Schüleraustausch – das Jahr meines Lebens

Unendliche Freiheit … ganz allein in einem riesigen Land, wilde Abenteuer, spannende High-School Erlebnisse und schöne Sonnenuntergänge. So ähnlich  stellte ich mir ein Jahr Schüleraustausch vor. Ich war 15 Jahre alt, als ich mich bei einer Austauschorganisation bewarb. „Wenn du das willst, dann mach das, aber du musst das allein organisieren“, hatten meine Eltern erklärt. Tat ich. Ich wollte weit weg, dieses für mich so widersprüchliche, aber faszinierende Land USA kennen lernen. Heute vor dreißig Jahren hatte ich eine einwöchige Vorbereitungstagung von Youth for Understanding e.V. (YfU) hinter mir und ahnte, dass es wohl so frei nicht werden würde, dieses Jahr an der High School. Denn ich sollte ja in einer Gastfamilie leben und mich an deren Regeln halten, sollte bedenken, dass ich Botschafterin meines Landes sei. Oha.

Schüleraustausch in den Mittleren Westen

So wohnte meine Gastfamilie – keine Nachbarn in Sicht (c) Plagge

Ich wusste einige Monate vor dem Abflug, dass ich in den Mittleren Westen fahren würde, hatte Bilder meiner Gastfamilie und ihres Hauses gesehen. Im Kopf war die Musik von Bruce Springsteen „Born in the USA“, ich dachte an Filme wie den „Breakfast Club“ und „Ferris Bueller macht blau“, es würde bestimmt in der Schule immer viel los sein. Dann war da aber auch noch das Bild der desinteressierten Kalten Krieger. Politik, so hieß es auf der Vorbereitung, sollten wir möglichst nicht ansprechen. Ob mir das gelingen würde?

Und im Juli gab es da auch noch etwas, was ich nicht wirklich bedacht hatte – ich ging nicht nur ein Jahr irgendwo hin, ich ging auch weg.  Meine Freunde und meine Familie feierten einen rührenden Abschied. Mein Vater hatte sogar das Auto dekoriert und ich musste darin quer durch die Stadt fahren. Peinlich, fand ich.

Schüleraustausch: Abschied von Zuhause

Damit musste ich quer durch Bremen fahren (c). U. Plagge

Schüleraustausch: Erlebnisse und Erfahrungen die das Leben prägen

Kürzlich war ich auf einem Treffen für alte YfU-Ehemalige. Es wurden Bilder aus den Austauschjahren gezeigt, jeder erzählte kurz etwas aus diesem Jahr, diesem so prägenden Jahr, das für fast alle von uns unvergesslich ist. Vorher blättere ich auch in meinem Fotoalbum. Es waren nur ein Bruchteil meines Lebens – aber ja, ich habe sehr viel gelernt. Über das Land, aber vor allem über mich. Denn ich hatte es nicht immer leicht. Der erste Kulturschock war vermutlich, dass ich in der Nähe eines winzigen Dorfes landete. Ca. 15 Kilometer außerhalb eines kleinen Örtchens mit knapp 1000 Einwohnern im Bundesstaat Nebraska. Für mich Bremer Stadtkind etwas völlig Neues. Jeder kannte jeden. Allein kam ich nirgendwo hin, ich war auf den Schulbus oder auf Mitfahrgelegenheiten angewiesen. Freiheit war das nicht. Auch die winzige Dorfschule war nicht, das was ich mir gewünscht hatte. Ich war nicht glücklich, auch wenn ich eine sehr nette und sehr bemühte Gastfamilie hatte, die mir so viel zeigte und mich in ihr Herz schloss.

Schüleraustausch: Herzliches Willkommen

Nach zwei Tagen Flug in Sioux City angekommen – herzlicher Empfang vo Famile Salmon (c) Plagge

Ich konnte keine schnelle Mail an Freunde schicken, nicht per WhatApp und Chat in Verbindung bleiben. Telefonate waren 1986/87 unendlich teuer und ein Brief dauert gut sieben Tage. Dass ich mich in der Schule nicht wohl fühlte, schrieb ich nicht nach Hause. Aber ich zählte die Tage rückwärts.

