Bücher ab 40: Luxusprobleme und Geschwisterneid

Einer der meistzitierten Sätze der klassischen Literatur geht auf das Konto von Leo Tolstoi: „Alle glücklichen Familien gleichen einander. Jede unglückliche ist auf ihre eigene Weise unglücklich“, so begann der russische Autor seinen Wälzer „Anna Karenina“. Das klingt markant, aber so ganz richtig ist es nicht. Es gibt nämlich familiäre Krisen, die laufen immer nach dem gleichen Drehbuch ab. Zum Beispiel, wenn es ums Erben geht und alte Konkurrenzkämpfe wieder aufbrechen, sobald es etwas zu verteilen gibt. Erben macht wenige glücklich, und viele Familien verdammt unglücklich. Vor allem dann, wenn man fest mit einem warmen Geldregen in der Lebensmitte gerechnet hat und sich herausstellt, dass es höchstens zu einem leichten Tröpfeln reicht. Darüber hat die amerikanische Autorin Cynthia d’Aprix Sweeney einen brillanten Roman geschrieben, Pflichtlektüre für 40-somethings, so schlau wie unterhaltsam, so überraschend und gleichzeitig voller Kenn-ich-auch-Momente.

Roman für 40-somethings

Mit Brief und Siegel: Nicht immer birgt das Testament eine schöne Überraschung (c) Pixabay

Melody, Bea, Jack und Leo sind Geschwister, mittelalte und mittelmäßig erfolgreiche Kinder eines New Yorker Selfmade-Mans. Papa hat es auf grundsolide Weise zu einem ordentlichen Vermögen gebracht, das sich vor Ausbruch der Finanzkrise fast von selbst vervielfacht hat. Verstorben ist er schon vor einer Weile, aber in Testament gibt es eine Klausel, mit der er über seinen Nachlass verfügt: Am 40. Geburtstag der jüngsten Tochter Melody soll das Geld aus einem Fonds gleichmäßig an alle vier ausgeschüttet werden. Weil das erfahrungsgemäß eine Phase ist, in der man eine Finanzspritze gut gebrauchen kann, aber alt und vernünftig genug ist, die Extra-Dollars nicht ausschließlich für Schuhe, Spontan-Trips oder Partys auszugeben. Für Melody, Bea und Jack haut das auch ganz gut hin: Die Jüngste ist als Vollzeit-Hausfrau knapp bei Kasse, möchte aber ihren Töchtern das College finanzieren; ihre Single- Schwester braucht dringend ein Finanzpolster, um endlich in Ruhe den großen Roman zu schreiben, der in ihrem Kopf wartete; und Ladenbesitzer Jack steckt mit seinem Geschäft in der Klemme und hat in der Not für einen Kredit das gemeinsame Ferienhaus verpfändet, ohne seinem Lebensgefährten etwas davon zu sagen.

Bücher ab 40: Abstiegsängste inklusive

Es würde also perfekt passen – wäre da nicht enfant terrible Leo, der Älteste, der auf einer betrunkenen und vollgekoksten Autofahrt einen folgenschweren Unfall gebaut und eine junge mexikanische Kellnerin ohne Krankenversicherung ins Unglück gestürzt hat. Der braucht jetzt dringend den Löwenanteil des Geldes, um sich vor dem kompletten Ruin zu bewahren – und die Mutter als Nachlassverwalterin hat dafür gesorgt, denn das Testament hat eine entsprechende Härtefallklausel. Selbst mit zusätzlichem Geld einspringen kann sie auch nicht, weil sie und ihr zweiter Ehemann ebenfalls an den Folgen der US-Finanzkrise leiden. Und so stehen die anderen plötzlich mit fast leeren Händen da, ohne das Geld, mit dem sie so sicher gerechnet hatten. „Das Nest“, so der Titel des Romans, entpuppt sich als verdammt schroffer Ort, als das Gegenteil der ersehnten Wellnessoase.

Roman für 40-somethings

„Das Nest“: in den USA und Kanada bereits ein Nr.1-Bestseller (c) Klett Cotta Verlag

Das ist der Ausgangspunkt einer ebenso schrillen wie warmherzigen, einer ebenso überraschenden wie nachvollziehbaren Geschichte über Schuld und Vergebung, über Neid und Solidarität, über die tektonischen Verschiebungen unter der Oberfläche, die ein solch familiäres Erdbeben nach sich zieht. Denn diese Erfahrung machen viele: Geht es ans Verteilen, dann brechen alte Verletzungen unter Geschwistern wieder auf, dann hat jeder gleichzeitig das Gefühl, zu kurz zu kommen, dann wird oft bis aufs Blut gekämpft – egal, ob es um große Vermögenswerte geht oder kleine Erinnerungsstücke.

Von der Kunst, das Schwere leicht zu erzählen

Gleichzeitig ist die Geschichte um die vier ungleichen Geschwister ein Spiegel, in dem sich wohl viele 40-somethings wiedererkennen, ein Generationenporträt, das nicht nur für New Yorker Großbürgerkinder greift. D’Aprix Sweeney kennt uns: Diese Generation, die mit den größte Versprechungen gestartet ist, mit einem „Du-kannst-alles-werden-was-du-nur-willst“, für die materieller Wohlstand größtenteils selbstverständlich war, für deren Eltern es fast immer aufwärts ging. Und die sich jetzt deutlich mehr anstrengen muss, um den Lebensstandard der eigenen Eltern zu halten – es sei denn, man gehört zu der glücklichen Minderheit, die anstrengungslos und im großen Stil Vermögen, Immobilien, Unternehmensanteile zu erwarten hat. Was die Ungleichheit in der Gesellschaft in Deutschland genau so vertieft wie in den USA.

Klingt das jetzt nach einem schweren Problem-Schinken? Keine Sorge! Für amerikanische Autoren ist es schließlich Ehrensache, auch Düsteres höchst unterhaltsam zu verpacken. Dass die Farbpalette auf die letzten Seiten dann doch ein bisschen arg ins rosa-kitschige lappt, dass es plötzlich verdammt süßlich wird , dass die Geschwister auf die letzten Meter…– ach, geschenkt. Es ist schließlich bald Weihnachten.

 

Und, a propos unglückliche Familien und Tolstoi, noch ein Tipp: das traumschöne Remake der Anna-Karenina-Geschichte mit Jude Law und Keira Knightley von 2012 ist das perfekte Weihnachtsmärchen für Erwachsene – trotz dem bekannten Unhappy End. Gibt’s auf DVD und im Netz, und ist auch ein schönes Geschenk. Zum Beispiel, falls ihr noch nichts für eure Geschwister habt ;)). Hier hat Verena zum Kinostart darüber geschrieben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.