#ersteMale: im Fußballstadion

Manchmal reicht schon der Anflug eines Duftes, um uns auf einen Schlag in unsere Kindheit zu katapultieren. Berühmtes Beispiel dafür ist der Dichter Marcel Proust, den das Aroma von Madeleines und Lindenblütentee noch einmal lang vergessene Empfindungen erleben ließ. Es geht aber auch prosaischer: Fußschweiß, Salamigilb und lauwarmer Kunststoff. Dieses ewige Umkleidekabinen-Odeur war’s jedenfalls, das mir am vergangenen Wochenende wieder in die Nase stieg, als ich an der Tür zu den Mannschaftsräumen im „Altona 93“-Stadion vorbeilief. Das heißt eigentlich gar nicht „Stadion“, sondern „Adolf-Jäger-Kampfbahn“. Fieser Name, vorne und hinten. Allein das versetzte mich zurück in die traumatischen Sportstunden meiner Grundschulzeit.

Völkerball, Volleyball, und natürlich Fußball – alles, was mit runden Flugobjekten zu tun hat, war mir zuwider. Jede Woche die gleichen Demütigungen beim Mannschaftenwählen, das Stöhnen der anderen, wenn ich ihnen zu Schluss noch zwangszugeteilt wurde. Und dann noch diese Diskussionen in der Umkleidekabine, bei denen früh berufene Mini-Netzers und –Dellings haarscharf analysierten, was gut gelaufen war und was nicht. Meine Loyalität bei Ballspielen galt abwechselnd immer der Mannschaft, die am Gewinnen war, egal, ob ich dabei war oder nicht. Damit wenigstens mein Trauerspiel ein Ende hatte.

Harte Jungs: vier Fans bei Altona 93

Harte Jungs: vier Fans bei Altona 93

Auch passiv kam ich kaum mit Ballzauber in Berührung. Sicher, die großen Brüder von Freundinnen sammelten Bildchen von Manni Kallz, Horst Hrubesch und Co. Aber da ich in einem weitgehend männerlosen Haushalt aufwuchs, wurde ich niemals warm mit dem Rasen, der die Welt bedeutete. Für mich war Fußball nie ein Heimspiel. Noch bei der WM von 1990 fiel ich in einem Münchner Biergarten unangenehm beim Public Viewing auf, weil ich fälschlicherweise für die gegnerische Mannschaft jubelte – man kann ja mal die Trikotfarben verwechseln, oder? Für mich sahen die alle gleich aus.

#ersteMale: allein unter Fußballmüttern

Was soll ich sagen: Das Leben hält manche Prüfung bereit. Und wirft uns noch häufiger auf uns selbst zurück. Denn während meine Tochter zu hundert Prozent die Ball-Legasthenie geerbt hat, die ich und mein Mann ungefähr zu gleichen Teilen zu vererben hatten, schlägt unser Sohn völlig aus der Reihe. Hat sich freigestoßen von unserer familiären Sportmuffeligkeit. Letztes Jahr verlangte er nach Stutzen und Fußballschuhen, dieses Jahr nach einer Mitgliedschaft im Fußballverein, trotz drohenden Turnierbesuchen am verflucht frühen Sonntag morgen, und letzten Sonntag fiel dann auch noch die letzte Bastion: endlich mal Live bei den Großen zugucken, im Stadion. Na gut, Stadion ist vielleicht übertrieben, es ist eher ein umzäunter Rasen im Stadtteil Bahrenfeld, aber es gibt Pommes, Bier, tätowierte Fans. Und ein Spiel dauert zwar auch 90 Minuten, kostet aber nur neun Euro für den Sitzplatz. Sechs, wenn man es sich im Gras auf dem so genannten „Zeckenhügel“ bequem macht, zwischen einer punkigen Hardcore-Fantruppe mit Irokesen-Style auf dem Kopf und T-Shirts mit politisch korrekten Sprüchen. Die fand ich gut. Die T-Shirts, aber auch die Träger. Besser jedenfalls, als wenn ich allein gewesen wäre unter Fußballmüttern. Die machen mir mit ihrer Expertise immer ein bisschen Angst.

#erstemale im Fußballstadion

Feine Beinarbeit: Fans auf dem „Zeckenhügel“

Da saß ich also mit meiner Freundin Anja, deren Jungs als Einlaufkinder zum Sound des Star Wars-Triumphmarsches mit den Großen auf die Wiese traben durften, und sah dem Duell Altona versus TSV Meiendorf zu. Später hielten es die Kinder mit der alten Fußballerweisheit „Neben dem Spiel ist auch ein Spiel“ und kickten auf dem Übungsplatz hinter dem heiligen Rasen. Anja und ich unterhielten uns so lange über die letzten Sommerferien, duckten uns gelegentlich, wenn der Ball aus dem Spielfeld flog, oder sprangen auch mal so semi-enthusiastisch auf, wenn Anja etwas wie „das gibt eine Ecke“ verkündete. Die hat zwei Söhne von der Sorte und einen fußballbegeisterten Mann, die wird schon wissen, wie das geht.

Ein echter Kick: Live-Schüsse ohne Kamera

Und, ja: Es hatte was. Einen gewissen Kick. Nah dran sein, mittendrin in der Adrenalinwolke – das ist eine ganz andere Erfahrung als ein High-End-Profispiel aus siebzehn verschiedenen Kameraperspektiven und einer nachträglichen Analyse unter größtmöglichem TV-Grafik-Aufgebot. Das ist nicht Hollywood, sondern das wahre Leben. Eine weekly Soap, quick and dirty und voller Höhen und Tiefe. Hastenichtgesehen, ist die Flasche voll, ist die Flasche leer. Bis zur 3:2-Niederlage eines Vereins, den ich bis dahin kam kannte und die mich dennoch schmerzte. Dramatischer als modernes Regietheater, fieser als jeder Poetry Slam, dabei fairer als jede Redaktionskonferenz. Und das Gute ist: Auch wenn man die Regeln nicht wirklich beherrscht, versteht man doch, wenn ein Tor gefallen ist. Spätestens, wenn die Star-Wars-Fanfare über den Lautsprecher kommt und die Spieler einer Mannschaft die Arme hochreißen und aufeinander zulaufen. Das unterscheidet Fußball von Baseball. Oder Cricket.

Hand aufs Herz: So ganz allein, ohne Sohn, werde ich trotzdem so schnell nicht wieder im Stadion auflaufen. Aber die Vorstellung, ihn künftig zu begleiten, als Fan, hat doch deutlich ihren Schrecken verloren. Wenn dann noch ein paar Freunde dabei sind, um so besser. Elf müssen es gar nicht sein.

 

 

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