Nach dem G20: Angst, Wut, Enttäuschung – und wo ist überhaupt Olaf?

Mein G20-Gipfel-Text fängt gleich mit einem Geständnis an. Denn ich gehöre zu denen, die nach Verenas Geschmack etwas zu viel Hysterie verbreiten. Genau wie Verena wohne ich auch in Altona-Ottensen. Schon zwei Wochen bevor es überhaupt so weit war, habe ich mir ein Ausweichquartier gesucht: Kiel, meine Heimatstadt.

Eindeutige Umfrage-Ergebnisse in der Mopo vom Donnerstag

Allerdings hatte ich mehr Angst vor Terrorismus als vor den Ausschreitungen, so wie sie dann letzten Endes gewesen sind. Am Dienstag fing mein persönliches Gipfel-Angst-Gefühl dann schon an. Wie immer bin ich mit der Yogamatte auf dem Rad zum Sport gefahren. Und dann standen dort am Altonaer Bahnhof mit einem Mal zehn schwer bewaffnete Polizisten vor mir. Mir wurde mulmig. Dazu kreiste seit Montag ständig ein Heli über unserem Viertel. An jeder Ecke in Altona standen Mannschaftswagen mit Polizisten. Das alles fühlte sich surreal an. Ich kam mir vor wie ein Statist in einem Film, in dem ich gar nicht mitspielen wollte.

 g20 Umfrage Mopo Donnerstag

G20-Chaos mit Vorankündigung: Die Mopo-Umfrage vom Donnerstag zeigt die Bedenken der Bürger

Als ich am Donnerstag dann die Mopo kaufte und die Titel-Geschichte „Hamburgs gefährlichste Nacht“ sah, war klar, ich haue ab. Und zwar so schnell es geht. Wie auch ich hatten 34,9 Prozent Angst vor Terrorangriffen. Fast 40 Prozent befürchteten Ausschreitungen. So die Ergebnisse in der Umfrage. Ich war eine davon. Auf der A7 machte sich schon der Stau breit. Aber ich wollte unbedingt Donnerstag schon nach Kiel fahren. Als ich da angekommen bin, liefen schon die Chaos-Meldungen über den Ticker. Es raubte mir schlichtweg den Atem.

G20: Altona brennt und keinen kümmert’s

Am Freitagmorgen dann brannte mein Viertel. Vor allem in Altona sind viele Autos angezündet worden. Altona, das ein echter Arbeiter-Stadtteil ist, und so links wie wahrscheinlich kaum ein anderer Stadtteil Deutschlands. Ich bin vor 20 Jahren ganz bewusst hierher gezogen, bevor die Gegend hip und angesagt war. Weil das Viertel bunt ist, weil hier Integration größtenteils sehr gut funktioniert. Am Freitag sah es aus, als wäre hier Krieg. Was ich bis heute nicht verstehe: Warum hat uns hier keiner geschützt? Wo war die Polizei? Wie kann es sein, dass in Deutschland plötzlich rechtsfreie Räume entstehen?

Angst, dass es Tote geben würde

Der Horror ging bekanntlich weiter. Wie ein hypnotisiertes Kaninchen saß ich vor dem Rechner, am Handy und nebenbei liefen die Brennpunkte und Sondersendungen im Fernsehen. Ich hatte Angst um meine Freunde in Altona, Ottensen und in der Schanze. Gleichzeitig mischte sich darunter viel Wut auf die ganzen Affen, die hier normalen Arbeitern und Angestellten die Existenz zerstören (das heißt nicht, dass ich Gewalt in reicheren Stadtteilen gutheißen würde. Nur führen diese Anschläge in Vierteln wie Altona oder der Schanze die „Kapitalismuskritik“ der Autonomen ad absurdum).

Und ich befürchtete, dass es sogar noch Tote geben könnte. Freitagabend twitterte ich: „Morgen leuchtet auf dem Brandenburger Tor das Hamburger Stadtwappen.“ Schon klar, dass Hamburg keine Partnerstadt von Berlin ist. Aber ich wollte damit meine Ängste zum Ausdruck bringen. Dieser Tweet lief dann nachts sogar auf N24.

