Beziehungsweise: Eheleben mit 40-something

Wenn Leute mich fragen, ob ich verheiratet bin und wie lange schon, dann kann ich ihnen manchmal anschließend beim Denken zusehen. Angestrengt rechnen sie, ziehen die Stirn kraus und platzen schließlich heraus: „Seit zwölf Jahren? Aber da warst du ja noch nicht mal schwanger!“ Stimmt, sage ich dann leichthin und amüsiere mich darüber, dass die klassische Reihenfolge – verliebt, verlobt, verheiratet, danach ein Baby – mich in meinem Großstadtviertel zur Exotin macht. Ein großer Teil der Paare um mich herum lebt mit Kindern, aber ohne Trauschein. Ein nur unwesentlich größerer hat irgendwann aus rein pragmatischen Gründen im Standesamt vorgesprochen. Und dann sind da jede Menge Singles mit und ohne Nachwuchs. Zwischendrin dann ich mit meiner Cora-Roman-Biographie. Ehefrau und Mutter. Hetero und monogam. Manchmal komme ich mir vor wie ein lebendiges Spießer-Monument.

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Zwölf Jahre gut behütet: Verena und ihr Mann (c) Verena Carl

Na gut: Ganz so super-duper-konventionell ist mein Leben nicht. Weder bin ich als Jungfrau in die Ehe gegangen, noch habe ich meine Jugendliebe geheiratet (auch wenn ich Paare kenne, die das getan haben, und die alles andere als spießig sind). Sondern einen Mann, den ich um meinen 30. Geburtstag herum kennen lernte. Dennoch: Diese Rama-Familien-Existenz, mit Papa, Mama, Tochter und Sohn, die ist schon etwas besonderes in meinem Umfeld. Und dann heißen wir auch noch alle gleich mit Nachnamen! Nein, nicht Carl, das ist der Name, mit dem ich geboren wurde und unter dem ich blogge, Artikel und Bücher schreibe. Daneben gibt es unseren privaten Familiennamen, und ich musste damals 2004 gar nicht lange überlegen, ob ich ihn annehme und damit einen Teil meiner früheren Identität abstreife. Ich wollte das so haben, nach außen sichtbar, wie ein Markenzeichen: Hier sind welche, die zusammengehören.

Vielleicht ist mein Retro-Beziehungsmodell auch ein wenig Reaktion auf meine eigenen Erfahrungen. Ich hatte eine harmonische und glückliche Kindheit. Unter anderem deshalb, weil ich nie die Trennung meiner Eltern verkraften musste, so wie sehr viele meiner Freunde. Denn meine Eltern gingen schon auseinander, ehe ich überhaupt auf die Welt kam. Ich kann nicht behaupten, dass ich meine ganzen Kinderjahre über Sehnsucht nach Papa und Geschwistern gehabt hätte, ich sah ja durchaus um mich herum, was das – auch! – bedeutete: nie ein Zimmer allein für sich haben, und Väter, bei deren abendlicher Ankunft alle ganz still und verdruckst wurden. Weil man sie nach einem anstrengenden Tag nicht stören durfte. Nicht unbedingt erstrebenswert. Aber dennoch: Die Vorstellung, eines Tages selbst verheiratet zu sein und gemeinsam Kinder zu haben, hatte für mich auch immer etwas von einer Auszeichnung. Einer gar nicht selbstverständlichen. Würde es tatsächlich eines Tages einen Mann geben, der sein Leben mit mir verbringen wollte, und das durch eine Heirat auch vor der ganzen Welt bekräftigen würde? Noch dazu einer, den ich selbst mehr als nur toll fand?

„Frauen? Na ja. Schwierig.“

Das schien mir ein großer Schritt. Und je mehr ich in meinem Zwanzigern von der Liebe kennen lernte, je mehr Varianten ich durchlebte und durchlitt – eine langjährige Wochenendbeziehung, kurze, stürmische Affären, Friends with benefits, Online-Lieben, die eher im Cyberspace stattfanden als im „real life“ – desto mehr fragte ich mich, woher denn so einer plötzlich kommen sollte, für eine so weitreichende Entscheidung. Ich glaube, dem Mann, den ich dann geheiratet habe, ging es ähnlich. Auch wenn er seinerseits aus einer klassischen Rama-Familie mit Mama, Papa und Schwester stammt. In einer unserer ersten Nächte erzählte er mir nur halb im Scherz, wie er sich seine Zukunft vorstellte: ein schrulliger Alter werden, der im Lehnstuhl sitzt, eine Decke über den Beinen, und über schottische Moorlandschaften blickt. Oder, wie der Titel eines Gedichtbandes lautete, auf dessen Präsentation wir damals gemeinsam waren: „Frauen. Na ja. schwierig.“ Dass wir uns ein paar Jahre nach unserem Kennenlernen an einem Strand auf Rügen trotzdem gegenseitig einen Heiratsantrag machten, das hat uns damals beide überrascht. So sehr, dass wir bis heute nicht rekonstruieren konnten, wer eigentlich das H-Wort als erster ausgesprochen hat. Ich finde es noch immer romantisch, dass wir keinen konkreten Anlass hatten, zu heiraten. Weder Kinder – die kamen später -, noch einen Tipp vom Steuerberater. Wir profitieren ja nicht mal finanziell von unserem konventionellen Familienstand, weil wir ähnlich viel verdienen. Damals wie heute.

