Bahnfahren für Geschichtenerzähler, Pendler und 40-somethings

Gerade noch geschafft. Ich stehe samt Kindern und Taschen am Bahnsteig. Dann die Durchsage. Zwanzig Minuten Verspätung.  Ach, das kenne ich. Alles ist so vertraut. Die Verspätung, der Bahnsteig. Wie oft bin ich schon von Bremen nach Hamburg gefahren? Bis Harburg während der ganzen Studienzeit. Später dann sogar täglich, fast sechs Monate lang.

Die Wandelhalle vom Bremer Hauptbahnof (c) S. Plagge

Die Wandelhalle vom Bremer Hauptbahnof (c) S. Plagge

Bahnfahren für Geschichtenerzähler

Wer Bahn fährt, trifft viele andere Menschen. Berufspendler Claas Tatje hat kürzlich in der „Zeit“ etwas über Ü40-Damen in Zügen geschrieben. Der Enddreißiger schildert, wie sehr er den Mitreisenden ausgeliefert ist: „Im ICE heißt das Freitagmorgens um 9 Uhr, dass die Luft von süßem und warmem Billigprosecco und dem aufgeregten Geschnatter von Frauen jenseits der 40 geschwängert ist.“  Komisch, da bin ich so viele Jahre auch gependelt, fahre heute noch viel Bahn. Aber wohl zu selten ICE? Ich sehe zwar schon fröhliche Grüppchen von Rentnerinnen, aber die Frauen in meiner Altersgruppe sind meist beruflich allein unterwegs oder mit Anhang, um ein paar Tage zu verreisen. Schnattern? Das tun eher die hippen Youngster mit ihren Smartphones. Unangenehm sind mir vor allem bierselige Fußballfans, auch wenn ich dann echt tolle Lieder beim Mitfahren lernen darf. Und die Kinder ihr Vokabular erweitern.

Wer viel Bahn fährt oder sogar pendelt, hat Stoff für viele Romane. Thank you for Travelling with Deutsche Bahn. Lustige Durchsagen erheitern, mein Highlight war „wegen einer Kuh auf den Gleisen verspätet sich unsere Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit …“. Manchmal sorgt das Zugfahren für Entschleunigung. Zeit zum Nachdenken, aus dem Fenster gucken, Geschichten ausdenken.

Bahnfahren

Irgendwo im Nirgendwo Gedanken schweifen lassen (c) S. Plagge

Wurstbrote, Weihnachtsschokolade und Monatskarte mit Zugschlag

Aber klar kann dieser Zwangskontakt zu Mitmenschen nerven. Anstrengend, gerade in der Zeit der Pendelei, waren die Seltenfahrer, die nur so alle zehn Jahre Bahn fahren. Einige packen erst einmal fröhlich hartgekochte Eier und Leberwurstbrote aus, nicht schön, wenn der Geruch dann dank Klimaanlage immer wieder in der Luft hin- und hergewälzt wird. Andere sind vor allem  anstrengend. Ihre riesigen Koffer versperren den Weg, sie selbst reservieren vier Plätze und sind beleidigt, wenn sich jemand setzen möchte. „Der Platz ist ja frei, ich setze mich, ja?“ hatte ich freundlich gefragt. „Ich  habe da bezahlt“, war die geknurrte Antwort. Irrtum, eine Sitzplatzreservierung gilt nicht für Taschen oder Bücher, nur für Menschen. Sitzt dort keiner, gilt der Sitz als frei, das hatte mir ein Schaffner erklärt. Und der Zug war sehr voll, die Alternative wäre eine Stunde Stehen im Gang. Ich setzte mich. Der Herr (übrigens Ü50) holte aus und verpasste mir eine Ohrfeige. Ungelogen. Monatskarte mit Zuschlag. Andere Passagiere holten sofort einen Bahn-Mitarbeiter, ich hätte den Mann anzeigen können. Ich tat es nicht, weil ich keine Lust hatte wegen der Knalltüte auch noch ein Date zu verpassen. Aber seine Reise wäre früher beendet gewesen. Hoffentlich hat er wenigstens miese Karmapunkte bekommen.

Selfie am Hauptstadtbahnhof (c) S. Plagge

Selfie am Hauptstadtbahnhof (c) S. Plagge

Aber nicht alle Begegnungen sind so schmerzhaft. Ich habe in Zügen auch wunderbare Menschen kennengelernt und viel gelacht. Auf der Rückfahrt von der Frankfurter Buchmesse lernte ich zwei zauberhafte Autorinnen kennen, die ganz tolle Bastelbücher für Kinder schreiben, ich suchte gemeinsam mit einer Professorin für Film den Schienenersatzverkehr und lachte Tränen mit einem waschechten Hamburger, der lustigerweise in meiner Nachbarschaft wohnt und es genauso absurd wie ich fand, was passierte, als alle Reservierungen vertauscht waren. Die Mitreisenden waren übrigens alle ohne sprudelnde Getränke unterwegs und gößtenteils Ü40.

Aber es gab nicht nur tolle Begegnungen mit 40-somethings. Ich traf auch mal einen jungen bärtigen Mann aus Israel, der kluge Fragen stellte und ganz plötzlich einen weisen Rat für mich hatte. „Es wird alles gut,“ sagt er zum Abschied und drückte meiner Tochter einen Schokowweihnachtsmann in die Hand. „Die bekomme ich immer zum Geburtstag“. Wie merkwürdig das war, fiel mir erst später auf. Es gab andere Menschen, die ich nicht vergesse. Etwa eine junge Amerikanerin, der ich bei der verzweifelten Suche nach einer Umstiegsmöglichkeit half, einen jungen Mann auf dem Weg zur Hochzeit seines besten Freundes. Über Gedanken am Bahngleis schrieb ich mal eine Kurzgeschichte. Aber eigentlich kann ich doch mal einen Roman schreiben, oder? Wenn mir nichts einfällt, kaufe ich mir einfach ein Bahnticket. Aber da kommt schon der Zug – Kinder und Taschen einsammeln und los geht es …

Ein anderer Blick aufs Bahnfahren und ü40er in der „Zeit“: Berufsnomade im Proseccodunst

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