Nachbarn: Das Leben der Anderen

Es ist ruhig. Die Kinder sind verreist, und ich sitze am Schreibtisch und arbeite ganz entspannt. Die Balkontür steht offen. Plötzlich höre ich eine laute Stimme: „Ich habe dir doch tausend Mal gesagt, wie du das machen sollst, bist du zu blöd, oder was?“ Ich kann nicht sehen, wer so brüllt. Es scheint von der anderen Straßenseite zu kommen. Mit wem wird so schlimm gesprochen? Der Nachbar schräg gegenüber würde seine Frau oder auch seine Söhne nie so anblaffen, aber die sind ja auch verreist. Vielleicht dringt die Stimme aus dem Garten eines der Doppelhäuser? Ich fühle mich hilflos und unwohl.

Manchmal machen mir die Nachbarn das Leben schwer

Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus, es gibt hier also viele Menschen. Und das Haus steht in einer nicht so dicht bebauten Straße. Im Moment habe ich Glück. Ich höre kaum etwas. Aber oft musste ich an Fragmenten der Leben der Anderen teilhaben. Wir hatten vor einigen Jahren direkt nebenan eine Mutter mit einem Teenagersohn, der sie in derbsten Wörtern beschimpfte. Entweder im Flur oder im WC, das war so laut, weil da die Wände an unsere Wohnung grenzten. Hätte ich eingreifen sollen? Ich hatte nur wenige Gespräche mit ihr, ich dachte, dass immerhin ein freundliches Lächeln gut tun würde. Nach nur wenigen Monaten zogen die beiden wieder aus.

Sehr anstrengend war es auch mit Nachbarn, als mein Sohn ein Jahr alt war. Es passte den Mietern über uns nicht, dass sie zwei Kleinkinder unter sich wohnen hatten. Weinte ein Kind, klopften sie gegen die Heizungsrohre. Als besagte Nachbarn in der Nacht die Musik zu laut aufdrehten, ging ich hoch und beschwerte mich. „Sie haben gut reden. Wegen ihrer Gören kann ich nie schlafen.“ „Das sind kleine Kinder, das ist so. Aber die Musik können sie abstellen.“ „Und Kinder können diszipliniert werden.“ Ich war sprachlos. Aber unternahm nichts. Die Anderen nahmen an meinem Leben teil, machten es mir sogar schwer, denn ich hatte schon das Gefühl, dafür sorgen zu müssen, dass die Kinder leise sind.

Wer war dieses Paar, dass so extrem auf Kindergeräusche reagierte? Ich bemühte mich um ein nettes Miteinander, vergeblich. Das Ganze schaukelte sich hoch, als meine Tochter einen Unfall hatte – ja, sie schrie laut und panisch, als sie sich an den Scherben einer Lampe, die sie herunter gezogen hatte, verletzt. Zwei Tage mussten wir in der Klinik bleiben, ein Splitter hatte die Oberlippe gespalten, ein anderer steckte nur wenige Millimeter unter dem Auge, eine Operation war nötig. Als ich wieder zu Hause war, flatterte ein Brief der Hausverwaltung in unseren Briefkasten. Die Mieter über uns beschwerten sich wegen „asozialer Lärmbelästigung“ und nannten es schrilles, überflüssiges Geschrei.  Als die Hausverwaltung den Grund dafür und auch die restliche Geschichte erfuhr, erhielten die Mietmieter ein Abmahnung.

Pause auf dem Balkon (c) Plagge

Pause auf dem Balkon (c) Plagge

Die Nachbarn lassen mich an ihrem Leben teilhaben

Mittlerweile haben wir im ganzen Haus nette Nachbarn. Sie motzen nicht wegen des Saxophon-Spielens meiner Tochter oder über das Toben der Kinder, das nicht immer leise ist. Früher habe ich mich immer gefreut, wenn der Teenager unter uns Karaoke sang. Heute ist ruhig. Das liegt auch an den Ferien. Fast alle Kinder in der Straße sind im Urlaub. Und scheinbar übertönt der Fußballspielen der Jungs im Grundschulalter und das muntere Auf- und Abfahren der Kindergartenmädels-Truppe sonst andere Geräusche.

Heute Mittag wagte ich mich auf dem Balkon. Der Streit war vorbei. Die nicht verreisten Nachbarn werkelten im Garten oder hatten Fenster und Türen offen. Ich weiß jetzt Bescheid. Bin informiert über das neueste Ebay-Schnäppchen (ich tippe auf Telefonat, ich hörte nur eine Frau reden) und ja, mindestens ein Paar in der Nachbarschaft hat keinen Krach miteinander. Die Geräusche waren eindeutig.

Manchmal ist das Leben der Anderen eben sehr leidenschaftlich. Das stört mich nicht.  Ich habe wunderbare, sehr hilfsbereite Nachbarn. Wir kennen uns hier in der Straße und es einige Nachbarn sind mittlerweile gute Freunde.  Ich freue mich, wenn ich Lachen höre, wenn Enkel zu Besuch sind. Aber es erschüttert mich, wenn ich Streit höre. Verletzende Worte. Wenn jemand bitterlich weint, und „Stell dich nicht so an“ gesagt wird. Wortfetzen, die zeigen, dass es in irgendeinem Zuhause hier in der Vorstadt eben nicht idyllisch ist. Wer ist hinter der freundlichen Fassade so gemein? Ich wünschte, ich könnte helfen …

2 thoughts on “Nachbarn: Das Leben der Anderen

    • Silke R. Plagge Post author

      Liebe Christine,
      herzlichen Dank! Im Moment bekomme ich aber viel weniger von den Nachbarn zu hören. Es regnet in Strömen. Ich hätte dann doch lieber die Geräusche und ein paar Sonnenstrahlen …
      Lieben Gruß, Silke

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