das kann aus vielen Richtungen kommen ©pexels.com

Es darf keinen Zwang zur Offenheit geben, sagt der Experte

Vor einiger Zeit habe ich mit Axel Stang über das Thema geredet, dem Chef-Onkologen am Hamburger Asklepios-Klinikum Barmbek. Ich wollte wissen, was er darüber denkt: Ist es nicht  psychisch am gesündesten, die Karten auf den Tisch zu legen? Nicht grundsätzlich, sagt er: „Wir beobachten, dass heute mit Krebserkrankungen offener umgegangen wird als früher, und raten unseren Patienten auch dazu. Allerdings gilt das in erster Linie gegenüber den Menschen, die ihnen nahe stehen: die eigene Familie, aber auch Nachbarn oder direkte Kollegen. Denn das sind diejenigen, die da sind, wenn es ganz praktische Probleme gibt, wenn es den Patienten schlecht geht, wenn sie Unterstützung brauchen.“ Soziale Medien? Zweischneidige Angelegenheit. „Wer sich zu sehr auf die virtuelle Unterstützung verlässt, die er zum Beispiel in sozialen Netzwerken im Internet bekommt, der läuft Gefahr, sich etwas vorzumachen. Natürlich erzeugt es in dem Moment gute Gefühle, wenn viele Leute per Mail und auf Facebook Genesungswünsche schicken – aber wo sind diese entfernten Bekannten, wenn wirklich Not am Mann ist, wenn der Patient zu schwach ist um aufzustehen und jemand braucht, der ihm einen Becher Tee ans Bett bringt?“ Sein Fazit: „Es darf keinen gesellschaftlichen Zwang geben – weder den Zwang, die Krankheit zu kaschieren, noch den Zwang, sich zu offenbaren. Denn beides kann eine gute psychische Strategie sein, mit Krebs zu leben.“

Und die Königstöchter? Die sind nicht gestorben. Welch ein Glück. Die leben heute noch – und sind wieder gesund. Eine von ihnen hat sogar in Zwischenzeit noch ein Kind bekommen. Ein Märchen mit Happy End. Neben allem Erschrecken und Mitleiden haben mich diese drei Geschichten eines gelehrt: Es gibt nicht die eine, für alle richtige Art, mit einer schweren Erkrankung umzugehen – es gibt viele. Ich werde es mir merken. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass mich solche Nachrichten erreichen. Leider.

 

 

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