Lebensbilanz mit 40: Dasein heißt annehmen

Es gibt Momente, da machen Social Networks ihrem Namen alle Ehre. „Frag nicht warum, ich hab das Gefühl, ihr müsst euch kennen lernen“, mit dieser Direktnachricht schickte mir vor einigen Monaten eine Bekannte den Kontakt zu einer Schauspielerin und Dichterin. Als ich die Frau mit dem bayerisch-biblischen Namen Maria Magdalena Rabl letzte Woche in einem Café in der Hamburger Schanze traf, wusste ich auch sofort, warum: Wir haben ein gemeinsames Thema, einen gemeinsamen Nenner. Wir beide befinden uns in einer Art mittleren Reiseflughöhe durch unser Leben. Schauspielerin sie, Autorin ich – beide so, dass wir mehr oder weniger gut damit und davon leben können, aber ein ganzes Stück von dem entfernt, das man als „Durchbruch“ bezeichnen könnte. Glas halbvoll? Glas halb leer? Gescheitert oder auf dem besten Weg? Unser Gespräch über Lebensträume und Lebenskrisen, über geplatzte Vorstellungen und unzerstörbare Hoffnungen, Seele und Körper fand ich so inspirierend, dass ich es aufgeschrieben habe. Im ersten Teil lest ihr: Zwei kreative Frauen ziehen Bilanz. Der zweite Teil nächste Woche beschäftigt sich mit Älterwerden, Spiritualität und Sinnfragen.

Verena: Du wirst dieses Jahr 40, das ist für viele Menschen ein Punkt, Bilanz zu ziehen, eigene Ziele zu überprüfen, sich zu fragen: War’s das jetzt, oder kommt da noch was, und bin ich da, wo ich hinwollte. Deine Antwort darauf?

Maria: Ich glaube, das wechselt immer wieder. Im Moment ist alles sehr spannend, es bewegt sich viel, aber wenn ich mein jetziges Leben mit meinen früheren Plänen vergleiche, dann ist da das meiste anders gelaufen als erwartet oder auch erhofft. Der erste große Plan war zum Beispiel Opernsängerin zu werden.

Verena: Das ist ja verrückt, ich wollte mit zehn auch Opernsängerin werden, weil ich die Fidelio-Geschichte mit der mutigen Frau, die ihren Mann aus dem Gefängnis rettet, so romantisch fand. Die hatte meine Oma auf Platte, in einer schmucken Box. Aber mit meiner Stimme hätte ich da ganz schlechte Karten gehabt …

Maria: Bei mir war es Carmen. Ich hab sogar Gesangsunterricht genommen. Aber dann haben die Stimmbänder nicht so mitgemacht, wie ich mir das vorstellte. Vielleicht mein Glück, denn in der Erholungsphase kam der Entschluss, nach dem Abitur als Au-Pair nach London zu gehen. Eigentlich sollte es ja Hollywood werden, aber als ich „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ im Kino sah, wusste ich auf einmal, da muss ich hin. Ich bekam in England dann auch tatsächlich einen Platz an einer renommierten Schauspielschule –LAMDA, wo auch Schauspiel-Berühmtheiten wie Benedict Cumberbatch herkommen. Der Erfolg war dadurch auf einmal greifbar. Bühne und Leinwand waren keine abwegigen Ziele mehr. Aber wie war das denn bei dir mit dem Schreiben, bist du eine von denen, die mit 15 schon ihre ersten Novellen in Schulhefte gekritzelt haben?

Lebensbilanz mit 40

Mutiger Blick nach vorn: Maria Magdalena Rabl (c) Hagen Schnaus

Verena: Ach, gar nicht. Es gab zwar so ein Drittklässlerheft, auf das ich groß „Roman“ geschrieben habe, da war ich neun.

Maria: Im Ernst? Ich hab mit neun auch meinen ersten Roman angefangen. Der hieß „Das Mädchen Nummer neun“. Und blieb unvollendet.

Lebensbilanz mit 40: Immerhin, zwei Erstlingsromane!

