Rückblick G20: Zwei Erfahrungen vor Ort

Rückblick auf den G20 – in der letzten Woche haben wir drei von 40-something berichtet, wie wir den Gipfel in Ottensen, am Stadtrand und in Altona erlebten. Heute schließen zwei 40-something Leserinnen unsere Serie mit ihren Erlebnissen ab.

Sophie Löffler:  Nachbarn in der Schanze halten zusammen

Vor dem G20-Treffen ist die Stimmung in meinem Viertel angespannt. „Das wird schlimm,“ raunen wir Nachbarn uns zu, denn unsere Straße ist auf der anderen Seite der Altonaer Straße und damit sehr zentral. Wir sind schon erprobt, kennen so einiges vom Schanzenfest und vom 1. Mai. Ich will zuhause bleiben. Mein Plan: vielleicht tagsüber auf eine Demo. Vor allem aufpassen, dass keine Einbrecher kommen – davor habe ich mehr Angst als vor Terroranschlägen.

Ein Geschäft nach dem anderen nagelt Bretter vors Schaufenster. „Das wird schlimm,“ sagen die Menschen in den Geschäften. Ständig fahren Polizeiwagen vorbei. Die Hubschrauber über uns – eher nervig als bedrohlich. Am Freitag morgen sehe ich Bilder von brennenden Autos und lese Meldungen über Verwüstungen. Aber bei uns ist es ruhig.

Am Vormittag rücken an der nächsten Straßenecke Demonstranten Betonblöcke auf den Fahrdamm. Die Polizei kommt sofort mit Räumfahrzeugen. Eine Sambagruppe in rosa Tutus scheint so gefährlich, dass ihr mit dem Wasserwerfer gedroht wird. Später treffe ich auf eine unangemeldete Fahrraddemo, ich schließe mich kurz der bunten Masse an. Polizisten nickten uns zu und sperren für uns ab. „Das ist nicht schlimm,“ denke ich.

Doch dann kommt die Nacht zum Samstag …

Am Samstagabend wird es in meiner kleinen Nebenstraße wird es plötzlich laut. Ein Blick aus dem Fenster: Unten laufen Vermummte. Nachbarn stehen auf den Balkonen. Sie rufen: „Haut ab, haut ab!“ Was ist das da an der Ecke? „Es brennt!“ ruft jemand. Ich renne auf die Straße, in Sandalen und Blümchenrock. Ein Nachbar hält einen Gartenschlauch, andere haben Wassereimer. So löschen sie einen brennenden Papiercontainer, den sie aus der Hauseinfahrt gezogen hatten. Eine gespenstische Atmosphäre, ein beißender Geruch. Und dann stockt mir der Atem, als ich mit einer Nachbarin um die Ecke gucke: Eine Barrikade brennt lichterloh. Keine Polizei in Sicht.

Rückblick G20: Medienbericht über die Wehrhaften Anwohner

Sophie Löffler (zweite von links) mit Schrubber und ihren Nachbarn in der Zeitschrift „Stern“ (c) Stern

Menschen laufen an uns vorbei, einige vermummt, viele mit Einkaufskörbchen. Der Supermarkt um die Ecke wurde geplündert. Wir zehn Nachbarn sprechen uns nicht ab. Fünf Frauen, fünf Männer. Keine Kämpfer, eher normale Mütter und Väter, zwischen dreißig und fünfzig. Als die nächste Gruppe kommt, brüllen wir: „Haut ab! Ihr geht hier nicht durch!“

Sie drehen tatsächlich ab. Ein gutes Gefühl. Immer wieder tauchen Gruppen auf. Jugendliche, fast Kinder, die fragen, wie sie jetzt in die Walddörfer kommen. Ein betrunkener Punk, der uns in den Eingang pinkeln will, lässt sich vertreiben, später kommt er sogar wieder und entschuldigt sich. Immer wieder Schaulustige. Und immer auch wieder aggressive vermummte Gruppen. Wir bleiben hartnäckig. Irgendwann um 2 Uhr Morgens kommt dann endlich ein Einsatzwagen. Und auch Wasserwerfer. Es wird ruhig. Doch kaum bin ich wieder oben in meiner Wohnung, wieder Lärm. Eine Gruppe kippt Müll auf die Straße. Wieder gehen wir auf die Straße, jetzt mit Schrubbern und Kehrblech. Bis zum Morgengrauen um 5 Uhr halten wir Wache.

Am nächsten Abend stehen wir wieder da – die gleichen Nachbarn, noch andere dazu, jetzt alle mit Schrubber, Besenstiel und einer mit einem Eishockeyschläger bewaffnet. Auch in dieser Nacht halten wir einzelne Gruppen auf. Jemand fragt uns, ob wir eine Bürgerwehr seien, eine andere Frau beschimpft uns als Gentrifizierungsschlampen. Aber es ist kein Vergleich zum Vorabend, es ist deutlich ruhiger und die Polizei zeigt sich.

Was bleibt von diesen Tagen? Die Fronten zwischen Regierung und Polizei auf der einen Seite und der militanten Autonomen-Szene auf der anderen Seite haben sich verhärtet. Es wird irgendwann sicher wieder ähnliche Ausschreitungen geben. Wir Anwohner werden dabei vergessen. Ich bin ratlos, denn es bleibt schlimm.

