Internetnostalgie: Warum ich das Web 1.0 manchmal vermisse

Vor genau 20 Jahren bekam Verena ihre erste E-Mail-Adresse, surfte auf ihren ersten Websites und erlebte ihre erste – und einzige! – Internet-Romanze. Zeit für einen nostalgischen Rückblick.

An einem schönen Spätsommertag im Jahr 1996 stand ich in meinem Büro und blickte abwechselnd verständnislos auf meinen Computerbildschirm und irritiert in das Gesicht einer Praktikantin. „Und was soll ich jetzt damit anfangen?“, fragte ich. Die Praktikantin sammelte sich und begann von vorne, so wie eine Mutter, die einem etwas begriffsstutzigen Kind zum wiederholten Mal erklärt, wie man Messer und Gabel hält. „Das ist eine E-Mail-Adresse“, sagte sie langsam und deutlich, „damit kann man sich von Computer zu Computer Nachrichten schicken.“ „Und wozu brauche ich das?“, fragte ich renitent. Zwar kannte ich etwas ähnlich Futuristisches aus der Lokalredaktion, in der ich ein halbes Jahr vorher gearbeitet hatte: Wenn ich dort mit Hilfe einer Befehlstaste das Kürzel „SM“ und den Nachnamen eines Kollegen eingab, konnte ich ihm eine kurze Nachricht senden. Nein, nichts Erotisches, sondern eher Drei-Wort-Sätze à la „Kantine um eins“, schließlich stand „SM“ in den Neunzigern beim Münchner Abendblatt für „Send Message“. So weit, so praktisch. Aber wie sollte diese so genannte E-Mail funktionieren, wenn man nicht einmal in der gleichen Firma arbeitete? Ganz ohne SM? Und außerdem… „Und außerdem, damit kann ich ja nur Leuten was schicken, die auch so eine Dings-Adresse haben! Die hat doch keiner.“ „Doch“, trumpfte die Praktikantin auf. „Ich zum Beispiel.“ Dann ging sie ein Büro weiter und schickte mir eine Nachricht, die sie mit unverständlichem Zeichensalat aus Semikolon, Gedankenstrich und Klammer garnierte. Das Rechtschreibprogramm schien auf diesem merkwürdigen Kommunikationsweg schon mal nicht zu funktionieren. Ich schrieb eine Antwort: „Was meinst du mit ;-)?“

Online ist heute jedes Kind - aber wir waren noch keine digital natives

Online ist heute jedes Kind – aber wir waren noch keine digital natives

Internetnostalgie: 1996 lernten die Emoticons laufen

Trotz des holperigen Anfangs dauerte es nur vier Wochen, bis ich der neuen Technologie verfallen war. Dann wusste ich sämtliche Emoticons auswendig, beherrschte die Netiquette und konnte sogar fehlerfrei Wörter wie Browser aussprechen. Eines Nachts schlich ich mich sogar heimlich in mein verwaistes Redaktionsbüro und fuhr den Rechner hoch, weil ich unbedingt nachsehen musste, ob ich eine neue E-Mail bekommen hatte. Klares Suchtverhalten. Wenn ich an diesen Herbst vor 20 Jahren zurückdenke, dann mit der Art von Nostalgie, mit der man sich alte Fotos vom Interrail-Trip aus der Studentenzeit anschaut: Gott, was waren wir jung und abenteuerlustig! Denn das Netz von 1996 war alles andere als der durchdesignte Event-Raum von heute. Sondern ein Abenteuerspielplatz, eine Bauruine, bei der man nie wusste, was einem passiert, wenn man den nächsten Raum betritt. Vielleicht muss man auch dazu sagen, dass ich damals nicht aus eigener Neugier relativ früh in der virtuellen Welt landete, sondern aus Arbeitsgründen. Mein damaliger Chef leitete nicht nur eine Reisezeitschrift, sondern baute parallel eine Tourismus-Website auf, eine der ersten in Deutschland. Und weil wir mit unserem Zwei-Monats-Magazin chronisch unterbeschäftigt waren, hatten wir ganz offiziell die Erlaubnis, ja, sogar die Aufgabe, zu chatten. Gerne auch mal acht Stunden, nine to five, was das Zeug hält. Über Reisethemen, über Gott und die Welt, egal – Hauptsache, was los. Wir sollten auch in fremden Revieren wildern und andere „User“ davon überzeugen, zu uns überzulaufen. Weil’s „Traffic“ bringt – auch solche Wörter, die ich zwar vorher schon kannte, aber bald fehlerfrei im Kontext anwenden konnte. Sämtliche Chat-Seiten hatten seltsame Namen. Erinnert sich noch jemand an „Schlund“?

