Nach dem G20-Gipfel: Ein Blick vom Stadtrand

Hamburg ist ziemlich groß. Und viele Menschen leben nicht im Zentrum der Elbmetropole. Ich auch nicht. Ich wohne im Ortsteil Meiendorf. Zwischen Farmsen-Berne und Volksdorf. Ein ruhiges ziemlich grünes Eckchen. Wenn ich in die Innenstadt fahren möchte, brauche ich mit der U-Bahn etwa eine halbe Stunde. Egal ob Schlager-Move, erster Mai oder Marathon: Wir hier oben bekommen ziemlich wenig von den Großveranstaltungen in der City mit.

Vor dem G20-Gipfel: Weniger Ruhe als gedacht

Vor dem G20 war ich überzeugt: In den weit draußen gelegenen Walddörfern, so wird der grüne Nordosten genannt, würden wir gar nichts vom Gipfel mitbekommen. Es war klar, dass die Schule normal stattfinden würde, es stand ein Schulkonzert an und das Abschiedsgrillen mit den Kindern und Eltern der 4. Klasse. Ein mehr oder weniger normales Wochenende. Ich war nur ein wenig in Sorge, ob ich am Samstag auch gut mit dem Flugzeug weg käme – ich musste beruflich nach München.

Doch als die Gipfelwoche begann, zeichnete sich ab, dass ich mich getäuscht hatte. Auch über unserem Haus kreisten Hubschrauber. Tag und Nacht. Vielleicht, weil ein Krankenhaus in der Nähe ist. Oder weil der Nachbarstadtteil auch auf Karten der Autonomen mit „hier wohnen die Geldsäcke“ gekennzeichnet war? Ehrlich gesagt fühlte ich mich nicht unbedingt geschützt, eher ziemlich genervt.

Nach dem Gipfel - auch über den Sinn von Konzerten als Protest sollte nachgedacht werden

Coldplay, Shakria, Andreas Bourani und andere Stars gaben ein Gratis-Konzert (c) Silke Plagge

Auftakt: Ein Konzert der Aktivisten

Am Tag, als die Delegationen aus zwanzig Nationen einflogen, hatte auch ich etwas vor. Meine Freundin und ich hatten Karten für das „Global Citizen Konzert“ bekommen. Die Gratiskarten wurden verlost an Menschen, die sich politisch engagieren, Online-Petitionen unterschreiben und sich mit Problemen der Welt auseinandersetzten. Theoretisch. Es gab aber auch viele Konzertbesucher, die sehr viel Geld für Karten ausgaben auf dem Schwarzmarkt oder eben Petitionen nicht aus Überzeugung ausfüllten, sondern weil sie endlich mal Coldplay live sehen wollten.

Wir zwei brauchten ziemlich lange um an das andere Ende der Stadt zu gelangen. Fast alle Straßen rund um den Flughafen waren gesperrt, aber genau die wollten wir eigentlich befahren. Als Donald Trumps Air Force One über uns hinweg flog, hatten wir uns gerade entschieden, einen riesigen Bogen um die Stadt zu machen. Als wir nach unserer Landpartie über Norderstedt schließlich an der Arena ankamen, waren dort unwahrscheinlich viele Menschen. Einige Hundertschaften an Polizei, die für die Sicherheit sorgen sollten. Und viele Besucher, die brav in einer riesigen Schlange standen um durch die strengen Sicherheitskontrollen zu gelangen.

Die Kontrollen fand ich sogar ganz gut. Denn ich gebe zu: Ich hatte ein leicht mulmiges Gefühl. So viele Menschen an einem Ort, das könnte schon brisant werden. Wo waren die Fluchtwege? Das erste Mal, dass ich mir auf einem Konzert darüber Gedanken machte. Jeder Besucher durfte nur eine winzige Gürtel- oder Handtasche dabei haben. Plakate oder Laken mit Parolen waren verboten. Im Nachklapp des Konzerts las ich das als Kritik: Es sei ja eine unpolitische Masse gewesen, keine Protestschilder.

