Todesnachricht aus dem Netz

Silvester, irgendwann spät nachts, sah ich das Foto auf Facebook. Meine frühere Schulfreundin stieß  im Krankhausbett mit einem grünen Smoothie auf das neue Jahr an. Sie wirkte so elend. „Oh, es geht ihr nicht gut“, dachte ich. Ich textete ihr noch eine Nachricht über den Messenger. „Was ist da los? Ich hoffe sehr, es geht dir bald wieder viel besser.“ Danach wollte ich sie nicht stören. Meine Schulfreundin brauchte offensichtlich etwas Zeit. Auf die Nachricht antwortete sie nicht. Knapp drei Wochen später zeigte mir die Timeline ein wunderschönes Foto von ihr. Zuerst dachte ich, es wäre ein gutes Zeichen. Dann las ich den Text.

… Du warst ein toller Mensch und ich werde dich nie vergessen …

Das kann nicht sein. Der Text passt nicht zu dem Bild. In den ersten Sekunden verwirrte mich diese Kombination. Dann ging ich auf ihre Seite und las weitere Einträge wie diesen. Nein. Bitte kann mir einer sagen, dass das nicht wahr ist! Wir hatten uns vor  etwas mehr als einem Jahr wiedergesehen. Sie sah so gut aus und strahlte. Hier an dem Tisch, an dem ich jetzt sitze, versuchten wir innerhalb von zwei Stunden die letzten dreißig Jahre im Zeitraffer irgendwie einzuholen. Wir galoppierten durch die Jahrzehnte. Sie erzählte mir von ihrem Sohn, war so stolz auf den 9-Jährigen und hatte dann diese vielen Zweifel, ob sie mit dem Kleinen alles richtig machte. „Warum bist du dir immer so unsicher? Du machst alles bestimmt so toll, wie es nur irgendwie geht“, sagte ich zu ihr. Wir waren jetzt beide Frauen, die viel erlebt haben, nicht alles ist eingetreten, was wir uns mit 16, 17, 18 Jahren damals gewünscht hatten. Und irgendwie waren wir immer noch dieselben. Sie, mit ihrem adligen Namen und der angeborenen Feinheit. Die hatte sie noch immer.

Wir haben uns über Facebook wiedergefunden … und dann wieder verloren

Und ich staunte, wie sie mich damals wahrgenommen hatte. Nicht als die Burschikose, Freche, so wie ich mich oft sah. Sie sagte, ich hätte immer schon gewusst, was ich wollte, wäre damals immer so ruhig und besonnen rübergekommen. Es hat mich erstaunt. Und dann drückten wir uns und versprachen, uns nicht wieder so lange aus den Augen zu verlieren. Verloren zu gehen war damals nach der Schule leichter als heute. Facebook gab es noch nicht einmal als Vision, Messenger, Skype: nichts. Wenn man nicht akribisch alles aufschrieb, ständig in Kontakt blieb, war man einfach weg. Sie zog andauernd um, ich ging nach dem Abi für ein Jahr in die Staaten und dann wussten wir nicht mehr, was aus der anderen wurde. Wir hatten keine alten Notizbücher, ich wusste gar nicht wo sie wohnte, was sie jetzt machte. Bis sie mich über Facebook fand. Ich weiß noch genau, wie ich mich über diese spezielle Freundschaftsanfrage freute. Wir wollten uns unbedingt wiedersehen, und das kriegten wir ja auch hin. Ein Treffen, dazwischen lagen dreißig Jahre. Und dann kam diese Nachricht im Januar.

Todesnachicht über das Netz 40-something.de über 40 über vierzig

 

Es hört sich so kalt an, wenn man erzählt, dass die Todesnachricht über Facebook kam. Aber das war es nicht. Ich blieb lange auf ihrer Facebookseite und die füllte sich. Mehr von diesen wunderschönen Fotos, so viele Sätze und Erinnerungen über meine Schulfreundin. Menschen, die ihr viel näher waren als ich in der vergangenen Zeit, füllten meine Gedanken auf. Und dann war sie mir wieder so nah. Wie früher, als wir auf dem Schulhof qualmten, uns über die neuesten Platten und die tollsten Jungs unterhielten und manchmal über große Dinge philosophierten. Das ganze Leben lag noch vor uns. Ich saß am Rechner und weinte.

Todesnachricht, aber ihr Facebookprofil ist noch da

Dann schrieb ich ihre beste Freundin an, ich wollte wissen, was passiert ist. Sie erklärte mir, dass der Krebs sich schon so lange in den Körper meiner Freundin gefressen hatte. Auch schon, als wir uns damals trafen. Gesagt hatte sie mir nichts. Zu wenig Zeit für so große Themen. Ich ging zu ihrer Beerdigung. Den Termin erfuhr ich auch über den Messenger. So wie wir uns beide vor gut einem Jahr wiedergefunden hatten, so bekam ich dann die Möglichkeit, mich noch mal von ihr zu verabschieden. Auf dem Friedhof, mit der Familie und alten Freunden. Ihr Mann will ihre Facebookseite bald löschen. Aber noch ist sie da. Mit den vielen schönen Fotos von ihr, auf denen sie so strahlt, als könnte das Leben ihr nichts anhaben. Ich schaue sie mir immer wieder an.

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