Heimatromane 2016: Knödelkrimis und Krabbenromanzen

Sex in New York, Nightlife in London? Das ist soooo Zweitausender! Die letzten Jahre haben ein Genre wieder populär gemacht, das zuletzt in Muttis Jugend Blüten trieb: den Heimatroman. Deutsche Schauplätze, deutsche Protagonisten, deutscher Herzschmerz. Retro-Kitsch oder ganz schön zeitgenössisch? Verena hat sich im Urlaub durch einen ganzen Stapel davon durchgebissen.

Äpfel gehen immer. Machen sich super auf dem Buchtitel, treiben hübsche Blüten, und wirken so echt, so ursprünglich, so handfest. Am besten also, die Hauptfigur macht was mit Obst. Früher hat sie was mit Medien gemacht, aber jetzt hat sie genug vom schnellen Takt der anonymen Großstadt, und zieht zu einer knorrigen Tante in ein Haus am Deich. Oder in den Voralpen. Sie ist ein Typ wie Veronica Ferres im TV-Movie der Woche, Marke: stark, aber verletzlich. Sucht nicht nach der Liebe, findet sie aber trotzdem. Auf Seite 30 trifft sie einen Mann mit Holzfällerhemd-Sexappeal und einem dunklen Geheimnis, auf Seite 450 werden die beiden unfassbar glücklich. Schon ist er fertig: der Heimatroman 2.0.

Heimatromane 2016

Geltinger Bucht an der Ostsee: Ganz Deutschland wird Romanschauplatz (c) Verena Carl

Die Heimatromane 2016 spielen im Allgäu, im Wendland und unter Apfelbauern

Eine wahre Schwemme solcher Bücher ist in den letzten Jahren erschienen. Sie spielen im Allgäu, in der Eifel oder auf Föhr, sind mal sorgsam handgeklöppelt wie ein Schwarzwälder Kropfband und mal im Fließband-Stil produziert wie T-Shirts aus Bangladesch. Manchmal zuckersüß, manchmal mit einer Prise Öko-Kritik gewürzt. Auf den ersten Blick erinnern sie an die Heile-Welt-Schmonzetten der Fünfziger Jahre, aber auch in der erdichteten Provinz dreht die Welt sich weiter. Das moderne Schwarzwaldmädel surft mit High-Speed-WLAN, der Allgäuer Metzgerssohn träumt von veganen Würsten, und auch ich habe in meinem jüngsten Roman eine Ex-Chefredakteurin ins Wendland geschickt, um dort ein hippes Restaurant zu eröffnen. Natürlich begleitet von Pleiten, Pech und Pannen – weil meine Heldin nicht ahnt, dass selbstgebackener Blechkuchen dort eine härtere Währung ist als Facebook-Likes. Manchmal nimmt sich die Generation Landlust auch selbst auf die Schippe: Im Allzeit-Bestseller „Altes Land“ von Dörte Hansen (sagenhafte 400.000 verkaufte Exemplare) lachen sich die niedersächsischen Apfelbauern ins Fäustchen, wenn der Städter mit seinem Manufaktum-Karohemd daherkommt.

Heimatromane 2016

Unter den Linden – aber nicht in Berlin, sondern in Wesenberg, Mecklenburg (c) Verena Carl

Am Anfang war ein Regionalkrimi – als es noch gar keine Regionalkrimis gab

Angefangen hat die literarische Provinz-Tour vor ziemlich genau zehn Jahren mit „Tannöd“. Der Roman über einen historischen Kriminalfall aus Bayern erschien in einem kleinen, unabhängigen Verlag und entwickelte sich völlig ohne Marketing-Tamtam zum Überraschungs-Bestseller. Vom Erlös kaufte sich die Verlagsmannschaft einen Satz neue Computer und konnte ihr Glück kaum fassen. Vielleicht kein Zufall, dass Schauplätze zwischen Allgäu und Rügen im Jahr der Sommermärchen-WM ihr Revival erlebten. Weil man das Deutschland der schwarz-rot-goldenen Hawaiiketten plötzlich ungestraft gernhaben durfte. Die neue deutsche Welle im Bücherregal steht für dieses neue Selbstbewusstsein. Und gleichzeitig für eine Sehnsucht nach Heimkommen in einer Zeit von Job-Nomadentum und Wochenendbeziehungen. Eine Sehnsucht, die sogar Menschen kennen, die ihr ganzes Leben in der gleichen Kleinstadt verbracht haben. Weil die durchglobalisierte Fußgängerzone mit Douglas, Starbucks und H&M auch keine rechten Heimatgefühle mehr auslöst. Die Hauptfigur des Heide-Schmökers „Schnucken gucken“ von Andrea Hackenberg sagt es so: „Heimweh kenne ich nicht. Aber die Sehnsucht nach einem Ort, den man vermissen könnte.“ Man kann diesen Ort nicht bereisen. Aber man kann ihn sich erlesen.

Heimatromane 2016

Blühende Phantasie: Garten des Nolde-Hauses an der Nordsee (c) Verena Carl

Unsere 40-something-Tipps: fünf aktuelle Bücher, von denen vier prima in den Liegestuhl passen (und eins nicht)

1.) Wildrosensommer, Gabriella Engelmann, Droemer Knaur, 9,99 €: Ein Hausboot auf der Elbe, vor den Toren Hamburgs. Eine alleinerziehende Floristin mit Töchtern, Katze und vielen Ideen im Gepäck. Einmal wieder trifft Gabriella Engelmann, Autorin von norddeutsch verwurzelten Erfolgsromanen, genau den richtigen Ton fürs Abtauchen und Wegträumen.

2.) Keine Sau hat mich lieb, Franziska Weidinger, Knaur, 9,99 €: turbulente Komödie um eine Metzgerin aus Untermarktlbrunn, ihr beste Freundin, den ersten bayerischen Poetry Slam der Geschichte und – natürlich – die Liebe, zefix!

3.) Holunderherzen, Brigitte Janson, List, 9,99 €: Nach einer erneuten Liebes-Bruchlandung sucht Anne auf dem Öko-Hof ihrer Tante Tilly in der Lübecker Bucht nach Ruhe. Aber wie das Schicksal will, wartet dort nicht nur eine neue Lebensaufgabe, sondern auch ein interessanter Mann auf sie.

4.) Die Apfelkönigin, Franziska Ruf, Diana, 19,99 € (erscheint im September): ein Obsthof am Bodensee, mehrere Generationen von Frauenschicksalen und der lange Atem der deutschen Geschichte – die süddeutsche Antwort auf Dörte Hansens „Altes Land“.

5.) Und doch ist es Heimat, Jochen Metzger, Rowohlt, 19,95 €: starker Tobak – zu stark für den Liegestuhl, gerade deshalb umso lesenswerter. Denn wenn die anderen Heimatromane fluffiges Baguette sind, dann ist der hier literarisches Schwarzbrot. Nahrhaft, aber ordentlich was zu beißen. Der Hamburger Journalist und Autor setzt sich in seinem ersten Roman mit der vergessenen und verdrängten Geschichte aus seiner nordbadischen Heimat auseinander: den Massenvergewaltigungen durch Angehörige einer marokkanischen Division der französischen Armee kurz nach Kriegsende. Ein Buch, das keinen kalt lässt, und auch hier und da irritiert: Ist es legitim, deutsche Geschichte als Leidensgeschichte zu erzählen? Sind die Nazis immer nur alle anderen? Ein wichtiger und gleichzeitig diskussionswürdiger Beitrag zum Thema „Heimat“.

 

 

 

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