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Beziehungsweise süß: Mit einer Torte fing es an (c) pixabay

Das ist, wie gesagt, mittlerweile zwölf Jahre her. Und natürlich ist auch unsere Ehe nicht immer nur Ponyhof und Honigmelone –  diese Erkenntnis überrascht wohl niemanden. Auch uns nicht. Trotzdem hat keiner von uns jemals ernsthaft an unserer Beziehung gezweifelt. Vielleicht auch, weil sie ein paar Qualitäten hat, die sie haltbar machen. Als mein Mann in mein Leben trat, da war ich schon lange nicht mehr auf der Suche nach Mr. Boombastic, der mir rund um die Uhr weiche Knie macht und mich auf Rosen bettet. Mein Beuteschema war viel abstrakter: Ich wollte in erster Linie einen Mann, der einen kreativen, versponnenen Kopf hat, aber trotzdem mit beiden Beinen auf der Erde steht. Keinen dieser Künstlerbubis, die mit Anfang 30 noch jeden Monat eine Überweisung von Mama und Papa bekommen, aber auch keinen Karriereheini, der sich das Organigramm seiner Firma unters Kopfkissen legt. Ich wollte einen Mann, der mich zum Lachen bringt und auf den ich mich im Alltag verlassen kann, der cool sein kann und liebevoll, mal kindlich und mal erwachsen, und einen, mit dem ich selbst irgendwann Kinder haben kann. Eigentlich stand auch noch groß und blond auf der Wunschliste, aber das war nie besonders wichtig. Irgendwann werden sie ja alle grau, und wenn ich den meinen manchmal so anschaue, mit seinem rasierten Schädel und den schwarzen Jeans, die immer noch die gleiche Größe haben wie 1999, dann bin ich ganz schön stolz, dass er zu mir gehört. Und ich zu ihm.

Beziehungsweise – warum Sicherheit so viel positive Energie freisetzt

Was wir haben, ist eine gute Basis für die lange Strecke, und die muss nicht immer über Wolke sieben verlaufen. Manchmal reicht mir Wolke vier, alles andere wäre auch furchtbar anstrengend. Auch ich kann ja nicht immerzu ein Feuerwerk der Aufmerksamkeit abbrennen, da erwarte ich das auch nicht umgekehrt und bin an manchen Tagen einfach nur erleichtert, dass wir etwas haben, das trägt. Ohne ständig inspiziert, analysiert, ausgebessert werden zu müssen. Ich werde nie meine Überraschung, meine Erleichterung vergessen, als ich schon in der Anfangszeit unserer Beziehung feststellte: Das ist Liebe – und trotzdem, oder gerade deshalb, muss ich nicht ständig an ihn denken, über ihn nachdenken, über uns. Muss nicht jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen und ständig nachfragen, wie er unsere Beziehung sieht. Das hat bei mir eine enorme Energie freigesetzt: Weil ich mich aufgehoben und sicher fühlte, konnte ich plötzlich wieder mit Elan berufliche Pläne angehen, Bücher schreiben, Ideen entwickeln. Viel besser als die Jahre zuvor, in denen ich mich morgens todmüde ins Büro schleppte, weil ich mir mal wieder mit einem Kerl die Nacht um die Ohren geschlagen hatte, oder alleine vor lauter Kummer oder Verliebtheit nicht schlafen konnte. Wiederum: Hätte es diese ganzen unmöglichen Leidenschaften in den Jahren davor nicht gegeben, dann wüsste ich heute vielleicht auch weniger zu schätzen, was ich an meiner Ehe habe. Oder würde mich ständig fragen, was ich verpasst habe, sexuell, gefühlsmäßig. Nein, ich weiß genau, was es dort draußen noch so gibt. Es war gut, dass ich es hatte, aber ich möchte nichts davon zurück.

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Noch lange nicht verwelkt: Verenas Brautstrauß von 2004 (c) Meeke Voges

Das klingt jetzt ein bisschen so, als hätte ich große Gefühle gegen eine pragmatische Kameradschaft ausgetauscht, aber das würde ihm und mir nicht gerecht. Lauwarm wird es uns nicht, zumindest nicht dauerhaft. Vielleicht, weil wir uns immer wieder nach einen neuen Plan umsehen, nach einer gemeinsamen Sehnsucht, die uns zusammenhält. Vielleicht auch, weil sich mein Kindheitsverdacht bestätigt hat: Nein, es ist nicht selbstverständlich, jemanden zu finden, der sein Leben mit einem teilen möchte. Und mit dem man es selbst teilen möchte. Selbst wenn man ihn gefunden hat: Absolute Sicherheit gibt es nie.

Um mich herum gehen Menschen getrennte Wege, das fünfte Lebensjahrzehnt ist statistisch gesehen Trennungs-Hauptsaison. Im Grunde gibt es ja nur zwei mögliche Reaktionen auf diese Erfahrung: entweder, sich völlig von der Vorstellung der Liebe auf Lebenszeit zu verabschieden – oder es doch zu wagen und sich um so mehr bewusst zu sein, dass daran nichts jemals selbstverständlich ist. Denn auch wenn ich zwischendrin im alltäglichen Funktionieren so eingespannt bin, gibt es immer noch diese Momente, in denen es mir ganz warm im Bauch wird. Einfach nur, wenn ich „mein Mann“ sage. Wenn ich einen Brief aus dem Kasten fische, der an uns vier mit dem gleichen Familiennamen adressiert ist. Oder wenn mich jemand fragt, ob ich eigentlich verheiratet bin. Und wie lange schon. Ich hab so das Gefühl: Das geht niemals weg.

 

Weiterlesen? Im 2. Teil unserer „Beziehungsweise“-Serie schreibt Silke über das Gefühl, mit ü 40 wieder Neu-Single zu sein.

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