Wellness-Flop: beschweren oder hinnehmen?

Es gibt diese Momente im 40-something-Leben, da fragt man sich inbrünstig: War das etwa schon alles? Normalerweise stellt sich diese Frage meist im Zusammenhang mit größeren Lebenskrisen, manchmal aber auch in kleineren Momenten des Scheiterns. Zum Beispiel bei einer mauen Massage.

Wellness-Flop

Entspannung oder Frust? Nicht jede Massage kommt gut an (c) Pixabay

Denn da lag ich am vergangenen Samstag im Spa eines Wellnesshotels, hingegossen auf die Liege, in Erwartung meiner Lieblingsbehandlung: die mit den Hot Stones. Das kannte ich schon aus anderen Hotels und aus einem Hamburger Spa, und ich liebe es: glatte, flache Basaltsteine, die erhitzt auf den Rücken gelegt werden und dann als Verstärker wirken bei einer Abreibung mit heißem Öl. Das entspannt, das energetisiert, beides zur gleichen Zeit. Nur: Leider war diesmal alles anders. Ganz anders.

Es fing schon damit an, dass die junge Masseurin reichlich hilflos wirkte: „Ich weiß nicht, ich hab so ein ganz anderes Wärmeempfinden als die meisten Leute, für mich fühlt sich lauwarm an, was für andere schon heiß ist.“ Was sie nicht davon abhielt, mir einen gefühlt verdammt heißen Mini-Felsblock auf dem unteren Rücken zu platzieren. Als ich ihr Rückmeldung gab, nahm sie ihn zwar weg, aber nicht, ohne ihn mir vorher in die Hand zu drücken und zu widersprechen: „Da, da, fühlen Sie, der ist überhaupt nicht zu warm!“ Was hätte ich da sagen sollen: Okay, dann wieder rauf damit auf die Nieren? Dafür kühlten andere so schnell ab, dass nichts übrig blieb vom gewohnten Wärmflaschen-Effekt. Schließlich drückte sie ein wenig unmotiviert an den Steinen herum. Als ich fragte, wann sie mich richtig massieren würde, vertröstete sie mich: „Das kommt zum Schluss.“

Der Schluss, das waren vielleicht fünf Minuten Ölmassage mit einem Einzelstein. Und das war schon alles. Am Empfang traf ich meine Mutter, die mir das Wellnesswochenende spendiert hatte. Sie sah auch etwas konsterniert aus. „Sag mal, hat die Masseurin dir am Schluss auch gesagt, dass sie nach einer Hot-Stone-Behandlung immer fix und fertig ist? Was soll ich jetzt machen, sie bemitleiden?“ Ich stellte mir vor, dass ich einen Text bei einer Redaktion abgeben und eine weinerliche Mail dazu schreiben würde: Leute, das war echt voll anstrengend, also wirklich, richtig fies.

Wellness-Flop: Egal was man tut, man macht es falsch

Was tut man da? Auf sich beruhen lassen? Meckern? Das Problem ist ja folgendes: Geht man hin und beschwert sich, zum Beispiel an der Hotelrezeption, fühlt man sich sofort wie einer dieser unangenehmen Dauermeckerer, die in Hotels immer als erstes die Schmuddelecken suchen, um nachträglich eine Preisminderung herauszuschlagen. Oder wie eine dieser zickigen Menopausenopfer, die ihren persönlichen Frust an einer 23jährigen Berufsanfängerin auslassen müssen. Tut man es nicht, dann fühlt man sich wie ein Schaf. Wie eine von denen, die sich klaglos an den Katzentisch setzen lassen, „köstlich“ murmeln, wenn das Essen im Restaurant versalzen ist und heimlich das Gefühl haben, dass sie auch nichts besseres verdient haben. Im Ernst? Immerhin kostete die Massage fast so viel, wie ich an einem halben Arbeitstag verdiene, nach Steuern. Zwar hat das netterweise meine Mutter bezahlt, aber das ändert ja nichts an der Sache.