Verena: Meine Geschichte hatte schon einen Anfang und ein Ende – Mary, eine Romanze aus dem Wilden Westen … Aber Schriftstellerin, das war ein so großes Wort, da hatte ich immer die Vorstellung: Das ist etwas für Genies, die den ganzen Tag unter einem Baum sitzen und sich von der Muse küssen lassen. Ich komme aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus, meine Familie hätte solche Ambitionen auch unterstützt, aber stattdessen habe ich kreuzbrav BWL studiert, obwohl ich mit Zahlen immer eher auf Kriegsfuß stand. Und deine Eltern, haben die dich gefördert oder den Kopf geschüttelt über deine Künstlerträume?

Maria: Mein Vater war ein sehr künstlerischer Mensch, aber hatte früh entschieden, dass Erfolg nichts für ihn ist – wirklich ausgenutzt hat er seine Anlagen nie. Aber meine Sprache, das Schreiben hab ich von ihm, die Musikalität kommt von der Mutterseite. Sie haben mich beide immer unterstützt.

Verena: Du hattest also als Anfängerin einen richtig guten Lauf, in den 90er Jahren in England?

Maria: Nein, gar nicht. Ich hatte schon gedacht, mit der tollen Schauspielschule im Rücken geht das jetzt einfach so weiter und irgendwann gibt’s den Oscar – muss ja nicht die Hauptrolle sein, ich hätte auch den für die beste weibliche Nebenrolle genommen (lacht). Aber nach dem Diplom kam sehr schnell der raue Alltag. Nach einem zähen Jahr wurde ich für eine größere Produktion, ein Musical in Deutschland gecastet, aber das floppte, und danach traute ich mich nicht mehr zurück nach England. Hier war die Kultur am Theater eine ganz andere, und meine englische Ausbildung zählte weit weniger, als ich gedacht hatte. Als ich dann endlich ein festes Engagement am Theater einer bayerischen Kleinstadt bekam, fühlte sich das wie ein Sechser im Lotto an. In Oscar-Kategorien dachte ich da nicht mehr. Man hat einfach vieles nicht in der Hand. Ich bin mal auf eigene Kappe zu einem Casting in die USA geflogen, für einen Film, in dem die Rolle von Albert Schweitzers Frau zu besetzen war. Der Regisseur wollte mich, die Produzentin wollte mich, ich war mir meiner Sache so sicher – und dann entschieden die Geldgeber, dass sie keine Deutsche wollten.

Verena: Tja. Das ist, wie wenn dein Verlag gerade pleite geht, wenn dein wichtigster Roman veröffentlicht werden soll. Solche Geschichten passieren …

Maria: Und sie müssen verdaut werden. Immer wieder gab es Momente, in denen ich mich gefragt habe, ist es das wert, sollte ich nicht lieber was ganz anderes machen? Ich kenne in meinem Beruf auch echte finanzielle Not. Und du?

Verena: Nun, ich habe ja als junge Frau nicht wie du alles auf die künstlerische Karte gesetzt, im Gegenteil – erst habe ich dieses solide Studium abgeschlossen, das mir nichts bedeutete, dann war ich froh, den Einstieg in den Journalismus zu schaffen und habe ein Volontariat bei einem großen Magazinverlag in München gemacht. Der Traum von der Schriftstellerei, der schlummerte wohl immer in mir, aber erst mit Ende 20 habe ich zaghaft versucht, ihn zu verwirklichen. Unabhängig von bezahlter Arbeit, und das war auch gut so, denn auf die Weise habe ich mich nie verbogen, nur weil ich dringend das Geld brauchte. Wiederum beißt sich die Katze auch in den Schwanz, ich denke manchmal: Vielleicht hätte ich mehr erreicht, wenn ich noch konsequenter gewesen wäre, wenn ich nicht jahrelang nur abends und am Wochenende neben einem Vollzeitjob als Redakteurin geschrieben hätte, sondern mich finanziell ein bisschen eingeschränkt und dafür mal eine Zeitlang intensiv an einem Roman zu arbeiten. Vor allem in der Zeit, als ich noch keine Kinder hatte, wäre das ja möglich gewesen. Und du, wie hast du dich finanziert, hast du gekellnert?