Sophie Löffler ist Familienmediatorin und lebt seit über zwanzig Jahren in der Schanze. Ihre beiden Kinder sind echte Schanzenkids und ihre beiden Katzen sind Schanzencats. Ihre Webssite: www.hamburger-mediatiorin.de

Rückblick G20- ausgebrannte Autos

In Hamburg brannten Autos (c) Catharina Aanderud

 Catharina Aanderud: Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit

„Wollten wir diesen Gipfel wirklich?“ poste ich, als ich am Gipfel-Freitagmorgen fassungslos die Spur der Verwüstung mit ausgebrannten, noch qualmenden Autos und eingeschmissenen Fensterscheiben sah. Das dort offenbarte Gewaltpotential verwirrte und erschreckte mich. Auf ein Fenster hatte ein Radikaler „Aesthetics of Resistance“ gesprayt, was ich zynisch fand.

Am Abend zuvor war ich bis kurz vor den Fischmarkt geradelt, weiter kam ich nicht, vor mir stand die Polizei. „Wieso sind die noch nicht losgegangen?“, fragte ich einen der Beamten. „Die sind sich über die Route noch nicht im Klaren“ , sagt er. „Ich dachte, die stand fest?“, fragte ich irritiert. „Dachten wir auch“. Die Polizei, dein Freund und Helfer, war freundlich, fast fürsorglich zu mir, aber hat mir leider nicht die Wahrheit gesagt. Warum, fragte ich mich später.

Ich spürte wie die Stimmung sich aufheizte, Leuchtraketen färbten den Platz rosa, akustisch untermalt von zerberstenden Glasflaschen. Eine Hundertschaft der Polizei rückte vor, fuhr mit einem brandneuen Wasserwerfer auf. “ Keine Panik“ beruhigte eine Stimme aus dem Lautsprecher. Der Einsatz der Wasserwerfer erschien mir moderat. In den Nachrichten ergab sich dann ein völlig anderes Bild, da war viel von Eskalation seitens der Polizei und ihrem unverhältnismäßigem Einsatz die Rede. Es war schwer, sich ein objektives Bild der allgemeinen Lage zu machen, keiner kann schließlich überall sein.

Die wichtigen Anliegen des G20 wurden verdrängt

Die Berichterstattung über die Ausschreitungen, die mit dem brennenden Schanzenviertel ihren ekstatischen Höhepunkt fand, hat leider die wichtigen Anliegen der friedlich Demonstrierenden und die des Gipfels der Solidarität total verdrängt: Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe, globale Gerechtigkeit und die Suche nach einer lebensfördernden Ökonomie, die nicht so viele globale Verlierer gebiert.  Themen, die ins kollektive Bewusstsein gehören. Sich daran erinnern, dass der Anzahl von Menschen, die in einen Doppeldeckerbus passen, die Hälfte der Welt gehört. Dass sich in Indien Bauern reihenweise durch Trinken (!) von Glyphosat umbringen, um gegen die existenzvernichtenden Geschäftspraktiken von Monsanto zu protestieren. Darüber wäre Berichterstattung wichtig gewesen. Doch dazu kam es nicht, da die Krawalle alle mediale Aufmerksamkeit absorbierten. Zufall?

Wieso konnten geschätzt 1500 Linksextremisten drei Stunden lang ungestört auf der Schanze wüten und mit ihrer Zerstörungslust Hunderte, wenn nicht gar Tausende von ihnen faszinierte Party-Hooligans anstecken? Weil sie für solch kollektive Entgrenzung auf Pop-Konzerten oder beim Fussball sonst teuer bezahlen müssten? Ist es die adrenalinbefeuerte Faszination, die von extremen Zuständen von Gewalt ausgeht? Das Dabeigewesensein und die Jagd nach Selfies mit möglichst hohem Aufmerksamkeitsfaktor (=viele Likes = ich-bin-populär)?

Ich gebe zu, ich selbst habe meine Videos vom Fischmarkt auch gepostet. Aber ich frage mich: Werden die Medien in ihrer Berichterstattung und wir, die Rezipienten, angesichts allgemeiner Reizüberflutung immer empfänglicher für das Extreme? Vermutlich sind wir stärker stammhirngesteuert als uns lieb ist, all unserem zivilisatorischen Putz zum Trotz. Darunter lauert immer der Rückfall in enthemmtere, archaischere Gefühlszustände. Genau das ist es, was mir angesichts qualmender Autos, zerschmissener Fensterscheiben und marodierender Vermummter solche Angst macht: Die Einsicht, dass unser kultiviertes Zusammenleben ein ziemlich zerbrechliches Gut ist.

Catharina Aanderud ist Dipl.-Psychologin, Journalistin und Autorin von Sachbüchern und Biografien. Sie lebt in HH und Berlin und schreibt gerade an ihrer ersten Erzählung. Bei gelegentlich auftretenden Schreibblockaden greift sie zum Pinsel und malt sehr bunte Bilder! Ihre Website: www.catharina-aanderud.de

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