Mein Tweet zum G20 wurde nachts auf N 24 gesendet ©StephieSchrenk

Zum Glück sind meine schlimmsten Befürchtungen nicht eingetreten. Es gab keine Toten. Was es viel zu viel gab: Verrückte stürmen ein Viertel und hauen alles nieder, was ihnen zwischen die Finger kommt. Niemand, der sich dafür einsetzt, dass so etwas nicht passiert. Zumindest zeitweise. Natürlich bin ich wie Verena auch froh, dass dieser Spuk zum großen Teil nach diesem Wochenende ein Ende hat. Und ich habe auch Mitleid mit Menschen, die dieses Grauen und weit Schlimmeres täglich erleben. Aber etwas ist in mir kaputt gegangen. Das Gefühl, in Deutschland jederzeit sicher zu sein und auf den Rechtsstaat vertrauen zu können.

Persönlich enttäuscht von Olaf Scholz

Zwischen all dem Chaos habe ich eine Person besonders vermisst. Wo ist Olaf Scholz? Klar habe ich ihn gesehen – im Fernsehen. Aber nicht da, wo ich ihn erwartet hätte: am Freitag in Altona oder am Samstag in der Schanze. Ich mag Olaf Scholz. Bin öfter mal auf Veranstaltungen gegangen, auf denen er aufgetreten ist. Und wenn die SPD hier Wahlsiege bei mir gegenüber in der Fabrik feiert, bin ich meistens auch dabei. Ich mag Olaf Scholz‘ besonnene, ruhige Art. Unter all dem Profilneurotikern unter den Politikern ist das eine willkommene Abwechslung. Populismus haben wir bereits genug.

An diesem Wochenende aber hat er gefehlt. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass er sich bei den Bürgern der Hansestadt entschuldigt. Wegen der Fehleinschätzung und wegen dem, was passiert ist. Ein einfaches Zeichnen und viele Bürger hatten ihm verziehen, dass er das Chaos nach Hamburg geholt hat, beziehungsweise dass er kein Veto eingelegt hat. Update, Live-Sendung, Hamburger Bürgerschaft: Jetzt in diesem Moment, während ich das schreibe, kommt die offizielle Entschuldigung von Olaf Scholz. Am Mittwochnachmittag. Sorry, Olaf, das wäre früher dran gewesen!  

Das G20-Gipfel-Unglück: ein Totalschaden

An diesem Wochenende ist meiner Meinung nach in Hamburg mehr kaputtgegangen als Glasscheiben, Autos und der Besitz anderer Menschen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es zu solchen Szenen in Deutschland kommt. In der Schanze haben sich Bürgerwehren gebildet, um Häuser zu schützen.

Ich habe von Bekannten aus der Schanze gehört, dass dieses Erlebnis sie so tief getroffen hat, dass sich das ganze Leben anders anfühlt als zuvor. Damit bewerte ich den G20-Gipfel für mich als einen Totalschaden. Kontrollverlust auf Seiten des Staates und Vertrauensverlust bei den Bürgern: Unsere Demokratie wurde beschädigt. Jetzt wünsche mir nur, dass dieses G20-Wochenende eine absolute Ausnahme ist. Und noch einen großen Wunsch habe ich: Dass wir uns alle wieder stärker für die Demokratie und den Rechtsstaat einsetzen. Und dass wir die vielen tollen, friedlichen Demonstrationen und Aktionen als Vorbild nehmen, die es auch an diesem Wochenende gab.

4 thoughts on “Nach dem G20: Angst, Wut, Enttäuschung – und wo ist überhaupt Olaf?

  1. Hossinger

    Danke fuer den sehr persoenlichen Text und die Hintergrundinfo ueber Olaf Scholz, der fuer uns Sueddeutsche ja immer den kuehlen, sachlichen Hanseaten verkoerpert und dabei trotzdem sehr sympathisch, weil authentisch, „rueberkommt“ .

