Nach dem Pariser Terrorfreitag: Leben mit einer chronisch kranken Welt

Das schlimmste war dieses Gefühl von Betrug. So erzählte es eine Freundin, die ich neulich nach langer Zeit wiedertraf, ein paar Tage vor dem Pariser Terrorfreitag. Es hatte da diesen Befund bei ihr gegeben. Eine unklare Diagnose, dazu ein ermunterndes Lächeln im Sprechzimmer eines Spezialisten: man müsste nur noch dies und das abklären, weitere Untersuchungen, nur zur Sicherheit. Aber meine Freundin fragte sich: Wie kann es noch Sicherheit geben, wenn mein eigener Körper mich hintergeht, der Körper, dem ich so blind vertraut habe, seit über 40 Jahren? Wenn ich selbst kein sicherer Ort mehr bin, wer kann mich schützen?

Warum ich das jetzt aufschreibe, wenige Tage nach den Anschlägen von Paris? Weil ich am Samstag plötzlich einen ähnlichen Anflug von Panik hatte, als ich im Fünf-Minuten-Takt eine Nachrichten-App aufrief. Weil ich dabei dachte: Wenn nicht nur die Welt insgesamt kein sicherer Ort ist, sondern auch die Welt, in der ich mich bewege, und die Menschen, die mir lieb und nah sind – wohin sollen wir dann gehen? Das kann man egoistisch finden, ein Luxusproblem angesichts des Blutbades, das da stattgefunden hat. Aber es ist auch menschlich. Zum einen, dass uns das Leiden von Menschen um so mehr berührt, je näher sie uns in ihrer Lebensweise, ihrem Äußeren, der simplen geographischen Entfernung sind. Und zum anderen, dass man die eigene Gefahrenlage neu abschätzt, wenn die Bedrohung so nahe kommt.

Pariser Terrorfreitag

Unser Bild von Paris: Symbol der Lebensfreude, Symbol des Terrors (c) Anette Göttlicher

Der Pariser Terrorfreitag war nicht das Ende – aber auch nicht der Anfang

Neu ist das nicht, natürlich nicht. Als 40-somethings und Kinder der 80er Jahre sind wir in Westdeutschland mit der Apokalypse groß geworden: Weniger mit der Angst, bei einem Attentat zu sterben (vorausgesetzt, unsere Väter waren keine Dax-Konzern-Vorstände), eher mit den ständigen Bildern von Weltuntergang. Atomarer Total-Kollaps durch Krieg der Supermächte oder totale ökologische Zerstörung – drunter machten sie’s nicht, die Weltuntergangs-Propheten unserer Jugend. Und sie hatten ja auch gute Gründe. Dann kamen die 90er, und die sahen von unserer Warte aus wie die Spontangenesung eines Todgeweihten: Nicht nur das Ozonloch galt plötzlich als halb so schlimm, auch der waffenstarrende Ostwest-Konflikt schien gelöst. Friede, Freude, Eierkuchen, so lautete das offizielle Motto der Love Parade.

2001 war Schluss mit lustig, der Rest ist bekannt. Und das ist jetzt nur der beschränkte kleine Blick unserer eigenen Lebenserfahrung. Stellt man den Weitwinkel ein, sieht man ohnehin: Die Welt ist kein sicherer Ort, sie war es nie. Wie eine chronische Krankheit wandern Krieg und Terror seit Jahrhunderten zwischen verschiedenen Weltgegenden hin und her, werden mal mehr und mal weniger, und wer zu einer guten Zeit an einem guten Ort geboren wird, hat einfach nur Glück gehabt. Genau wie es vor allem Glück ist, wenn einem der eigene Körper auch mit über 40, 50 oder 80 noch die Treue hält.