Das Konzert zum G20

Ich war schon beeindruckt. Coldplay und Andreas Bourani hatten mit ihren Live-Auftritten bei mir für Gänsehaut gesorgt. Auch die anderen Musiker gefielen mir. Mit kurzen Filmen wurde auf Aktionen aufmerksam gemacht. Und dann gab es auch noch Auftritte von Firmen, die große Spenden für den guten Zweck gaben, von Aktivisten, die ihre Projekte vorstellten. Und von Politikern. Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau sprach. Aber auch Sigmar Gabriel, Olaf Scholz und Hermann Gröhe. Wichtige Worte. Aber auch viele Phrasen. Ein leicht schales Gefühl blieb. Denn da stand nun der Präsident der Weltbank und lobte die anwesenden Besucher als Hoffnung für die Zukunft.

Dabei waren viele einfach nur wegen eines nettes Musikkonzerts da. Vielleicht rüttelten die kurzen Einspieler, etwas für den Kampf für mehr Bildung, Gleichberechtigung und medizinische Versorgung, aber auch einige wach. Mich beeindruckten sie. Genau wie die hochkarätigen Musiker, die gratis spielten. Den viel gelobten Auftritt von Herbert Grönemeyer? Den hörten wir im Radio, wir wollten nämlich nicht noch mal lange Schlange stehen um aus der Volkspark Arena herauszukommen.

Gedanken nach dem G20-Gipfel

Totale Ruhe am Stadtrand – nur leichte Hubschraubergeräusch (c) Silke Plagge

Gedanken nach dem G20-Gipfel

Nach dem Konzert hörten wir dann im Radio von den ersten Ausschreitungen. Zuhause angekommen sah ich entsetzt die Bilder im Netz. Das wurde am Freitag nicht besser. Dort wo meine Freunde lebten, brannte es. Bei uns am Stadtrand waren die Läden geöffnet, es war Wochenmarkt und bis auf den dauernden Hubschrauberlärm war alles normal. Oder auch nicht. Denn ich arbeitete am Rechner und sah immer mehr Bilder von brennenden Autos und las von den Geschehnissen in der Innenstadt.

Hörte Radio und machte Nudelsalat für das Grillfest. Das stattfand, es war doch Alltag. Anders als sonst waren allerdings fast alle Eltern da. Kein Wunder, denn Home Office oder dienstfrei waren angesagt, keiner war in die Innenstadt gefahren. Und doch: Die Bilder schockierten. Wir machten uns Sorgen. Um unsere Stadt. Um die Freunde, die zentraler wohnten. Einige Eltern wollten am Wochenende zu den friedlichen Demonstrationen gehen. Und viele die Stadt verlassen.

Ich selbst flog ja am nächsten Tag los. Kam schnell am Flughafen an und blickte mit Sorge aus dem Fenster. Würde ich am Montag Hamburg noch wiedererkennen? War es möglich, dass es noch mehr Ausschreitungen oder Schlimmeres geben könnte. Ich fühlte mich meiner Wahlheimat plötzlich tief verbunden und fand, dass Hamburg diese Bilder für die Weltöffentlichkeit nicht verdient hat.

Meine Lektion? Verbundenheit mit der Stadt und ein Gefühl der Ohnmacht. Ich habe so viel weniger erlebt, als Verena, die ja ganz nah am Geschehen war. Aber ich fieberte mit. Ja, ich sah die Zerstörungen und den Hass nur auf dem Bildschirm. Aber wenn so etwas in der eigenen Stadt passiert, fühlt sich das anders an. Wie viel Geld wurde für diesen G20 ausgegeben! Wie hoch werden die Kosten sein, die durch die Sachschäden und Verdienstausfälle noch dazu kommen? Die doch so wortgewaltigen Politiker vom Konzert sagen dazu nun nicht wirklich etwas. Darüber wundert sich nicht nur Esther.

Dann denke ich an andere Bilder, die ich in dieser Woche gesehen habe. Auf dem Konzert. An Bilder von hungrigen Kindern. Von Menschen, die keinen Zugang zu Wasser oder medizinischer Versorgung haben. Von Mädchen, die keine Schule besuchen dürfen. Ärzten, die verzweifelt gegen medizinische Not kämpfen, Frauen, die für Gleichberechtigung alles geben. Und ich stelle mir vor, wie praktisch es gewesen wäre, die Teilnehmer des G20 hätten eine WhatsApp-Gruppe gegründet. Und all das gesparte Geld wäre dorthin geflossen, wo es so sehr fehlt …

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