Krankengeschichten über 40: Später hat längst begonnen

Das Leben schreibt die besten Geschichten – klingt nach Klischee, aber bewahrheitet sich immer wieder. Die bekannte Hamburger Autorin Steffi von Wolff hat hier für uns aufgeschrieben, was sie dazu gebracht hat, eine Krebspatientin zur Heldin ihres neuesten Romans „Später hat längst begonnen“ zu machen. Warum auch schwere Krankheiten manchmal einfach nur zum Lachen sind. Und wie sich das Leben mit über 40 verändert, wenn, so Wolff, „die Einschläge näher kommen“. Danke, Steffi – das können wir sehr nachvollziehen und freuen uns auf dein Buch!

„Manchmal gibt es diese Sätze, die fallen ganz nebenher und lassen dich trotzdem nicht mehr los. So wie der aus dem Telefonat mit meiner langjährigen Freundin Susi, vor etwa zwei Jahren. Eine gute Freundin von ihr war gestorben und kurz davor meine Mutter. Der Frühling stand vor der Tür, bald würde ich meinen 50. Geburtstag feiern. Wie viele Geburtstage, dachte ich ganz plötzlich, werden es noch sein? Wie viele Frühlinge werden noch kommen? Susi sagte: „Sie wollte noch so viel erleben. Immer wurde es auf später verschoben. Und wir, mal so ganz nebenbei, sollten uns auch mal wiedersehen. Nicht später. Denn soll ich dir etwas sagen: Später hat längst begonnen.“

Krankengeschichten über 40

Was zu lachen, auch wenn’s ernst wird: Dafür steht Steffi von Wolff (c) privat

Dieser Satz ist für mich prägend geworden. Weil er so wahr ist. Klar, mit 20 denkt man, irgendwann fahr ich mal nach Sri Lanka und New York, irgendwann mach ich das und das. Alles Endliche ist da noch ganz weit weg. Aber mit jedem Jahr kommt die Gewissheit näher, dass nichts mehr unendlich ist. Und dann werden die Einschläge mehr. Ein bisschen ist das, wie wenn man in den Krieg zieht. Also, wenn die Bomben so direkt neben einem runterfallen und man sie nicht nur entfernt hört mit der Gewissheit, sich irgendwo davor verkriechen zu können. Oder anders gesagt: Das Leben ist kein Spielfilm mehr, irgendwann wird’s eine ziemlich ernste Doku.

Krankengeschichten über 40: manchmal ohne Happy End, aber nicht ohne Hoffnung

Und obwohl ich eigentlich auch zu den Menschen gehöre, die den Tod bis dahin ausgeblendet haben, setzte ich mich dann doch einmal damit auseinander: Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Testament. Immer mit dem Satz aus meinem Gespräch mit Susi im Hinterkopf: „Später hat längst begonnen“. Eines Tages, als ich Steuerunterlagen sortierte, dachte ich mir: schöner Buchtitel. Und dann dachte ich über Personen nach, die dieses Buch beleben könnten, erfand die kranke, nicht mehr ganz junge, aber auch noch nicht ganz alte Leonor, die Lungenkrebs hat, und die gesunde, ältere Hedy, die sich zusammentun. So begann die Geschichte der beiden, und ich habe begonnen, das Sterbe-Tabu-Thema zu recherchieren. Es war teilweise sehr skurril: Wenn man sich mit Bestattern unterhält, deren Beruf der Tod ist und mit der Krankenkasse, die einem erklärt, dass Sterben keine Krankheit ist, kann das schon sehr merkwürdig sein.

Unvergesslich ist mir ein Besuch im Hamburger Hospiz geblieben – noch nie hatte ich vorher das Gefühl, irgendwo so geborgen zu sein, es war, als würde man in einen Mutterleib kommen. Ich weiß noch, dass ich eine halbe Stunde in dieser Empfangshalle saß, da gab es eine Litfas-Säule mit kleinen Zetteln dran, auf denen dankbare Worte von Besuchern standen. Im Fenster standen 16 Kerzen für die 16 Besucher, wenn eine brannte, war der Besucher kurz vorher „gegangen“. Warme, helle Farben an den Wänden, unglaublich nette Menschen, die mir erklärten, dass hier niemand allein stirbt. Ich mag keine abgedroschenen Sprüche – aber das „hat was mit mir gemacht“.

Ich begann, das Buch zu schreiben. Ich wollte keine rührselige Story, sondern ließ Leonor ganz pragmatisch sein, ihren Sarg aussuchen, ihr Grab, ich wollte nichts verschönern, sondern das Unabänderliche einfach so beschreiben, wie es ist, denn: Man kann ja ab einem gewissen Punkt, wenn klar ist, dass es das nun war, nichts mehr dagegen tun. Und so sitzt Leonor eines Tages dann auf dem Ohlsdorfer Friedhof, hat gerade ihre Grabstätte betrachtet und lernt die reiche Hedy kennen.