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Liebevolle Vorbereitung: Da möchte man sich gleich hinlegen (c) pixabay

Wir beschlossen, etwas zu sagen. Und es schlau anzustellen. Wir beschrieben der Empfangsdame also nicht nur, dass wir beide sowohl mit dem Angebot unzufrieden waren, als auch den Umgangston unprofessionell fanden, wir fragten auch gleich nach einem Ausgleich. Dabei fühlten wir uns wie coole Business-Ladys, aber auch ein bisschen wie elende Petzen. Aber wiederum: Hätten wir nur der Masseurin selbst etwas gesagt und nicht dem Hotel, dann wären wir garantiert leer ausgegangen. Eine halbe Stunde später meldete sich die Empfangsmitarbeiterin bei uns und brachte gute Nachrichten: Als Entschädigung sollten wir beide am nächsten Tag eine 20minütige Nacken- und Rückenmassage bekommen.

Hilfe: Strafmassage beim Chef

Wir fanden uns echt cool. Jedenfalls bis zum folgenden Nachmittag. Die Ersatzbehandlung übernahm nämlich der Chef der Wellnessabteilung. Ein Mann, der die Lage deutlich besser im Griff hatte. Und natürlich genau im Bilde war über unsere Beschwerde. Während er einige äußerst wohltuende Handgriffe tat, spannte er mich verbal auf die Folter, wenigstens ein bisschen: „Ja, was glauben Sie, soll ich die Mitarbeiterin vielleicht rausschmeißen?“ Ich bekam es mit der Angst zu tun. Schließlich war ich vor vielen Jahren auch mal Berufsanfängerin und darauf angewiesen, dass man mir ehrliches Feedback gab, ohne mir deshalb gleich zu kündigen. Daran wollte ich nun wirklich nicht Schuld sein. „Nein!“, protestierte ich entsetzt. Während er mir den Nacken knetete, erklärte er mir ausführlich, warum wir im Unrecht waren. Und warum das alles so gehörte, mit den gefühlt lauwarmen Steinen und der langen langweiligen Liegezeit. Und dass sich bisher noch nie jemand über den Hot-Stone-Stlye des Hotels beschwert hätte.  „Und dann gibt es ja auch noch die Gäste, die nicht gleich vor Ort was sagen, sondern eine Woche später miese Bewertungen in Online-Portale schreiben!“, ereiferte er sich. Ich nickte matt: „Ja eben, genau deshalb bringt es Ihnen doch mehr, wenn wir Ihnen ein direktes Feedback geben.“ Ich bin nicht sicher, ob er das auch so sah. Gleichzeitig imponierte mir, wie er sich hinter seine Mitarbeiterin stellte. Mit einem solchen Chef kann einem nichts passieren. Meine Mutter hat er anschließend übrigens auch noch gegrillt, mit ähnlichen Worten. Hinterher mussten wir erstmal in die Sauna. Eine Runde schweigend entspannen.

Die Moral der Geschichte? It’s complicated. Denn wir sind alle nur Menschen, die mal einen besseren Tag haben und mal einen schlechteren, die es alle im Grunde gut meinen und gut machen wollen. Aber: Ist es nicht trotzdem sinnvoll, es anzusprechen, wenn das nicht richtig klappt – freundlich im Ton, entschieden in der Sache? Wenn uns jemand lustlos mit Steinen belegt, statt uns zu massieren, oder uns aus Versehen pornoblonde Strähnen färbt? Ich glaube schon. Für unser eigenes Selbstwertgefühl, und auch um anderen helfen, besser zu werden. Ich als Journalistin habe jedenfalls von den mäkeligsten Redakteurinnen am meisten gelernt. Ich hoffe sehr, das sieht unsere Nachwuchs-Wellnessmasseurin ähnlich. Eines Tages.

