Silvester-Übergriffe: keine einfachen Wahrheiten

Ist Köln überall? Persönliche Gedanken zu einer aufgeheizten Debatte

Er war groß, breitschultrig, ein Schrank von einem Mann. Guter Typ, der Typ Mann, den man sich in einer Modestrecke vorstellen könnte, oder als coolen Jazzpianisten in einem Retro-Film. Nur, dass der Ort und die Zeit nicht so ganz zu romantischen Phantasien passten: eine U-Bahnstation in Manhattan, zwei Uhr nachts, oberhalb der 110. Straße. Und da stand er ganz cool am oberen Ende der Rolltreppe, sah mich belustigt an, wie ich die Stufen vom Bahngleis hochschnaufte in einem eng geschnittenen schwarzen Kleid mit durchgehendem Reißverschluss, und sein Grinsen wurde mit jedem meiner Schritte breiter. Als ich oben angekommen war, fixierte er mich noch einmal von Kopf bis Fuß und sagte dann mit volltönender Hiphopper-Bassstimme zu mir: „Hey, this is Harlem! Are you scared of me?“ Ich blickte mich um, die einzige Frau unter dunkelhäutigen Männern auf dem Bürgersteig. Die anderen grinsten auch.

Ich weiß bis heute nicht, was das war: Ein kleines Spiel mit den rassistischen Ängsten einer leicht verpeilten Blondine, die sich in der U-Bahn-Linie geirrt und in ein düsteres Viertel verfahren hatte? Einfach nur ein selbstironischer Gag? Anmache? Angst hatte ich tatsächlich nicht, ich war nur sauer, dass ich um diese Zeit den Bahnsteig wechseln und dann wieder zehn Minuten auf die Bahn zurück in Richtung Downtown warten musste, zurück in mein New Yorker Untermiet-Zimmer, das ich damals für einige Zeit bewohnte. „I just want to go home“, pampte ich zurück. Das dröhnende Lachen klang mir noch nach, als ich auf der anderen Seite wieder hinabstieg auf den Harlemer U-Bahnhof.

Sexuelle Belästigung

Offenherzig unterwegs: Verena beim Feiern und Poetry Slam 1999 in New York (c) Verena Carl

Von den Silvester-Übergriffen in Köln kann ich nicht sprechen. Ich war nicht dabei, ich bin genau so auf Spekulationen angewiesen wie alle anderen, die nicht das Pech hatten, diesen schrecklichen Kessel zu durchqueren. Ich war an Silvester auch nicht auf der Hamburger Reeperbahn, sondern drei Kilometer weiter elbaufwärts. Aber von mir kann ich sprechen, von meinen eigenen Erfahrungen mit diesem Thema, und die habe ich genau so wie die Mehrheit der Frauen hierzulande gemacht, genau so wie fast alle meine Freundinnen, Kolleginnen, Bekannten.

Silvester-Übergriffe – im Kleinen auch selbst erlebt

Nein: die Szene mit den Typen in Harlem, die gehört nicht dazu. Dafür andere. Als Kinder in Freiburg hatten wir immer Angst vor diesen Straßenbahn-Streichlern: komischen älteren Herren, die sich neben kleine Mädchen setzten und unbemerkt an ihren Unterarmen herumfummelten. Schlimm genug, wenn man elf Jahre alt ist und völlig gelähmt, weil man nicht weiß, wie man reagieren soll. Später dann: ein Griff zwischen die Beine im Gedrängel vor der Garderobe einer Disco. Zwei Situationen in meinen Zwanzigern: einmal griff mir abends im Münchner Glockenbachviertel ein entgegenkommender Mann mit zwei Händen an die Brüste, einfach so, und drückte schmerzhaft zu. Einmal passierte es am helllichten Tag, dass ein Radfahrer im Überholen vom Sattel aus seine Hand auf meinen Po klatschen ließ. Und einfach weiterfuhr. Eine Freundin von mir wurde auf einem öffentlichen Platz in Spanien in der Menge befingert. Am höchsten katholischen Feiertag. Während einer Osterprozession. Traumatisch war das alles nicht. Aber sehr, sehr unangenehm. Und meine Reaktion seltsamerweise immer gleich, mit elf Jahren wie mit 25: Erstarrung, Nicht-Wahrhaben-wollen, ungläubiges Staunen. Ich habe jedes Mal so lang gebraucht, um überhaupt zu verstehen, was da passiert, dass es längst zu spät war für Schreie und Ohrfeigen.

Frauen mit Rock sind kein Freiwild! ©Thinkstock

Frauen mit Rock sind kein Freiwild! ©Thinkstock

Warum ich das erzähle? Weil ich glaube, dass es kein Muster gibt, jedenfalls kein einfaches. Mir sind solche Dinge passiert, wenn ich allein unterwegs war, aber auch in einer Gruppe. Mich haben unscheinbare semmelblonde Deutsche angegrabbelt, und schwarze New Yorker nicht. Hätte es auch umgekehrt sein können? Na, selbstverständlich. Es gibt sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt von Muslimen an ihren kopftuchtragenden Glaubensschwestern, so wurde es massenhaft von den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo berichtet, so hört man es auch von Massenveranstaltungen aus der Türkei. Ganz genau so gibt es die Übergriffe auf deutschen Fanmeilen, Volksfesten, in Bierzelten, wo jeder Hans und Franz sich an jede Elke oder Sabine herantatscht, weil die vielleicht gar keine Chance auf eine Armlänge Abstand hat. Es gibt kein einfaches Muster von Ursache und Wirkung, von „notgeiler Afrikaner schändet weiße Blondine“, auch wenn reißerische Titelbilder wie das des aktuellen Focus es suggerieren. Frust, Frauenverachtung, Alkohol, Größenwahn in der Gruppe, oder auch die Chance des einsamen Nerds, vom Fahrrad aus einen Frauenhintern zu begrapschen – das alles kann in einem bösen Moment umschlagen. Nicht ausgeschlossen, dass die sexuelle Gewalt von Köln ein abgekartetes Spiel war, aber eher unwahrscheinlich, sagt selbst die Polizei. Und: Ja, diese Straftaten haben mit Sex zu tun, aber nur mit einem Teil davon, der böse wird, wenn man ihn isoliert. Aus der Lust am Erobern wird Machtstreben, Dominanz, Demütigung des Gegenübers. Das ist übel. Und zwar #ausnahmslos.