Maria: Ich war die schlechteste Kellnerin der Welt! Regelmäßig habe ich Wein verschüttet und behauptet, es läge an der Flasche. Danach hatte ich immer wieder Jobs als Verkäuferin, das liegt mir mehr. Aber einen wirklichen Plan B neben der Schauspielerei und dem Singen gab es nicht.

Verena: Warum bist du jetzt nicht mehr im gleichen Ensemble wie vor fünf Jahren?

Maria: Ich kam an dem Theater nicht mehr zurecht, bekam wieder Stimmprobleme und habe gekündigt. Zwei Monate darauf kam mein Vater bei einem Autounfall ums Leben, das zog mir völlig den Boden unter den Füßen weg. Das war eine ganz schreckliche aber auch sehr besondere, ich möchte fast sagen heilige Zeit. Ich hab damals verstanden, dass wir eben so einiges nicht in der Hand haben. Ich war kreuzunglücklich, arbeitslos und musste hinschauen: Was will ich, was geht noch, wo liege ich falsch, wo verhalte ich mich falsch, bin Täter, mache mich zu sehr zum Opfer? Aber auch: Wie gehe ich mit Verlust und Niederlage um? Habe ich überhaupt noch den Mut für Träume? Ich hab ihn noch. Aber das hat gedauert. Und auf einmal kommen wieder lauter unverhoffte Dinge, die ich eben nicht geplant hatte. Ich kann mich als Sprecherin etablieren, ich hab im letzten Jahr mehr gedreht als die 10 Jahre davor und mein erster eigener Gedichtband ist gerade erschienen. In meinem Leben ist so viel gegen den Plan gelaufen, dass ich denke: Es ist vielleicht nicht wahrscheinlich, aber alles ist immer möglich. Vielleicht entdeckt mich ja ein großer Regisseur zufällig, wenn ich mit 65 eine Nebenrolle in einem Studentenfilm spiele – man weiß es ja nie!

Verena: Künstlerische Karrieren folgen eben noch viel weniger einer vorgegebenen Route, als wenn du in einem Industrieunternehmen, in einem Verlag, im akademischen Milieu die Leiter hochklettern möchtest. Da sind die Schritte ja zumindest deutlicher vorgezeichnet.

Lebensbilanz mit 40

Rette sich, wer kann: Verena auf ihrem Lieblings-Leuchtturm (c) Dierk Hagedorn

Maria: Ich finde sowieso, uns wird allen viel zu sehr eingeredet, dass wir das Leben kontrollieren müssten. Ich habe neulich irgendwo diesen Werbeslogan gelesen, ‚Glück ist planbar’ – geht für mich gar nicht!

Verena: Ich weiß ganz genau, was du meinst! In jeder Castingshow, auch wenn es eigentlich um Musik geht, um Begeisterung, um Gefühl, um Leidenschaft, erzählen dir 15jährige ständig etwas von Leistung und Disziplin, plappern diese Worthülsen nach wie dressierte Papageien, weil ihnen das schon ihre gecasteten Vorbilder erzählt haben. Klar gehört das auch dazu, aber diese Seite wird so überbetont, als ginge es darum, dass man es als Azubi irgendwann zum Abteilungsleiter bringt, wenn man sich genügend anstrengt. Dabei ist so viel Zufall, Glück, Magie bei künstlerischen Karrieren dabei, die nicht planbar ist. Ich gebe zu, mich macht das manchmal neidisch.

Maria: Da bist du nicht allein! (lacht)

