Silvesterfrust: Frohes neues Jahr, du kannst mich mal!

Je später das Jahr, desto netter die Gastautoren: Hier schreibt uns 40-something Iris Soltau, freie Journalistin und Autorin, warum sie und Silvester seit Jahrzehnten ein handfestes Beziehungsproblem haben – und wie sie sich dann doch immer wieder versöhnen.

Spätestens ab Ende November lauert sie überall. Die Frage: „Und, was machst Du so an Silvester?“ Das Fragezeichen hängt noch in der Luft, da würde ich am liebsten umfallen und mich totstellen (faszinierendes Kunststück des letzten Hamsters meiner Tochter, aber das ist eine andere Geschichte.) Die Nummer geht natürlich nicht, wenn ich an der Supermarktkasse warte, hinter mir die Bekannte aus dem Yoga-Kurs, die mich freundlich anlächelt. Genauso wenig kann ich antworten: „Weiche von mir, Höllenschwester, und nimm dein blödes Silvester gleich mit.“ Sie würde mich für total bescheuert halten oder in der nächsten Yoga-Stunde beim Shavasana doppelchecken, ob ich mich auch wirklich entspanne.

Warum ich so traumatisiert bin vom letzten Tag des Jahres? Ich erzähl’s euch.

31.12.1985

Mein erstes Silvester ohne Eltern findet im Partykeller meiner Freundin Katrin statt. Ich gehe fest davon aus, heute mit Knut aus der Parallelklasse zu knutschen, meine Dauerwell-Löckchen wippen aufgeregt im Takt zu „One Night in Bangkok“. Knut knutscht mit Ilona. Ich ertränke meine Trauer in Asti Spumante und verliere meine Kette, die ich zur Konfirmation bekommen habe. Ich hasse Silvester.

31.12.1992

Ich arbeite als Au-Pair-Mädchen in Kalifornien und weiß nach exzessiver Forschung (Sichtung aller Folgen „Melrose Place“ und „Beverly Hills 90210“) wie der Hase läuft. Nämlich so: Meine Freundin Anja und ich, zwei exotische Nordeuropäerinnen, werden auf der Party aufkreuzen und irgendein Quarterback einer Elite-Uni wird zu seinem Kumpel sagen: „Hold my beer!“ und dann lässig auf uns zugehen. Realität: Wir verbringen den Jahreswechsel im Auto auf dem Highway und werden immer hysterischer, weil wir die Abfahrt nicht finden. Als wir endlich in dem Club ankommen, schweben weiße Ballons von der Decke auf die Tanzenden. Ich denke: Na bitte, geht doch! Dann flammt das Licht auf, die Party ist zu Ende. Um – eins?! Ein Surfertyp flüstert Anja etwas ins Ohr, sie lächelt und verschwindet mit ihm. Sein Freund, zwei Köpfe kleiner als ich, dafür doppelt so breit, fragt: „Zu dir oder zu mir?“ Ich hasse Silvester.

 

Silvesterfrust

Irgendwo brennt auch für dich ein Licht: Iris hofft leise auf Silvester 2017 (c) Iris Soltau

Silvesterfrust für Fortgeschrittene: Party Hopping aus der Hölle

31.12.1995

Dieses Jahr gehe ich auf Nummer sicher. Mit vier Einladungen in der Tasche steuere ich die erste Party an, eine sympathische Hinterhofsause in Hamburg-St. Georg, auf der sich meine Kommilitonen mit billigem Rotwein und Nirvana-Songs ins neue Jahr headbangen. Es gefällt mir, aber die anderen Feiern könnten ja noch lustiger sein. Es ist drei Uhr, als ich feststelle: Die erste Party war die beste. Also zurück. Leider sind nur noch fünf Leute da, die sich mit Hilfe von illegalen Rauchwaren in andere Sphären geschossen haben und von dort selig lächelnd auf mich herab winken. Ich hasse Silvester.

