#beziehungsweise: fremdgehen – um die Ehe zu retten

 Unter #beziehungsweise und auch in anderen Beiträgen berichten wir, wie 40-somethings die Liebe leben. Es gibt sie, die Paare, die auch langen Jahren eine glückliche Ehe führen. Die Singles, die keine klassische Beziehung, sondern eher „friends with benefits“ suchen und Paare, die offene Beziehungen führen. Aber es gibt auch Beziehungen, die auf einem Geheimnis basieren. So wie die von Nicole (48). Sie wollte ihre Geschichte erzählen, weil sie anderen Mut machen möchte. Es tut gut, eigene Bedürfnisse auszuleben, findet sie. 

„Mir geht es richtig gut. Weil ich tatsächlich endlich angekommen bin. Bei zwei Männern. Es gibt nur zwei Freundinnen, die davon wissen. Einer dritten Freundin habe ich mal in einer Andeutung erzählt, dass es da einen zweiten Mann in meinem Leben gibt – das fand die so furchtbar, dass sie kaum noch mit mir spricht. Schade, denn sie weiß ja gar nicht, dass ich nicht finde, dass jede oder jeder so leben sollte wie ich. Und vor allem weiß sie gar nicht, was genau meine Gründe sind. Sie murmelte nur etwas wie: ‚Dass du so eine bist, hätte ich nicht gedacht.‘ Seitdem bin ich vorsichtig. Ich möchte nicht verurteilt werden. Warum meine Freundin so heftig reagiert hat, wollte sie nicht erzählen.

Fremdgehen: Das ist ein Tabu – erst recht für Frauen

Wahrscheinlich ist es immer noch das alte Bild: Männer, die viel Sex haben, das sind Helden. Die müssen sich halt die Hörner abstoßen. Frauen, die ihre Lust ausleben? Für die gibt es keine schmeichelhaften Bezeichnungen. Mannstoll, schlampig. Ich bin sogar eine Ehebrecherin. Und genau damit habe ich meine Ehe gerettet.

Olaf und ich sind seit 26 Jahren ein Paar. Wir lernten uns im Studium kennen. Wir haben beide auf Lehramt studiert, waren in der gleichen Studiengruppe und mochten uns. Es war keine dieser wahnsinnigen Liebesgeschichten. Sie war ruhig, brachte Geborgenheit und hatte Tiefe. Nach sechs Monaten wurde ich schwanger. Wir heirateten, bekamen zwei Jahre später unsere zweite Tochter. Mit zwei Kindern waren wir im Freundeskreis Exoten. Während meine Freundinnen mir wilde Geschichten von Kerlen erzählten, stillte ich Babys und wuppte mit Kindern erst das Studium, dann das Referendariat. Wir waren ein gutes Team. Wäre Olaf nicht so ein engagierter Vater, hätte ich sicher den Einstieg in das Berufsleben nicht so gut geschafft.

Mir fehlte in unserer Ehe lange Jahre nichts. Ich war zu beschäftigt mit dem Alltag. Mit den beiden Mädchen. Dem täglichen Gewusel zwischen den Schulen der Kinder, meiner eigenen und meinem Schreibtisch. Olaf und ich freuten uns, wenn wir mal ruhige Abende hatten. Später fuhren wir häufig zu zweit in die Berge, genossen Urlaube zu zweit. Nach langen Wandertouren fielen wir ins Bett, kuschelten auch manchmal. Mehr nicht.

Fremdgehen, um die Beziehung zu retten

Manchmal passen die alten Pfade einfach nicht mehr richtig (c) Pixabay.com

Wir schliefen kaum noch miteinander. Das Feuer der ersten Jahre? Das gab es nie so sehr. Wir waren mit unserem Alltag genug ausgelastet. Aber mittlerweile fehlte auch die Nähe und die Zärtlichkeit. Früher gab es langes Familienkuscheln, mit Wärme und Hautkontakt. Die Teenies hatten dazu keine Lust mehr. Sex? Ich musste Olaf immer fragen. ‚Wenn du gern möchtest,‘ sagte er. Und ich fühlte mich mies. Weil ich merkte, dass es ihm schlichtweg nicht wichtig war, ich ihm aber schon und er mir einen Gefallen tat.

