Zahnarztpanik – Angst vor dem Zahnziehen

Könnt Ihr bitte heute ganz kräftig die Daumen drücken? Ich brauche sehr viel Mut und Kraft. Denn ich muss meine eigene Angst überwinden aus lauter Liebe. Ein Zahnarztbesuch mit meiner Tochter steht heute an. Zwei Zähne werden ihr gezogen und ich weiß gerade gar nicht, wer mehr Angst hat. Während ich hier am Computer sitze und Texte schreiben will und muss, hat sich mein Töchterchen unter der Bettdecke versteckt. „Ich will das alles nicht!“ ruft sie. Ich kann sie so gut verstehen.

Ich  habe seit meinem fünften Lebensjahr Angst vor Zahnärzten. Von wegen „der tut nix, der guckt nur …“ – damals wurde mir ein entzündeter Milchzahn ohne Betäubung gezogen. Als ich neun Jahre alt war, schlug ich mir selbst bei einem ambitioniertem Sprung von einer kleinen Mauer einen Zahn aus. Der Restzahn wurde zu einem kleinem Stummel herabgefeilt und ich werde nie vergessen, wie fruchtbar ich blutete. Natürlich gab es noch viel, viel mehr Zahnarztbesuche. Gern gehe ich nie hin. Ich drücke mich ehrlich gesagt so gut ich kann (und wenn mein Zahnarzt das hier jetzt liest, wird er wissend grinsen).

So fühlt es sich im Zahnarztstuhl an, oder? (c) Thinkstock

So fühlt es sich im Zahnarztstuhl an, oder? (c) Thinkstock

Aber heute geht es überhaupt nicht um mich. Denn als Mutter kann ich zwar meine Elfjährige ganz fest in den Arm nehmen und sagen: „Ich verstehe, wie du dich fühlst.“ Aber ich darf ihr nicht wirklich von meiner schlimmen Panik erzählen. Ich frage mich natürlich: Habe ich meine Angst übertragen? Ich  habe es besonders gut gemeint und wollte natürlich nicht, dass meine Kinder miese Zahnarzterlebnisse haben. Also ging ich zunächst mit ihnen in eine spezielle Kinderzahnarztpraxis. Dort war alles sehr puschelig. Es gab einen riesigen Spielbereich im Wartezimmer, keine Zahnarztstühle, sondern Liegen und spannende Kinderfilme zu sehen. Alles gut. Das Kindergartentöchterchen war begeistert und ging da gern hin. Alles wurde liebevoll erklärt und ich selbst war entspannt. Bis es wirklich ein Zahnproblem gab. Da bröckelte der rosarote Putz, denn erst war es kaum möglich einen Termin zu bekommen. Dann waren reichlich viele private Zusatzzahlungen zu erledigen, und das Kind hatte trotzdem Schmerzen.

Zahnarztpanik: Selbst schlimme Panik haben und doch ein Kind nicht verunsichern?

Wir wechselten in eine normale Praxis. Zu einem sehr netten Zahnarzt, der auch Angstpatienten gut behandelt. Genau, zu meinem Zahnarzt. Und weil nun leider zwei Zähne nicht sehr gesund sind und die Kieferorthopädin erklärt, dass der Platz für die nächsten Beißerchen gebraucht wird, müssen zwei Zähne raus. Oh?! Ich bekam sofort Angst. Leider konnten wir nicht sofort einen Termin zum Ziehen machen. Ganz nach bewährter Methode handelte ich. Nämlich so, wie ich es für mich auch mache, nach dem Verdrängungsprinzip. Erst war ja der große sportliche Event, da konnte so ein Eingriff ja vorher nicht sein, denn die Tochter hat dafür ja ein halbes Jahr trainiert. Und dann war es ja auch so warm. Ehrlich gesagt hatte ich gedacht, wir könnten uns unauffällig über die Sommerferien mit zwei maroden Zähnen retten. Doch nun erklärte die Ärztin, die eben nicht nur den Stand der Zahnspange überwacht, es sei dringend. Sehr dringend. „Die entzünden sich sonst, sie sind sehr angegriffen. Und einen entzündeten Zahn zu ziehen ist extrem schmerzhaft. Bitte machen sie noch in dieser Woche einen Termin.“ Erneute Panik.

Heute also nun haben wir den Termin. Immerhin darf ich mit in den Behandlungsraum. Das wird nicht nur für das Kind schlimm. Ein wenig sorge ich mich, dass mein Kind sich verweigert und trotz der versprochenen Belohnung (einen Hoptimisten … ) nicht kooperiert. Noch mehr sorge ich mich aber vor dem Anblick. Wie kann ich nur Mut machen, wenn ich doch in jeder Pore Panik verspüren werde und den Gedanken, dass meinem Kind Schmerzen zugefügt werden, ganz schlimm finde? Aber ich werde bei ihr sein.  Ich erinnere mich noch zu gut, dass ich als Kind immer allein auf diesem riesigen Stuhl saß.“ Du hast ganz laut geschrien und ich durfte nicht zu dir“, sagte mir meine Mutter gestern. Weil ich so besorgt wegen des Termins heute bin, hat sie mir sogar angeboten zu kommen. Um meine Hand zu halten, während ich die Hand meiner Tochter halte.

Aber ich werde mutig sein. Hoffentlich fragt mich die Sprechstundenhilfe nur nicht, wann ich denn nun endlich selbst als Patientin wiederkomme. Gezogen werden soll vielleicht auch, beim letzten Besuch waren Begriffe wie Implantat, Brücke und Wurzelresektion zu hören. Seitdem habe ich keine Schmerzen mehr und kann leider, leider so gar keine Planung machen und melde mich demnächst. Oder soll ich vielleicht doch auf das mütterliche Angebot zurückkommen und meine Hand halten lassen?

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