Erst dachte ich: ‚Ach je, was willst du denn da erzählen‘, aber dann merkte ich, dass man über den Tod, die Angst davor, das Warten darauf, die Hoffnung, dass doch noch alles gut wird, ziemlich viel sagen kann. Wenn man sich wirklich darauf einlässt. Ich sprach mit einem Facharzt für Lungenkrebs, der mir sagte, dass jede Menge Krebskranke nach der Diagnose mit dem Rauchen aufgehört hätten, obwohl das da viel zu spät sei – und dass so viele zu ihm sagen würde: „Wenn ich gewusst hätte, dass es so einfach ist, aufzuhören …“, ich war auf Friedhöfen, saß einfach nur da in dieser einzigartigen Atmosphäre von Ruhe und Gelassenheit. Es ist auf Friedhöfen – so empfinde ich es – , als seien die Bewohner mit sich ins Reine gekommen und hätten das Ende akzeptiert. Und so habe ich immer weiter das Buch geschrieben. Ich hab versucht, es nicht kitschig werden zu lassen, sondern ehrlich. Sachlich und doch emotional.

Dann lernte ich ein Paar in meinem Alter kennen. Er hatte Krebs im Endstadium, wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde. Ein paar Wochen noch, sagte er. Es war sehr merwürdig, dass er meiner Protagonistin so ähnlich war. Er machte sogar Witze über seine Krankheit, zum Beispiel deutete er auf eine Spraydose, sagte: „Inhalt krebserregend“, um dann daran zu riechen. Oder er sagte, er werde demnächst bei WhatsApp als Status: „Akku fast leer“ eingeben, und er denke darüber nach, dass auf seiner Beerdigung „Wake me up before you go go“ gespielt werden sollte. Er saß da, bedauerte, dass er keinen Wein trinken konnte, weil er Alkohol einfach nicht mehr vertrug. Den Abend hat er trotzdem genossen und ist bis halb zwei geblieben, obwohl seine Frau vorher sagte, bis halb zehn würde er wohl maximal durchhalten.

Wir haben viel gelacht und ich weiß noch, dass ich dachte: ‚Er weiß, dass er bald stirbt, und er lacht‘. Ich traute mich sogar zu fragen, ob er Angst habe: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber vorm Sterben“, hat er geantwortet. Zum Abschied sagten wir „Wir sehen uns“, obwohl klar war, dass das nicht passieren würde. Und auf den Tag genau vier Wochen später war er tot. Das ist jetzt fast ein Jahr her, und ich muss viel an ihn denken.

Nicht verzweifeln. Und nichts mehr aufschieben.

Ich weiß immer noch nicht, wie viele Frühlinge ich noch haben werde, aber ich habe weitestgehend aufgehört, mich über Kleinigkeiten aufzuregen. Ich versuche nicht, wahnsinnig viel in einen Tag hineinzustopfen, sondern versuche, den Tag so zu gestalten, dass es ein guter Tag wird. Und es kann auch ein guter Tag sein, wenn nicht viel passiert. Heute scheint die Sonne und es ist fast warm. Beinahe Frühling. Der erste Frühling von wie vielen noch? Keine Ahnung. Nachher fahre ich an den Hafen und freue mich schon, wenn die U3 an den Landungsbrücken entlangfährt und die Elbe im Sonnenlicht glitzern wird.

Ich freu mich auf meine Premierenlesung, wir werden bestimmt viel Spaß haben. Danach gehen wir noch irgendwo was trinken, nix Weltbewegendes, einfach so. Ich freu mich drauf, dass die Segelsaison bald losgeht und wir dann wieder nach Dänemark fahren und ich freu mich auf Susi, mit der ich mich bald treffen werde, wir haben das schon so lange ausgemacht. Und wir machen das jetzt. Einfach zusammen sein. Es nicht mehr aufschieben. Weil später längst begonnen hat.“

Krankengeschichten über 40

Wo Lachen und Leiden ganz nah beieinander sind: Steffi von Wolffs Roman „Später hat längst begonnen“ (c) Fischer Verlage

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2 thoughts on “Krankengeschichten über 40: Später hat längst begonnen

  1. Manuela Hruschka

    Sehr geehrte Damen und Herren

    „Später hat längst begonnen“
    Leonor hat Krebs und ihr bleibt nicht mehr allzu viel Zeit. Und sie will noch so viel erledigen. Sie organisiert ihr Begräbnis, sucht sich eine Grabstätte aus und beim Besuch selbiger lernt sie Hedy kennen. Auf Umwegen werden die beiden Frauen dicke Freunde und erleben eine tolle Zeit zusammen. Leonors Krankheit kommt zum Stillstand. Doch erstens kommt es meistens anders, als man zweitens denkt.
    Ein Roman, man weiß nicht ob man lachen oder weinen möchte, aber einfach toll geschrieben.

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  2. Stefanie Peitz

    Ich habe das Buch gerade zuende gelesen. Nun sitze ich hier mit ganz verquollenen Augen und verlaufenem Makeup.
    Es ist ein wunderschönes Buch, ich kann es jedem nur ans Herz legen. Sicher habe ich nicht so häufig laut gelacht, wie bei den anderen Büchern von Steffi von Wolff, dieses Mal war es eben keine so leichte fröhliche Kost wie ich es gewohnt war. Dennoch hat mich das Buch von Anfang an gefesselt. Ich habe mit Leonor und den anderen geweint und gelacht.
    Eine meiner Freundinnen hatte Brustkrebs ( mit Mitte 20), sie hat ihn besiegt. Auf dem Weg von der Diagnose, über Chemo und OP bis zum Sieg, haben wir auch geweint und erstaunlich viel gelacht. Obwohl ich zugeben muss, dass ich das Gefühl hatte, sie hat weniger geweint als alle anderen. Sie wollte es einfach schaffen und das hat sie ja auch.
    Das Buch hat mich nochmal an diese Zeit erinnert – Später hat längst begonnen.
    Danke Steffi von Wolff!

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