    Es gibt ja Stimmen, die Merkel unterstellen, dass Hamburg sehr gezielt ausgewaehlt wurde, um Olaf Scholz zu diskreditieren. Ich finde das sehr schluessig und ich traue Merkel so ein perfidies Vorgehen zu.
    Olaf Scholz ist der einzige Politiker der SPD mit Format, der in Zukunft Frau Merkel gefaehrlich werden koennte. Schulz ist ein Kasper und ist nach der Wahl Geschichte.

    Wirklich tragisch, dass Scholz diesen Gipfel in Hamburg nicht verhindern konnte.

    Die Schuld an dem, was passiert ist trifft in erster Linie Merkel, die hat das alles mit voller Absicht provoziert und ist die Gewinnerin aus dem ganzen Schlamassel.

    Mir tut es leid fuer alles Leute, die unter den Krawallen zu leiden hatten und Schaden genomen haben.

    Der Polizei Vorwuerfe zu machen ist billig: wenn die hart durchgegriffen haetten, dann waeren es wieder die boesen „Bullen“ gewesen. Wenn die sich zurueckhalten, dann ist das Geschrei gross, dass die Ihren Job nicht machen. Man sollte bei solchen Einsaetzen den Beamten klar den Ruecken staerken, auch seitens der Presse.

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    • Esther Langmaack Post author

      Lieber Hossinger,

      vielen, herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. So wie du es in deinem ersten Satz beschreibst, habe ich Olaf Scholz bisher auch immer erlebt. Genau deshalb hat mich sein Verhalten beim G20 so enttäuscht. Aber ich denke, er hat aus der Kritik gelernt. Nach der Messerattacke in Barmbek war er am nächsten Tag sofort vor Ort.

      Und auch mit dem Einsatz der Polizei hast du Recht. Da sind wir uns auch alle einig: Die haben hier wirklich einen schweren Stand gehabt.

      Ich fand es nur problematisch, dass hier am Freitagmorgen Horden von Vermummten durch Altona gezogen sind, die reihenweise Autos angezündet haben. Daran hat aber nicht der einzelne Polizist Schuld, sondern die Einsatzleitung. Ich finde aber schon, dass die Polizei Wertschätzung erfahren hat. Auch durch solche Aktionen, bei denen sie mit Getränken etc. versorgt wurden. Herzliche Grüße aus dem mittlerweile wieder friedlichen Altona! Esther

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  2. Kai Lyck

    Danke Esther. Gut formuliert. Dennoch: So sehr Du den Olaf Scholz auch in Schutz nehmen möchtest, er trägt Verantwortung für das, was da passiert ist. Als verantwortungsbewusster Bürgermeister hätte er a) auf die Stimmen seiner Bürger hören können und b) die Eskalation in Nachbarschaft des Schanzenviertels vorhersehen müssen. Es geht um Profilneurosen. Herr Scholz kam sich groß vor, in seiner Stadt die mächtigsten Politiker der Welt zu beherbergen. Vor so einer Kulisse Rückgrat zu beweisen, hätte ihm besser zu Gesicht gestanden. Nun ist das Kind in den Brunnen gefallen und seine Entschuldigung ist nicht mehr als eine Ansammlung halbherziger Worte. Frau Merkel als Vorstand der G20 Runde trifft kaum eine Schuld. Sie hätte jeder Stadt in Deutschland (außer Berlin) zugestimmt.

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    • Esther Langmaack Post author

      Danke, lieber Kai. Ich finde ja auch, dass Scholz falsch gehandelt hat. Er hatte sich am Wochenende in der Schanze und in Altona zeigen müssen. Und zumindest per Mikrofon und Kamera eine Entschuldigung bringen müssen. Dennoch finde ich nicht, dass er zurücktreten muss. Die Entschuldigung vor der Bürgerschaft war lächerlich. Geschenkt. Er ist aber eben einfach kein emotionaler Mensch. Und diese Ruhe und Gelassenheit schätze ich normalerweise sehr. Ich hoffe nur, dass das Ganze jetzt richtig aufgearbeitet wird. Damit meine ich auch die eingezogenen Akkreditierungen von Journalisten. Ich fürchte nämlich, da steht und schon der nächste Skandal bevor. Liebe Grüße, Esther

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