Gestresste Mütter: Freiheit in der Nussschale

Freiheit bedeutet für viele Menschen zu reisen, Dinge zu tun, für die sonst keine Zeit ist, auf einem Berggipfel zu stehen oder am Meer auf den Horizont zu schauen. Das gilt auch für gestresste Mütter. Für Martina ist Freiheit ein Hotelzimmer. Warum das so ist, darüber schreibt sie hier.

Vielleicht fing es damit an, dass ich begann, meine Kinder um ihre Zimmer zu beneiden. Einen Raum für mich hatte ich nicht, so etwas ist in den meisten Wohnungen und Häusern für die Erwachsenen nicht vorgesehen. Und selbst wenn, ich hätte darin keine Ruhe gehabt, wenn die Familie anwesend war. Und um Ruhe ging es mir, um Ungestörtsein, darum, jetzt mal nicht zuständig zu sein.

Kranke Kinder, gestresste Mütter: Was denn noch?

Dann wurde bei unserer Tochter Diabetes diagnostiziert und mehr als jemals zuvor war ich zuständig. Brotzeiten abwiegen, Insulindosen ausrechnen, ans Equipment denken, in ständiger Rufbereitschaft sein… und das alles zusätzlich zum normalen Alltag, zu Kita und Schule, Terminen, Haushalt, Teilzeitjob. Auf dem Heimweg aus dem Büro hatte ich so manchen Heul-Anfall. Halt! Moment!

„Warum weine ich, wenn ich sie aus der Kita hole und nicht, wenn ich sie am Morgen abgebe?“ Natürlich habe ich mir unter Tränen diese Frage gestellt. Und natürlich kommt dann zu der besch… Situation, der Ungewissheit, auch sofort das wahnsinnig schlechte Gewissen: „Andere Eltern gründen Selbsthilfegruppen, Mütter von Diabeteskids hören auf zu arbeiten und ich?“ Ich würde am liebsten so tun, als gäbe es diese Krankheit nicht.

So viele gestresste Mütter und deren Kinder: Mit wem würde ich tauschen wollen?

Als zu dem Gefühlschaos auch Panikattacken hinzukamen, habe ich mir Hilfe gesucht und bei einer Ärztin eine Therapie gemacht. Als sie einmal fragte: „Gibt es jemanden, den Sie beneiden?“, fiel mir wieder ein, wie gerne ich manchmal mit meinen Kindern tauschen würde – wegen des eigenen Zimmers, in dem sie ihre Ruhe haben. Und in dem wir Eltern sie gerne in Ruhe lassen. Da wurde mir bewusst, dass Freiheit für mich schon ganz lange, auch schon lange vor der Diabetes-Diagnose, ein Zimmer ist. Ein Zimmer für mich alleine, in dem ich meine Ruhe habe.

Die eigenen Bedürfnisse

Das war auch einer der Gründe, warum ich nach der Trennung ausgezogen bin, ohne Kinder. Und seitdem ich alleine lebe, genieße ich das Zuständigsein, die Un-Ruhe, das Sich-Kümmern an unseren gemeinsamen Tagen und Wochenenden erst richtig. Weil ich weiß, dass meine Bedürfnisse trotzdem nicht zu kurz kommen. Weil ich auch den Raum und die Zeit habe, mich um mich selbst zu kümmern. Nach einer wuseligen Kinderwoche am Freitagnachmittag alleine in meine – dann leere – Wohnung zu kommen, das ist meine Freiheit.

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