Verena: Ich erlebe immer wieder Autoren und Autorinnen in meinem Bekanntenkreis, die scheinbar mühelos einfach so durchmarschieren – aus dem Nichts, mit einem Erstlingsmanuskript, einen großen Verlag überzeugen, der ihr Buch zum Spitzentitel macht, sie zur Buchmesse einlädt, Lesungen organisiert. Alles andere als selbstverständlich. Und ja, das sind häufig auch sehr, sehr gute Bücher, tolle Romane, deren Verfasserinnen das absolut verdient haben – aber dann denke ich, verdammt, mindestens zwei meiner eigenen Romane halte ich für ganz genau so gelungen, aber dann sind die vielleicht zum falschen Zeitpunkt gekommen, oder der Verlag hat etwas ganz anderes in ihnen gesehen als ich, oder es passieren eben diese ganz blöden Klopper, dass ein Verlag genau zum Zeitpunkt des Erscheinens verkauft wird oder pleite geht – Story of my Life. Da denke ich dann auch: Verdammt, ich hab zwei Mal den Hamburger Literaturförderpreis gewonnen und noch ein paar kleinere Auszeichnungen, ich hätte das Zeug dazu, ich hab was zu sagen, und keiner merkt’s – warum bloß?

Maria: Ja, das ist ein saublödes Gefühl. Jemand aus deiner Umgebung gewinnt plötzlich scheinbar aus dem Nichts einen Riesenpreis oder kriegt die Traumrolle, und du denkst: Aber ich war doch dran!

Verena: Genau. Und dieses Dransein, das entspringt so einem kindlichen Gerechtigkeitsempfinden, aber das zählt einfach gar nichts in dem Moment. Das ist ja genau so wie in der Liebe, da hatte ich auch solche Phasen, in denen ich mich von Unglück zu Unglück gehangelt habe und um mich herum lernten Freundinnen scheinbar mühelos tolle Männer kennen, und ich dachte: Warum jetzt die?

Maria: Ich glaub halt, dass das nicht wirklich beeinflussbar ist. Die innere Haltung zu den Dingen schon eher.

Verena: Und die Decke ist immer irgendwo zu kurz. Ich denke manchmal, wenn ich keine Kinder hätte, hätte ich mit mehr Elan den Traum von der Schriftstellerei verfolgt….

Maria: Oder du wärst ganz unglücklich, denn wenn man etwas vermisst, zieht einem das ja auch Energie ab. Ich habe zum Beispiel keine Kinder, und auch das war nie so geplant. Ich war immer überzeugt, eines Tages kommt der richtige Mann für mich, und dann möchte ich auch Mutter werden. Klar habe ich auch da meinen eigenen Anteil, durch Entscheidungen, die ich so oder so getroffen habe, aber letztlich ist es dann doch einfach Schicksal.

Verena: Wie wahr. Eigentlich müsste man dankbar sein und demütig für das, was man geschenkt bekommt. Und manchmal bin ich das ja auch. Ich verteile mein Lebensglück sozusagen auf mehrere Häufchen, das ist ganz entlastend, dann kann es überall mal kriseln, beim Bücherschreiben, in meinem Job als Journalistin, in Beziehung oder Familie, aber trotzdem hat man noch andere Bälle in der Luft. Man kann sich sein eigenes Leben ja als völlig unterschiedliche Story erzählen, je nach Tagesstimmung. Manchmal habe ich das Gefühl, ich erlebe eine totale Erfolgsstory: Ich liebe meinen Mann und meine Kinder, ich habe das Glück, tun zu dürfen, was mich erfüllt und damit auch noch Geld zu verdienen. Und dann gibt es die Tage, da empfinde ich mich eher als gescheiterte Künstlerexistenz.

Maria: Man muss sich ja auch innerlich schützen, die Enttäuschungen sind sonst zu herb. Sich immer wieder aufraffen, immer wieder dieses: Ich probier es noch mal, das ist für mich sehr existenziell, weil ich ja keinen Puffer habe wie du, keine eigene Familie, die Misserfolge dämpft und relativiert. Und dann kommt wieder Glück in Momenten, in denen es ganz weit weg scheint. Ich meine eben, dass die schlimmen und die guten Dinge passieren, da hast du keinen großen Einfluss, du kannst dich nur dem Leben hingeben. Klar musst du dich bereithalten, damit das Schicksal die Chance hat, dich auch auszuwählen. Schreiben, Spielen, auf dich aufmerksam machen. Aber das Ja oder Nein, das kommt von außen, das hast du nicht in der Hand.

 

Nächste Woche im Blog: Maria und Verena über Sinnsuche, Körper und Spiritualität

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