Zwischen Woodstock und Schützenfest

Das niedersächsische Wendland ist Naturdenkmal, schillerndes Soziotop und Seelenmassage in einem. Verena Carl über eine ganz besondere Gegend

Es war eine Sommerliebe. Eine Spätsommerliebe, um ganz genau zu sein. Und sie kam völlig unerwartet. Denn eigentlich wollte ich im August vor drei Jahren mit meiner Familie zu einem spontanen Wochenende an die Nordsee aufbrechen. Auch die Ostsee hätte ich genommen. Alles ausgebucht, bis auf die letzte Badewanne. Das war zuerst Pech. Und dann großes Glück. Denn schließlich fanden wir wenigstens südlich von Hamburg ein Hotelzimmer für eine Nacht.

Das klang nett, das klang wie der Duft frischer Äpfel und nach Bett im Kornfeld. Was wir fanden, war aber noch viel schöner: Ein Haus mit einem knarzigen Charme, gelegen mitten in einem echten Hänsel-und-Gretel-Wald, der Göhrde, in dem die Chefin sich abends mit den Gästekindern zum Vorlesen ums Lagerfeuer setzt und die Bio-Teebar rund um die Uhr geöffnet ist. Auf unsere erstaunte Frage, wer denn auf dem Nachbargrundstück ein riesiges Tipi aufgebaut habe, lachte Gastgeberin Barbara Kenner: „Ach, das sind unsere Indianer. Die lassen uns auch ihr Schwimmbad mitbenutzen.“ Später erfuhr ich, dass dort im Monatsrhythmus Schwitzhüttenzeremonien abgehalten werden. Und dass echte Schamanen aus den USA zu Besuch kommen, für spirituelle Waldspaziergänge und mehr. In einen ganz merkwürdigen Film war ich da geraten. Und ich wusste auch: Da will ich länger mitspielen.

www.mediaserver.de, imagefoto.de

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Aus dem One-night-stand wurde was fürs Leben. Zwei Wochen später hatten wir ein Haus im Wendland. Vielmehr: ein Wochenendhäuschen, blau gestrichen mit überdachter Terrasse, zu einem Preis, in dem man in Hamburgs besseren Vierteln gerade mal eine Garage erwerben könnte. Seitdem zieht es uns fast jedes Wochenende und in vielen Ferien hierher. Im Frühjahr, wenn wir zwischen Moosen und Baumstämmen Ostereier verstecken und beim Festival „Kulturelle Landpartie“ Marionettenspieler, Straßenkünstler und Clowns ihr Können zeigen; im Sommer, wenn unsere Kinder stundenlang in der Sandkuhle unterhalb unseres liebsten Aussichtsplatzes spielen und wir den weiten Blick über die Elbe genießen, wenn Ausflugsboote auf dem Fluss kreuzen und nachts die Frösche singen; im Herbst, wenn uns in den Gartencafés reife Walnüsse auf dem Kopf fallen; im Winter, wenn häufig die Elbauen unter Wasser stehen und man auf den Wanderwegen im Wald Schlitten fahren kann.

Es ist aber nicht nur die Natur, es sind auch die Menschen. Ein bisschen versponnen, ein bisschen verspielt: so liebe ich das. Die Fluss- und Hügellandschaft zwischen Neu Darchau im Westen und Vietze im Osten ist Sammelpunkt für engagierte bis kauzige Typen, geeint durch den jahrzehntelangen Protest gegen das Zwischenlager Gorleben; und gleichzeitig durch und durch niedersächsisch und bodenständig. Hausfrauen in praktischer Freizeitkleidung, mit Kindern und Hund auf dem Weg zum Reitstall; Liegeradfahrer mit Friedenstauben-Wimpeln am Lenker; Künstlertum und Schützenvereinsseligkeit, Vitrinen voller Sahnetorten in kleinen Cafés direkt neben dem veganen Spezialitätenrestaurant. Ein Miteinander, kein Nebeneinander. Neuester Streich: Vor ein paar Monaten hat eine engagierte Gruppe von 30 Bürgern das alte Bahnhofsgebäude von Hitzacker, einen maroden Gründerzeitbau, gekauft, um es in ein Kulturzentrum umzuwandeln. Der Sprecher der Gruppe ist übrigens im Hauptberuf Töpfer und im Nebenjob „Biberberater“. Wenn Sie ihn fragen wollen, was das ist: Sie finden ihn hier. Und wenn Sie mit dem Fahrrad kommen, nehmen Sie doch auch einer seiner lenkertauglichen Fahrradvasen mit, dann bleiben die Blumen vom Wegrand länger frisch. Noch ein Grund mehr für einen Kurztrip in Niedersachsens wilden Osten – nicht nur, wenn Ost- und Nordsee mal wieder ausgebucht sind.

imagefoto.de

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