4 thoughts on “Wellness-Flop: beschweren oder hinnehmen?

  1. Anna Karina Birkenstock

    Mir ist es im letzten Jahr passiert, dass ich in einer Softpackliege fast ohnmächtig geworden bin (Fühlte mich eh schon wie im Leichensack) weil es einfach zu heiß war. Die ganze Zeit überlegte ich, ist das noch Extreme-Wellness oder sollt ich besser versuchen, mich herauszuschälen und den Notknopf suchen? Ich habe zu der Dame selber auch nichts gesagt und bin danach zur Rezeption gegangen, weil ich befürchtete, dass die angepriesene „Kleopatra Behandlung“ (Peeling- Heiße Wanne mit Lavendel – Softpack) noch mehr Kreislaufopfer fordern könnte. Vermutlich haben sie es aber nicht weitergegeben.. Ich durfte dann an der Poolbar dafür einen Kaffee trinken, da ich so blass aussah. Geärgert habe ich mich auch, über das Geld, aber ich war mir in dem Fall nicht sicher, ob es nicht an meiner Konstitution lag…

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  2. Hannah

    Waaaas? So eine Massage ist doch ein klarer Deal: Du kriegst Geld, ich kriege Entspannung. Nun ist mir natürlich zuzumuten, dass ich sage, was ich darunter verstehe. Die eine will reden, die andere nicht. Einer will’s hart und heftig, die andere kriegt schon einen blauen Fleck vom Einölen. Kommunikation ist also keine Belästigung, sondern der Kern der Sache. Und natürlich kann da immer mal was schief gehen. Aber den Chef der Abteilung hätte ich gleich ausgebremst und ihm gesagt, dass ich ihm hinterher gern noch mal zur Verfügung stehe, während der Massage aber nicht. Optimal wäre es auch dann nicht gelaufen. Manchmal lässt die Unprofessionalität der Dienstleister eine gute Dienstleistung einfach nicht zu. Ist eben so.

    Und manchmal liegt man auch einfach selbst daneben. Neulich schleppt mich eine Freundin in ein nagelneues chinesisches Massage-Studio. Wir hatten zuvor versucht, telefonisch einen Termin zu machen, wurden aber nicht zurück gerufen. Als wir da waren, hatte ich irgendwie den Eindruck, dass die – wie soll ich sagen? – eher auf eine männliche Zielgruppe spezialisiert waren. Ich deutete das der Freundin gegenüber an, die aber wies das entrüstet zurück – und irgendwie mit Recht. Es gab verschiedene Massagen zur Auswahl und Kabinen mit Massagetischen. Es gab aber auch Schlangenleder-Tapete auf dem Klo. Um es kurz zu machen: Unsere Massage (60€/h) musste im Voraus bezahlt werden (aha!) und bestand darin, dass zwei orientierungslose Chinesinnen (durch die Kabinenwand hörte ich ein „Ah, Ihre Tante. Ach so.“) unmotiviert warmes Öl auf unseren Körpern verteilten und danach nichts Rechtes mit uns anzufangen wussten. Also bekamen wir noch ein bisschen den Kopf gekrault und durften dann gehen. Wir haben uns nicht beschwert. Wir haben einfach still unseren Irrtum eingesehen. Also gut, ganz still nicht. Auf dem Heimweg habe ich die Erkenntnisfähigkeit meiner Freundin dadurch unterstützt, dass ich etwa 20 Mal „Ich hab’s dir doch gesagt“ gesagt habe. Jetzt aber weiß ich: Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Im Nachhinein bin ich froh, dass es dort wenigstens keinen Chef gab, der versucht hat, die Ehre seines Etablissements durch professionelles Einschreiten zu retten.

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    • Verena Carl Post author

      Hannah, you made my day, und die vergurkte Massage hat im Nachhinein auf diese Weise wieder ihren Sinn in meinem Leben gefunden. Vielen Dank für diese wunderbare Anekdote!

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