#ersteMale: Blind date – Essen im Dunklen

Vorsichtiges Tasten. Aufmerksam hören. Ganz anders schmecken. Was für ein sinnlicher Abend. Ich hatte mich auf etwas völlig Unbekanntes eingelassen. Auf etwas, das mit einer meiner größten Ängste zu tun hat. Ich hatte ein „Blind Date“ der etwas anderen Art. Nee, nicht so eines. Eine Freundin fragte, ob ich Lust hätte mit ihr an einem viergängigen Menü teilzunehmen. Sie lud mich ein zum „Dinner im Dunklen“ – einer speziellen Veranstaltung der bekannten Ausstellung „Dialog im Dunklen.“

Ein Abend komplett ohne Licht

Eintauchen in die Welt der Nichtsehenden. Zunächst stand eine kleine Führung durch einen Teil der Dauerausstellung an. Im komplett Dunklen gibt es verschiedene Erlebniswelten, durch die blinde Führer sehende Menschen begleiten. Der Höhepunkt des Abends sollte das Menü im lichtlosen Restaurant sein. Mit vielen Fremden ohne Licht etwas essen, das ich nicht auf dem Teller angucken kann? Oha. Dazu ist schon irgendwie Vertrauen nötig. Das sprichwörtliche blinde Vertrauen. Bisher hatte ich mich nicht in die Ausstellung getraut. Denn mich nicht auf meine Augen verlassen zu können, den Gedanken finde ich ziemlich gruselig. Aber bei so einem Essen ja nichts Schlimmes passieren …

Dialog im Dunklen

Ein Abend im Dunklen steht bevor … (c) Plagge

In der Luft lag ein Hauch Frühling, als wir in der Speicherstadt ankamen. Noch gab es Licht und zunächst ein Glas Sekt. Dann wurden wir in Gruppen eingeteilt, ein kurzer Blick – außer mir und meiner Freundin waren noch drei Paare, alle so etwa 30-something, in unserer Gruppe. Jeder bekam einen Blindenstock, und dann gingen wir durch einen Vorhang, geleitet von der Stimme von Thomas, unserem Führer. Um mich herum war es pechschwarz.

Augen zu oder Augen auf? Ich konnte mich nicht entscheiden, merkte aber, dass ich leichtes Kopfweh bekam. Meine Augen meldeten wohl einen Signalausfall an das Hirn, ich sah weiße Pünktchen auf der Linse, die nicht da waren. In einer Hand hatte ich den Stock, mit dem ich versuchte zu erkunden, wie der Boden sich anfühlt. Die andere Hand hatte ich zunächst am Geländer, das an der Wand war. Eng hintereinander liefen wir durch eine nachgebaute Parklandschaft. Ich hörte Vogelgezwitscher und mochte kaum einen Schritt machen, war das ein Holzbrücke, über die ich ging? Einmal blieb ich stehen, ich hatte Angst irgendwo gegen zu laufen. Thomas dirigierte mich dann vorsichtig – seine tiefe Stimme beruhigte mich.

Wie schmeckt das Essen im Dunklen?

Ich fühlte mich sicherer als wir dann den Menschen vor uns die Hand auf die Schulter legen sollten. In einer Reihe verließen wir die Ausstellung, betraten einen anderen Raum. Musik war zu hören, Stimmengewirr. Auch die anderen Gruppen waren also angekommen. Noch immer war alles stockdunkel. „Willkommen im Restaurant“, sagte jemand. Thomas nahm meine Hand und führte sie an einen Stuhlrücken. „Dein Platz“. Ich setze mich hin, konnte den Tisch vor mir ertasten. „Ich lecke schon mal den Teller ab …“, welcher Spaßvogel sagte das? Neben mir hörte ich das typische Lachen meiner Freundin – wir waren nicht allein am Tisch. Zwei Paare waren unmittelbar neben und gegenüber von uns. Dann bestellten wir Getränke – die meisten tranken Wasser oder Weißwein, das macht keine Flecken. Vorsichtig tastete ich nach den Gläsern, dem Besteck. Das Gespräch war holprig, jeder ein wenig in Gedanken vertieft. Und dann kam der erste Gang. Und jetzt? Konnte ja keiner sehen, also fühlte ich zaghaft mit einem Finger. Feldsalat, eindeutig. „Oh Ziegenkäse“, hörte ich jemanden sagen. Ich bekam es erstaunlich gut hin, mit Messer und Gabel zu essen.