Wer jetzt alles Angst hat – und was wir tun können

Sollten wir uns als Frauen deshalb besser an die eigene Nase fassen und nach unserem eigenen Anteil, gar unserer Mitschuld fragen? Nein, nein und nochmals nein! In sozialen Netzwerken liest man nämlich neben echter Betroffenheit und miesem Rassismus dieser Tage auch mal wieder gut gemeinte Ratschläge wie: „Kein Wunder, dass die Männer so ausrasten, wenn westliche Frauen ihnen im Minirock vor der Nase herumstolzieren.“ Nochmal zum Mitschreiben. Selbst wenn ein Outfit Lust auf ein sexuelles Abenteuer versprechen könnte, ist es nie und nimmer eine Einladung zum anonymen Grapschen. Nicht für Hans und Franz, und auch nicht für Yusuf und Mahmud.

Was ich jetzt mache, nach den Übergriffen der Silvesternacht? Gar nichts. Weitermachen, genau so wie vorher. Nachts allein unterwegs sein, wenn es sich ergibt. Weiter eine Wut haben auf Männer, die Frauen auf diese Weise demütigen oder Schlimmeres, egal, welcher Wahnsinnscocktail sie dazu getrieben haben mag. Auch weiter eine Wut haben auf diese vermeintlichen Retter weiblicher Ehre, Deutsche, die jetzt Migranten in Sippenhaft nehmen für das, was passiert ist, die sie verprügeln und Schlimmeres. Das ist genau so dumm, gefährlich und menschenverachtend, als würden wir als Frauen vor lauter Solidarität alle Männer zu unseren Feinden erklären. Verstehen, dass jetzt ganz unterschiedliche Menschen ganz ähnliche Ängste haben. Kölner Eltern, die ihre Teenager-Töchter nicht mehr samstags auf die Partymeile lassen wollen. Arabische Flüchtlinge, die sich aus Angst vor Racheaktionen nachts ebenfalls nicht mehr auf die Straße trauen. Was kann ich noch tun? Hoffen. Auf Polizei, auf Sozialarbeit, auf Aufklärung, vor allem aber auf klare Köpfe. Damit wäre uns allen am meisten geholfen.

3 thoughts on “Silvester-Übergriffe: keine einfachen Wahrheiten

  1. Anette

    Liebe Verena, danke für diesen Text! Das Problem fängt ja (und das auch nicht erst seit „Köln“) schon woanders an, zum Beispiel bei sexistischer Werbung, die das alles verharmlost, weil legalisiert. (https://werbung.pinkstinks.de/negativ-beispiele/) Wenn man sich darüber empört, wird man als prüder Blaustrumpf ohne Sinn für Humor bezeichnet.
    Ich kann mich an meine ersten Erfahrungen mit solchen Übergriffen erinnern. Das war auf dem Gymnasium. Ich war 13 oder 14, und es waren die Fünftklässler (!), die uns Mädels auf der Treppe unter den Rock griffen oder ihn hochhoben. Mir ging es damals wie Dir: Ich war so perplex, fassungslos und gelähmt, dass ich gar nichts dagegen tat. Außer mich zu schämen.
    Später dann gab es diverse Begegnungen mit Exhibitionisten. Einmal erzählte ich meiner Mutter von einem Typen, der mittags am S-Bahnhof stand und vor uns Schulmädels onanierte. Sie rief sofort die Polizei. Die kam dann auch und holte mich mit dem Polizeiauto ab, ich musste dann aus dem Auto heraus den Typen, den sie in Gewahrsam genommen hatten, identifizieren. Noch wochenlang redeten die Nachbarn darüber, dass ich von der Polizei abgeholt worden war.
    Auf dem Oktoberfest – ich bin ja Münchnerin – wurde ich hingegen noch nie belästigt oder angegrabscht, trotz Dirndl und Dekolletée. Vielleicht aber auch nur, weil ich gewisse Zelte, Zeiten und Orte mied bzw. nur in männlicher Begleitung aufsuchte.
    Zusammenfassend ist dass alles, ob Sexismus in der Werbung oder tatsächliche Übergriffe, einfach viel zu „normal“, auch für uns Frauen selbst.

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  2. Thomas Baumann

    Hallo Verena , ich habe in den letzten Tagen so viele Shitstorms über mich ergehen lassen müssen weil ich genau diese Meinung vertrete. Dieses Problem gab’s schon immer. Nicht nur an Silvester und ich denke Väter sollten darüber nachdenken welches Frauen Bild sie ihren Söhnen vermitteln. Wenn Frauen sexuelle Übergriffe in der Partnerschaft erleben müssen bekommen dies auch die Söhne mit. Und was lernen diese daraus? Gewalt gegen Frauen ist ok, denn was Papi tut kann ja nicht falsch sein. Darüber sollte unsere Gesellschaft nachdenken. LG Thomas Baumann

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