Heimkommen: Besuch im Elternhaus

Ein lautes Klopfen. Das Geländer vor der Tür vibriert. Ist das Petra? Komme ich zur spät zu Schule? Im Hintergrund höre ich, wie ein Bahn vorbeirauscht und Spatzen zwitschern. Ich bin in meinem Kinderzimmer – es sind Geräusche von früher. Und auch das typische Klopfen gegen das Metall, das im ganzen Haus zu hören ist. Jeden Morgen holte sie mich ab. Aber heute ist es mein Sohn, der vor der Haustür spielt. Ich war kurz eingeschlafen. Im Gästezimmer, das meine Mutter aber noch  immer „Silkes Zimmer“ nennt.

Heimkommen ist ein warmes wohliges Gefühl

Heimkommen ist ein warmes wohliges Gefühl und  immer eine kleine Zeitreise. Die Wand im Gästezimmer ist mit Kiefernholz vertäfelt, ziemlich 70er Jahre-Stil. Und noch immer zeichnet sich ab, wo einst meine Poster hingen. Ein „S“ ist dort eingeritzt, wo mal die Nachttischlampe war. In den Bücherregalen stehen getöpferte Frühwerke von mir. Es ist ein kleines so genanntes Altbremer Haus, etwas über 100 Jahre alt, in das wir 1973 einzogen, zunächst zur Miete. Es hat große Wohnzimmerfenster,  kleine hohe Räume und Stuck an der Fassade. Heute lebt meine Mutter hier allein, ihr Partner ist oft bei ihr, heute ist viel Platz, früher war es recht eng.

Heimkommen und alte Erinnerungen finden

Ein Blick ins Bücherregal des Gästezimmers (c) Plagge

Heimkommen und alte Schätze und Erinnerungen finden

Auf dem Dachboden steht noch altes Spielzeug von mir. Und mein Puppenhaus. Das bekam ich 1974 zu Weihnachten. Mein Vater hatte es selbst gebaut, es hatte die gleichen Fenster wie mein Elternhaus. Auch die Zimmer waren in ähnlichen Farben gehalten. Jedes Jahr verschwand es in der Adventszeit. Es bekam neue Möbel, später Strom, das Licht funktioniert noch immer. Heute ist der Dachboden das Spielzimmer für die Enkelkinder.

Heimkommen und Kindheitserinnerungen

Das alte Puppenhaus (c) Plagge

Ich liebe dieses alte Haus. Die Treppen, die ich runterrutschte, die mich mit ihrem Knarzen warnten, dass meinen Eltern kamen. Schnell das Licht aus! Später fand ich die Treppen nicht mehr so praktisch.

Mit 16 zog ich im Haus um und hatte mein Zimmer auf dem Dachboden. Das bedeutete, dass ich zwei Treppen möglichst leise noch oben schleichen musste. Gelang mir nie, erst recht nicht nach Feten oder nach durchgemachten Nächten. Meine Mutter sagte dann: „Bring nächstes Mal Brötchen mit, wenn du so früh am Morgen kommst.“ Mein Vater sah das weniger locker. Es wurde auch mal laut in diesem Haus.

Heimkommen ins Elternhaus

Ein Blick ins Wohnzimmer mit Bilder von Silkes Vater (c) Plagge

Mein Elternhaus  ist reichlich voll. Mit Büchern und Bildern. Irgendwie werde ich hier immer so viel jünger, denn es ist auch voller Erinnerungen. An meinen Vater, der leider viel zu früh starb, hier in diesem Haus. Erinnerungen an eine Kindheit mit vielen Freunden und viel Lachen, an den fusseligen Flokati-Teppich. An durchgeweinte Nächte, weil der erste Liebeskummer sich für mich als Teenager wie der Untergang der Welt anfühlt.  An Nachbarin Petra, die ebenfalls gerade zu Besuch bei ihren Eltern ist und die ich kurz treffe.

Heimkommen ist wohl so. Es gibt Begegnungen mit der Vergangenheit, ich darf mich wieder als Kind fühlen, werde liebevoll daran erinnert, dass es kalt sei und eine Mütze wichtig wäre. Werde umarmt und geliebt. Und am Abend darauf hingewiesen, dass ich langsam ins Bette müsste.

Heimkommen ins alte Zuhause

Kleine Kunstausstellung mit Nachbarin Petra 1975 (c) Plagge

Dieses Haus mit den alten Treppen, mit Bad mit Fliesen in Apfelgrün.Viel zu lange war es für mich selbstverständlich, dass dieses Zuhause immer für mich da ist,  das meine Mutter für mich da ist. Doch ich weiß, dass viele 40-somethings keine Eltern mehr haben, dass das Zuhause der Kindheit nicht mehr Wohnsitz der älteren Mütter und Väter ist. So eine Heimat ist ein Schatz, nicht nur zur Weihnachtszeit.

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