Womit wir wieder bei meiner Freundin wären. Es gibt nämlich noch ein Drittes zwischen einer vernichtenden Diagnose und einem erleichternden „alles in bester Ordnung.“ Chronische Krankheiten, deren Verlauf man nicht vorhersehen kann, die bei manchen Menschen schlimm verlaufen können, bei anderen zum Stillstand kommen und bei wieder anderen eines Tages einfach geheilt sind. Ohne dass man recht wüsste, warum.

Die einzige Lösung: Widersprüche ertragen

Und weil das so unberechenbar ist, lernen Menschen, damit zu leben. Das heißt ja nicht, dass man sich einfach in sein Schicksal ergeben müsste. Es gibt Schulmedizin und Alternativmedizin, man kann sich mit feinen Nadeln pieksen lassen gegen Schmerzen und Luft aus Bienenkörben atmen gegen Asthma, genau so, wie es unermüdlich immer neue Versuche gibt und geben muss, die kranke Welt zu heilen. Immer neue internationale Abkommen, Friedensverhandlungen, Bildungspläne, gut gemeinte und gut gemachte Initiativen. Das alles aufzugeben, das hieße, zu resignieren, der Menschheit das letzte bisschen Vertrauen aufzukündigen. Aber zu hoffen, dass eines Tages alles einfach gut wird, so wie ein Schnupfen oder ein verstauchtes Fußgelenk, das wäre naiv.

Ich glaube, die Kunst besteht darin, das Leben in einer chronisch kranken Welt und ihre Widersprüche einfach auszuhalten. Zu wissen, dass sie unheilbar ist und trotzdem zu hoffen, dass etwas besser werden kann, wenigstens hier und da, wenigstens immer wieder zeitweise. Zu verstehen, dass es echte Sicherheit nicht gibt, um trotzdem zu vertrauen. Ertragen, dass beides Platz hat im Leben, das Schwere und das Leichte. So wie dieser Tage in den Facebook-Timelines bewegende Posts von Terror-Augenzeugen direkt zwischen Werbebanner für Adventsschmuck und einen Krimi-Buchtipp geraten können. Immer wieder mitzuleiden, nicht nur mit Pariser Konzertbesuchern, sondern auch mit Beiruter Krankenschwestern und trotzdem gerührt sein können, wenn etwas schönes geschieht.

Pariser Terrorfreitag

Was bleibt? Die Liebe und das Leben (c) Anette Göttlicher

Am Samstag war mein Smartphone noch das Fenster zu einer erschreckend kriegerischen Welt, am Sonntag morgen um halb sieben vibrierte es auf meinem Nachttisch. Es war der Mann meiner Nachbarin, sie mussten auf dem schnellsten Weg ins Krankenhaus, heftige Wehen hatten eingesetzt. Ob ich kurz auf die älteren Kinder aufpassen könnte, die beiden würden noch schlafen. Am Sonntag mittag kam das Baby auf die Welt, ein kleiner Junge. Er ist jetzt gut 24 Stunden alt, vorhin bei seiner Ankunft zu Hause durfte ich ihn kurz bestaunen. Er sieht so unglaublich neu und rosig aus, so geborgen in seinem Weidenkörbchen, und trotzdem erschrickt er zwischendurch im Schlaf und zuckt mit seinen winzigen Händen. Das Leben ist unperfekt, ständig gefährdet, zerbrechlich. Aber es ist auch bunt, wunderbar und aufregend. Und mit jedem neuen Menschen bekommt es eine neue Chance.

3 thoughts on “Nach dem Pariser Terrorfreitag: Leben mit einer chronisch kranken Welt

  1. Verena Carl Post author

    Danke, ihr Lieben. Ich bin froh, dass ich nicht allein bin mit meinen Gefühlen. Und dass der Text offenbar richtig verstanden wird, und nicht als falsche Relativierung oder als Ego-Nummer.

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  2. Eva

    Liebe Verena,
    Wirklich toll geschrieben! Obwohl viel grausame Realität drinsteckt, macht Dein Artikel wirklich Mut. Danke dafür!
    Liebe Grüße
    Eva

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