Menü im Dunklen

Nicht sehen können, was es zu essen gibt – eine Herausforderung (c) Plagge

Die nächsten Gänge kamen: zuerst eine Suppe, die war sämig und der Geschmack eindeutig. Brokkoli! Da waren wir uns einig. Genau wie beim Hauptgang, ganz klar Petersilienwurzel, Kartoffelstampf und Schweinebraten. Es gab Gelächter, die Gruppe wurde lockerer. Witze wurden erzählt. „Muss es nicht komisch sein, in einer Welt ohne Farben zu leben?“ fragte plötzlich eine Frau. Ich schluckte. Und dachte an eine Begegnung mit einer klugen und sehr charmanten blinden Frau. Der ich auch diese Frage stellen musste, darauf hatte ein Redakteur bestanden. War mir sehr peinlich. Aber sie hatte gelacht. „Ich kenne nur diese Welt, ich bin ja so geboren. Ich frage mich auch, wie es sein muss in einer Welt zu leben, in der man viel weniger hört und weniger ertastet.“ Und genau das hatte ich tatsächlich bei diesem Essen im Dunklen auch getan: mich auf meine anderen Sinne verlassen. Ich wusste, wann serviert wurde, weil ich hörte, wie das Geschirr klapperte, ich schnupperte am Essen und
entschied, ob ich es mag. Ich fühlte, wo mein Glas stand und ertastete vorsichtig die Speisen auf meinem Teller.

Ein paar Überraschungen, als wir die Welt des Dunklen verließen

Als wir schließlich Kaffee oder einen Absacker tranken, war die Stimmung am Tisch entspannt. Das Paar gegenüber hatte von seinen Kindern erzählt, die anderen tauschten sich über Sehenswürdigkeiten in Hamburg aus. Ich selbst war erleichtert, dass ich mich entspannen alles genießen konnte. Die Kopfschmerzen waren weniger geworden. Und nach dem Essen? Da wurden wir hinaus geführt, wieder ins Licht. Wir sahen wir Thomas kurz, der uns so wunderbar durch den Abend geführt hatte und die gesamte Gruppe. „Dich habe ich mir ganz anders vorgestellt,“ sagte der dunkelhaarige Mann, der mein Sitznachbar war.

Dass die Gesprächspartner doch anders aussahen, als vorgestellt, blieb nicht die einzige Überraschung. Denn an Tischen konnten wir noch einmal das ganze Menü sehen. Es war gar keine Brokkolisuppe! Ich hatte Steckrüben gegessen. Die Petersilienwurzel war Pastinake. Die hätte ich wohl auch mit Licht verwechselt, genau wie den Braten, der tatsächlich aus Putenfleisch bestand. Einige Besucher waren noch erstaunter als ich … Das Auge isst eben doch mit, und wenn es das nicht kann, können falsche Vorstellungen entstehen.

Bisher habe ich mich ja nie in die Ausstellung „Dialog im Dunklen“ getraut – nun möchte ich sie gern an… äh, erleben. Gemeinsam mit meinen Kindern. Denn so anders ist diese Welt gar nicht, ich nehme sie nur viel zu wenig wahr, aber mich auf die anderen Sinne einzulassen und zu verlassen, das tat gut. Und hilft gegen Angst.

Ähnliche Veranstaltungen werden in einigen Städten angeboten. Das Original „Dinner in the Dark“ gibt es im völlig lichtlosen Restaurant in der Ausstellung „Dialog im Dunklen“, Freitags und Samstags für 69 Euro pro Person. 

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