Carolin Emckes neues Buch: intensiv, erschreckend und berührend

Carolin Emcke, Friedenspreisträgerin und promovierte Philosophin, beschäftigt sich in ihrem aktuellen Buch „Ja heißt ja und…“ mit der #metoo-Debatte. Martina hat die Autorin bei einer Lecture Performance in München gesehen.

Im Oktober 2017 kam durch Enthüllungen um den Hollywood-Produzent Harvey Weinstein die #metoo-Debatte ins Rollen. Vor allem in den sozialen Netzwerken bekannten sich immer mehr Frauen und Männer dazu, Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein, „me too“ bedeutet „ich auch“. Mit dem Text ihres Buches (S. Fischer, 15 Euro), der auf einem Bühnenprogramm vom Dezember 2018 beruht, ist Carolin Emcke nun in deutschen Theatern zu sehen und zu hören.

Die Autorin war lange unsicher, ob und wie sie sich zu #metoo äußern soll. „Manchmal bin ich ein bisschen langsam“, sagt sie, dazu befragt, lächelnd in einem Interview auf 3Sat. Außerdem wollte sie der aufgeregten und hitzigen Diskussion eher „leisere Klangfarben“ gegenüberstellen. Und das brauchte Zeit. So steht dann auch am Anfang der Lesung (und des Buchs) der Zweifel: „Ist das richtig? Woher weißt du, dass es zutrifft? Ist es gerecht?“, fragt sich Carolin Emcke und nimmt das Publikum in den Münchner Kammerspielen mit auf ihre Gedankenreise. Welche Strukturen begünstigen sexualisierte Gewalt, was ermöglicht Opfern, ihr Schweigen zu brechen, wie kann Begehren innerhalb einer definierte Grenze stattfinden…

Carolin Emckes neues Buch: berührend und eindringlich

Szenen, die mich schon im neuen Buch von Carolin Emcke emotional berührt haben, bekommen durch ihren Ausdruck beim Lesen eine noch tiefere Dringlichkeit – so zum Beispiel, wenn sie schildert, wie eine Freundin von ihrem Mann geschlagen wurde, das Abendessen aber „ganz normal“ als Gastgeberin zu Ende bringen wollte. Und es gibt Stellen, an denen es einen kaum ruhig in seinem Sitz hält, so eindringlich sind Emckes Überlegungen und die Schlüsse, die sie daraus zieht. Am liebsten würde ich hinaus laufen und ihre Worte allen Menschen auf der Straße zurufen:

  • „Ist selbst schuld, wer erwartet, NICHT belästigt, angegriffen, verletzt, gewürgt zu werden?“
  • „… NIEMAND soll sich schämen, wer protestiert gegen eine unerwünschte Hand am Körper…“
  • „Respekt ist nichts, was man sich leisten können muss, Respekt ist nichts, was Aufschub verkraftet. Respekt ist zumutbar. IMMER.“

 

Eine unfassbare Zahl

Zwischen den einzelnen Kapiteln lässt Carolin Emcke Musik sprechen, in unscharfen Grautönen gehaltene Videoszenen laufen dazu ab und bestimmen auch meist das Hintergrundbild. Sie setzt ihre Pause gekonnt und an einigen Stellen bin ich dankbar dafür, die Spannung und Anspannung zumindest kurz etwas lösen zu können. Eine Passage liest Carolin Emcke allerdings nicht selbst, der kurze Text wird auf den Hintergrund projiziert. Was dort erscheint, wird für mich mit jedem Mal Lesen unfassbarer, auch wenn ich die Statistik seit Monaten kenne: Alle 24 Stunden versucht in Deutschland ein Mann, seine Frau zu töten. Jeden dritten Tag gelingt es einem. 147 Frauen wurden 2017 von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Die Frauen wurden erstochen, mit einem Strick erwürgt, schwanger in den Fluss geworfen, totgeprügelt.“ In was für einer Welt leben wir, in der Frauen großes Glück haben, wenn sie nicht von ihrem Partner missbraucht oder ermordet werden?!

Carolin Emckes neues Buch: Es geht um Macht

Eine von Emckes großen Stärken: Sie schließt niemanden aus. Auch wenn die Zahlen belegen, dass in der Regel heterosexuelle Frauen Opfer von Missbrauch und Gewalt werden, betont sie immer wieder, dass es nicht um Feminismus geht. Es geht um Machtstrukturen, um Gewalt, um Scham, um Schweigen. Und betroffen sind Männer und Frauen gleich welcher Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Religion. Wir alle müssen deshalb genau hinschauen. Genau zuhören. Auch wenn das, was wir sehen und hören, unserer eigenen Lebenswelt fremd ist, wir mit Ausgrenzung, Machtmissbrauch, häuslicher oder sexualisierter Gewalt (bisher) keine Erfahrungen haben. Denn, so Carolin Emcke: „Ungleichheit wird nicht abgebaut werden, wenn sie nicht auch von denen kritisiert wird, die von ihr profitieren.“

Hier gibt es anonym und kostenfrei Hilfe:

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016 Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530
Carolin Emcke ist mit ihrer Lesung am 30. Juni in Köln und am 10. Juli noch einmal in München zu sehen.

 

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