Es war kein Zufall, dass ich eines Tages Bernd traf. Ich hatte mich bei einem Online-Portal angemeldet. Ich wollte Sex. Unverbindlichen Sex. Mich als Frau fühlen. Der Gedanke war schon lange da. Ich wollte keine Affäre im privaten Umfeld oder im Job, aber ich wollte mich einfach wieder spüren. Wenn meine Single-Freundin von ihren Flirts erzählte, wurde ich immer hungriger.

Fremdgehen mit Plan, einfach in Zeiten des Internets

Ich stellte also ein Bild von mir, im Halbschatten und mit Sonnenbrille, ins Internet und schrieb dazu: ‚Einfach wieder küssen und das Leben spüren‘. Einige Männer schrieben mich an. Einige suchten die große Liebe, das ging gar nicht. Mit einigen schrieb ich mir und merkte, das passt nicht. Mit Bernd traf ich mich dann auf einen Kaffee. Auch er ist verheiratet. Genau wie ich schon über 20 Jahre. Er arbeitet hier in meiner Stadt, und ist nur am Wochenende bei seiner Familie. Was uns verbindet? Ein Prickeln, körperliche Anziehung.

Etwa zwei Mal in der Woche treffe ich mich mit Bernd. Jetzt seit gut einem Jahr. Das sind geschenkte Stunden, die mir gut tun. Ich mag es, seinen Körper zu spüren, vor allem aber meinen. So lebendig und frei war ich lange nicht mehr. Und ruhe gleichzeitig sehr in mir. Manchmal treffen wir uns gleich in seiner Wohnung, manchmal gehen wir aber auch einfach lange im Wald spazieren und küssen uns. Damit nehme ich niemandem etwas weg.

Fremdgehen prickelt so schön

Sex mit einem anderen, weil in der eigenen Beziehung etwas fehlt (c) pixabay.com

Bernd ist alt genug, der weiß, was er tut. Sicher weiß seine Frau nichts von mir. Olaf hat zwar eine Veränderung bemerkt, ist aber der Meinung, dass das der neue Yoga-Kurs bewirkt hat. Ich bedränge ihn nicht mehr. Bitte meinen Mann nicht mehr um Sex, den er nicht möchte. Wenn wir uns doch wieder näher kommen, dann ist das schön. Und das kann ich genießen. Aber ich bin nicht mehr so verzweifelt und hungrig, wie ich mich in den Jahren fühlte, als ich kaum Sex hatte. Tatsächlich hat das meine Beziehung zu Olaf einfacher gemacht. Wir lachen mehr, reden mehr. Weil es keine Erwartungshaltung mehr von mir gibt und er dadurch auch entspannter ist.

Es gibt Leute, die offene Ehen führen. Aber das könnte ich nicht. Denn ich bin sicher, das mein Mann mit dem Nicht-Wissen gut leben kann. Bernd, mein Liebhaber, nimmt ihm nichts weg. Ich möchte Olaf nicht weh tun und darum bleibt der zweite Mann ein Geheimnis. Ein schlechtes Gewissen habe ich aber sicher nicht. Denn mir geht es besser und damit auch uns als Ehepaar.

Meine zwei eingeweihten Freundinnen sehen das unterschiedlich. Die eine würde genauso handeln. Die andere warnt mich. Eines Tages würde ich einen Fehler machen. ‚Wäre ich dein Mann, würde mich die Lüge verletzten.‘ Ja, das ist der Wehrmutstropfen. Ich lebe mit Lügen. Vielleicht muss ich mich eines Tages entscheiden. Aber nicht jetzt. Jetzt fühlt sich das für mich alles gut an.“

Die Namen haben wir auf Wunsch geändert. Möchtet ihr uns auch erzählen, wie ihr lebt und liebt? Denn das ist das Thema unserer Serie #beziehungsweise. Ob Neu-Single ,  Paar in der Krise oder mit großem Altersunterschied –  wir möchten über die vielen Facetten berichten. Also schickt uns gern eine Nachricht hier im Kommentarfeld, eine Mail oder meldet euch bei uns über Facebook. 

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