Schüleraustausch in einem Dorf im Mittleren Westen

Downtown Allen, Nebraska (c) Plagge

Es gab nur eine, die mir wirklich helfen konnte

Bis zum Jahreswechsel. Da konnte ich nicht mehr. Mir fehlten Freunde – und ich wechselte an eine andere Schule, in ein anderes Dorf, zog in eine neue Familie. Und war plötzlich mitten in einer sehr netten Clique gelandet, erlebte laue Sommerabend, cruiste in Autos mit, tanzte auf dem Abschlussball der Highschool, und war stolz auf mich. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine wirklich schwierige Situation allein gemeistert, ich hatte Unterstützung durch die Austauschorganisation, aber es war letztlich meine Entscheidung. Und genau daran wuchs ich. Ich musste mir eingestehen, dass ich unglücklich war und mich für einen Wechsel einsetzen und war unendlich froh über diese Entscheidung.

Schüleraustausch und erste Liebe

Prom: Tanz und Liebe auf dem Abschlussball (c) Plagge

Eine Reise zum Abschluss machte den Abschied leichter

Am Ende des Jahres zählte ich wieder Tage. Ich wollte bleiben, auch wenn ich mich auf zu Hause freute. Vor der Abreise nach Europa durfte ich noch mit 80 anderen Austauschschülern drei Wochen an die Westküste reisen. Genau das machte den Abschied leichter, es war wieder ein Abenteuer, ich traf tolle Leute aus verschiedenen Ländern und vergesse nie, wie begeistert wir alle waren, als Hauke in L.A. in den Bus stieg und auf Deutsch rief: „Ich habe einen ‚Stern‘ gekauft und echtes Schwarzbrot. Wer will eine Scheibe?“ Dinge, die mir früher nie wichtig waren, nahm ich plötzlich als „typisch deutsch“ war. Und ich fand sie toll. Schwarzbrot. Oder stundenlang diskutieren, auch wenn eigentlich alle einer Meinung sind – machten wir Deutschen im Bus eifrig, zur Verwirrung der anderen.

Schüleraustausch: Internationale Austauschschüler in einem Boot

Wildwasser-Rafting mit Austauschschülern in Wyoming (c) Plagge

Auf dem Ehemaligentreffen wurde klar, wie sehr dieses Jahr Lebensläufe beeinflusste. Viele ehemalige Austauschschüler arbeiten für internationale Organisationen, leben in anderen Ländern und setzten sich für Verständigung ein. Ich selbst habe neun Jahre lang noch aktiv bei YfU in der Betreuung von Austauschschülern mitgearbeitet. Das Jahr meines Lebens? Ja, weil ich mich noch an so viele Geschichten und Begegnungen erinnere. Weil ich so sehr gerade auch an den Schwierigkeiten gewachsen bin. Weil es mir zeigte, dass ich ziemlich viele Vorurteile hatte und gelernt habe, dass unter der scheinbarer Oberflächlichkeit auch herzensgute kluge Menschen stecken. Der amerikanische Alltag wird im Film so wenig gezeigt, wie RTLII hier die Realität abbildet. Ja, wir hörten Bruce Springsteen, Marty McFly hätte in meine High School gehen können. Aber immer lustig war das High School Leben nicht. Und immer desinteressiert waren die US-Jugendlichen auch nicht an Politik. Nur viel desillusionierter.

Schüleraustausch: High School

Allen Consilidated High – fast wie im Film (c) Plagge

Das Jahr hat auch meine Berufswahl beeinflusst, denn Neugier und eine möglichst unvoreingenommene Offenheit sind wichtig als Austauschschüler – und als Journalist. Und auch die Fähigkeit, sich selbst ein wenig reflektieren und über sich lachen zu können. Und darum zeige ich jetzt einfach noch ein paar Bilder. So schöne Dauerwellen gab es nur in den 80ern, oder?

Schüleraustausch in den 80ern

Mit Löckchen, Schleifchen und Make-up – angepasst (c) Plagge

Schüleraustausch mit neuen Horizonten

Die Sonnenuntergänge waren wirklich beeindruckend (c) Plagge

Schüleraustausch: neue Freunde treffen

Neue Freunde treffen … (c) Plagge

Schüleraustausch: San Francisco sehen ...

Endlich in der Stadt meiner Träume: San Francisco (c) Plagge

Schüleraustausch - Abschied von der Gastfamilie

Abschied – am Flughafen mit der zweiten Gastfamilie (c) Plagge

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