31.12.1998

Ein halbes Jahr verheiratet, dann der erste Krach. Worum es geht? Habe ich vergessen. Jedenfalls stehen mein Mann und ich nach dem Feuerwerk auf der verrauchten Straße und brüllen uns an, ich werfe ihm eine Flasche Schampus vor die Füße. Die anderen Gäste sind erst irritiert, streiten sich dann auch. Schnell bilden sich Teams. Meine Schwester beißt meinem Mann in die Nase, die Narbe bleibt für immer. Mein Mann hasst Silvester.

„Dukannssanochfaahndubisssaschwanga“

31.12.2004

Schwanger zwischen Betrunkenen – das ist die Höchststrafe. Bis ungefähr zehn Uhr kann ich den Gesprächen noch folgen. Danach bin ich raus. Fun Fact: Mit steigendem Promillegehalt im Blut scheint die Kommunikation zwischen den Gästen immer besser zu funktionieren. „Wissonochwastringen?“ – „Eindschindonnik“. Klappt. Ich gieße so lange gelangweilt Blei, bis ich eine fünfhundertköpfige Armee aus mutierten Drachen, Schnecken und Delfinen zusammenhabe. Danach fahre ich meine besoffenen Freunde nach Hause. Ich hasse Silvester.

31.12.2012

Wunderbare Feier bei Verwandten in Wien, um zwölf tanzen alle um uns herum Walzer. Nur mein Mann und ich streiten. Mal wieder. Warum eigentlich immer an Silvester? Die Kombi geballte Feiertags-Familienharmonie, die noch verarbeitet werden muss, plus Alkohol plus Raclettekäse muss schuld sein. Oder der Druck, dass wir uns verdammt nochmal amüsieren sollten, weil unser Babysitter gerade ein kleines Vermögen verdient. Um auch allen anderen Gästen die Party zu vermiesen, verkünden wir dramatisch unsere sofortige Trennung. Am nächsten Morgen lese ich, dass Rafael Van der Vaart und seine Sylvie knapp vor uns die Scheidung eingereicht haben. Echt jetzt? Wir vertragen uns wieder, wollen ja nicht aussehen wie Nachahmer. Mein Kopf schmerzt. Ich hasse Silvester.

31.12.2014

Der angesagte Schanzenclub wirbt für seine New-Years-Eve-Sause mit Burlesque-Show und Absinth bis zum Abwinken. Okay. Ich lasse mich noch einmal darauf ein. Um Mitternacht habe ich alle meinen Mann und meine Freunde verloren, auf der Suche nach ihnen lande ich beim türkischen Kioskbesitzer gegenüber und stoße mit einer Dose Bier auf das neue Jahr an. Auf der Straße herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, ich renne durch Böller-Geballer zurück in den Club. Dort es mittlerweile so voll, dass ich mich weder vor- noch zurückbewegen kann. Nicht schlimm, gehen kann ich später noch genug: Die Bahn fällt aus, kein Taxi weit und breit. Schneeregen. Ich hasse Silvester.

Und 2017? Na klar: Ich trink mir das neue Jahr schön!

31.12.2017

Und was mache ich dieses Jahr gegen den Silvesterfrust? Tja. Am liebsten würde ich mit einer Tüte Chips auf dem Sofa sitzen und das Datum ignorieren. Aber das schaffe ich einfach nicht. Wer weiß, vielleicht behalten die Verschwörungstheoretiker Recht und gerade heute Abend klopft die Apokalypse an die Tür und ich mache ihr in Jogginghose auf. Nein, ernsthaft: Es ist das Ende eines Jahres, das oft nicht einfach war, da muss man doch raus und tanzen, Freunde umarmen und sich das neue Jahr schön trinken. Dieses Silvester wird nicht der beste Abend meines Lebens, das weiß ich. Aber ein klitzekleines bisschen … hoffe ich es doch.

 

Silvesterfrust kennt ihr auch? Gastautorin Iris Soltau (irissoltau.de) hat ein Lieblingslied, das sie jedes Jahr wieder mit Silvester versöhnt

 

2 thoughts on “Silvesterfrust: Frohes neues Jahr, du kannst mich mal!

  1. Alke

    Iris, komm zu Christa und mir. Wir hassen Silvester genauso unerschütterlich hoffnungsvoll wie Du. Seit Jahrzehnten.

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