Optisch strahlten Chatseiten in den Neunzigern in etwa die Coolness eines Formulars vom Katasteramt aus: inhaltlich hui, grafisch total pfui. Dunkelgraue Schrift auf hellgrauem Hintergrund (oder weiß auf schwarz), die neuesten Beiträge oben, die ältesten verschwanden nach unten im Cyber-Orkus. So etwas wie Profile oder auch nur Passwortschutz gab es nicht – auf der Bildschirmmaske konnte jeder fröhlich einen Nickname angeben, der ihm gerade passte. Auch und gerne den des Kollegen. Das sorgte regelmäßig für Verwirrung. Und alle bekamen Panik, wenn jemand unter dem bizarren Alias unseres gefürchteten Chefs den Chat betrat. Nämlich „Karl-Emil Meichlböck“. Mittlerweile glaube ich, dass unser Chef kaum jemals selbst dahinter steckte. Denn er war zwar durchaus der Typ mit visionären Ideen, man munkelte aber auch, dass er sich jeden Morgen den Computer von seiner Sekretärin einschalten ließ. Wir knallten trotzdem jedes Mal innerlich die Hacken zusammen, wenn Meichlböck mal wieder mitchattete, und suchten panisch nach unverfänglichen Gesprächsthemen. Vielleicht saß währenddessen die Praktikantin im Nebenraum und lachte sich ins Fäustchen, während sie unter falschem Nickname Angst und Schrecken verbreitete.

Ein schräges Völkchen: Chatten mit Nerds und Bundesbeamten

Wen man sonst noch dort traf außer den eigenen Kollegen? Jedenfalls nicht den Querschnitt der Gesellschaft, sondern bestenfalls einen seltsamen Ausschnitt. 1996 chatteten Informatikstudenten, Werbefritzen, Praktikantinnen der angehenden Expo 2000, natürlich Informatiker aller Couleur, Medienleute, Behördenmitarbeiter. Die Nerd-Quote war hoch, die Männerquote auch, es gab jede Menge Missverständnisse, aber auch jede Menge niveauvolle Blödelei. Und natürlich: Romanzen. In jenem Herbst chattete und mailte ich wie besessen mit dem Angestellten einer Berliner Behörde, von dem ich lange Zeit weder wusste, wie er aussah, wie alt er war, noch, ob es überhaupt eine realistische Chance gab, dass wir uns auch im Real Life noch gut finden würden. Oder ob er überhaupt genau so Single war wie ich damals. Beziehungsstatus per Mausklick abzufragen? Bilder wie auf Tinder? Von wegen. Ich hätte seinen Namen damals nicht einmal googeln können. Denn schließlich gab’s Google erst ein Jahr später, 1997. Es kam tatsächlich zu einem Treffen und einem kurzen Techtelmechtel, aber das war weder das Spannendste noch das Romantischste an dieser Begegnung. Nein, den Kick gab mir war etwas, das es heute im Netz kaum noch gibt: das Maskenball-Feeling, der Kitzel des Unbekannten.

Internetnostalgie

Immer auf der Suche – vielleicht auch nach dem Richtigen?

Lang ist’s her. Heute hat man manchmal das Gefühl, E-Mails nutzen nur noch Schwiegermütter, und selbst Facebook gilt unter urbanen jungen Menschen mittlerweile als Alte-Leute-Medium. Vor beruflichen Terminen kann man das Gesicht seines Gegenübers googeln, Emoticons sind Emojis gewichen. Per Wischbewegung geht’s zum nächsten Date. 80 Prozent aller Deutschen sind online, nicht nur die Informatiknerds, Beamten und Journalisten von damals. Die sind heute eher auf Online-Diät, wenn sie sich etwas Gutes tun wollen. Oder pflegen ihre ganz private Internetnostalgie, wie ich. Geheimnisvolle Begegnungen? Fehlanzeige. Trotzdem, eines ist geblieben: Auch das Netz von heute ist neben vielen Vorteilen und Gefahren vor allem ein riesengroßer Abenteuerspielplatz, und lenkt mich auch 2016 höchst effektiv von der bezahlten Arbeit ab. Das macht mir immer noch Spaß. Und auch die Erinnerung an meine kurze Internet-Romanze halte ich täglich wach. Nicht, weil ich mich besonders gut an den Mann erinnern könnte – aber weil einer seiner Nicknames Teil eines meiner Internet-Passwörter ist. Seit 1996. ROTFL. Manche Dinge ändern sich ständig. Manche nie.

 

 

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