Neustart mit ü40 als Sexualberaterin

Die Luft riecht nach Margeriten, frisch gemähtem Gras und Dünger – grün ist es hier am Rand der Großstadt. Freundliche Menschen, kaum Autos. Idylle pur im alternativen Wohnprojekt. Hier wohnt Hanna Krohn mit zweien ihrer drei Kindern, und hier arbeitet sie auch. Sie hat einen großen Praxisraum mit Bad und ein kleines Büro. Hell und freundlich sind die Zimmer, es duftet ein wenig nach Rosenöl.

„Wer mich hier besucht, soll sich wohl fühlen,“ sagt die 48jährige. „Manche Klientinnen sind sehr unsicher und wissen gar nicht, was sie hier bei mir erwartet.“ Hanna arbeitet als Gesundheitspraktikerin für weibliche Sexualität. Zu ihr finden Frauen zwischen Mitte 20 bis Ende 50. „Die ersten waren Frauen, denen ich von Ausbildungskolleginnen empfohlen wurde. Dann hat sich das immer mehr herumgesprochen, was ich anbiete.“  Hanna hält Vorträge, bietet Beratung – aber auch noch viel mehr: sie gibt auch Körpercoachings und Intimmassagen.“Viele Frauen kennen diesen Teil von sich selbst viel zu wenig. Unser Blick auf uns selbst ist meist der von außen. Aber oft ist da so ein Gefühl, dass etwas fehlt. Und genau da kann ich dann helfen. Ich unterstütze Frauen darin, ihren Körper und ihre Sexualität kennenzulernen, sie zu schätzen und zu genießen.“ Einige Frauen suchen bei ihr Rat, andere sind einfach neugierig. „Ich arbeite mit ganz unterschiedlichen Frauen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen. Einige möchten einfach mehr lernen und so auch in ihrer Beziehung davon profitieren. Andere haben große Probleme damit, Nähe zu zu lassen, haben traumatische Erfahrungen und möchten ganz behutsam sich wieder spüren.“

Sexualberaterin Hannna Krohn gibt eine Massage

Viel Zeit und viel Nähe: Jede Intimmassage sich nach dem Bedarf der Massierten (c) Cornelia Hansen

Eine Sexualberaterin ist keine Frauenbeglückerin – es geht um mehr als um den Orgasmus

Massiert werden am ganzen Körper – Berührungen einer fremden Frau in ganz privaten Bereichen, ist das nicht etwas sehr Heikles? „Nein, das finde ich nicht. Es gibt so viele Menschen, die lange kaum angefasst wurden, deren Körper sich nach Streicheln sehnt. Viele Frauen kennen nicht einmal ihre wirklich erogenen Zonen. Meine Massagen sind nicht in erster Linie erotisch. Es geht darum, dass die Frau sich selbst wieder spürt, ihre Sexualität für sich entdeckt. Ich bin keine Frauenbeglückerin – es geht nicht um den Orgasmus, sondern um Gefühle und das eigenen Gespür.“ Eine so genannte Frauenmassage dauert gut drei Stunden. Hanna ist allein mit ihrer Klientin, begrüsst sie zunächst. „Ein langsames rituelles Ankommen ist wichtig,“ sagt die Sexualberaterin. Wo und wie genau die Frau berührt werden möchte, wird genau besprochen, der enge Kontakt ist wichtig.

Zuerst beginnt Hanna mit einer Ganzkörpermassage, später wird auch der Schossraum massiert. Hanna nutzt dafür gern das Wort „Yoni“, das aus dem indischen Sanskrit stammt. „Das ist nicht so negativ besetzt oder so klinisch“, findet sie. Behutsam massiert sie auch den inneren und äußeren Intimbereich. „Das kann und darf auch lustvoll sein, aber das muss es nicht. Es gibt Frauen, für die ist das einfach nur entspannend, aber auch bewegend oder heilsam, weil sie noch nie wirklich zärtlich dort berührt wurden.“ Sich einfach fallen lassen, Sexualität genießen dürfen. Aber eben nicht müssen. Ganz selbstbestimmt im eigenen Tempo. Das ist etwas, das sich laut Hanna sich noch immer wenige Frauen erlauben. Oder erlauben können. „Einiges davon kann man aber lernen. Und genau das ist wichtig.“

Auch für Hanna selbst ein langer Weg. Über zwanzig Jahre war sie mit dem Vater ihrer Kinder zusammen, wurde als Studentin schwanger. Ihre heute 21jährige älteste Tochter ist mittlerweile ausgezogen. Die beiden jüngeren Kinder sind 16 und 9 Jahre alt. „Ich habe nach meinem Studium zwar immer mal freiberufliche Projekte im Bereich Öffentlichkeitsarbeit gemacht, ich war aber vor allem Mutter und Hausfrau.“ Die Familie zog in das alternative Wohnprojekt, baute das Haus. Hannas Mutter und Großmutter fanden dort ebenfalls eine Wohnung. „Meine Großmutter ist in diesem Jahr mit 99 verstorben. Bis dahin haben wir mit vier Generation fast Dach an Dach gewohnt.“

Sie musste sich neu erfinden – und über Sex zu reden fiel ihr immer schon leicht

Aber Hanna füllte die Rolle als Mutter, Tochter und Enkelin mit gelegentlicher Arbeit nicht aus. „Auch in meiner Beziehung ging es mir nicht gut. Ich rutschte in eine tiefe Krise. Das war nicht nur eine Ehekrise, das war eine richtige Existenzkrise.“ An einem Punkt, an dem einfach gar nichts mehr ging, hatte sie das Gefühl, sich selbst neu erfinden zu müssen. „Ich brauchte etwas Neues. Und die Möglichkeit auch mein eigenen Geld zu verdienen. Denn dass wir uns trennen mussten, das war klar.“ Eine Serie im ZDF, die Sexualität thematisiert, brachte sie auf die Idee der Massagen für Frauen. „Ich fand Ann-Marlen Hennings Sendung ‚Make love‘ so toll. Endlich wurde offen über Sex gesprochen. Das war so ein Aha-Moment. Es geht also doch. Auch ohne schmuddelig zu sein über Sex zu reden.“ Die Serie läuft seit Anfang August 2017 in der fünften Staffel im Fernsehen, nicht nur Hanna Krohn schätzt den unaufgeregten Ton darin. Für Hanna war die Sexual-Beratung mit den klaren Worten ein Vorbild. Genau so etwas wollte sie auch machen. „Ich habe keine Ahnung warum, aber über Sex haben Menschen schon immer gern mit mir geredet. Leute öffnen sich mir da leicht. Dass das auch eine Kompetenz ist, das wurde mir erst langsam klar.“

Sexualberaterin Hanna Krohn ließ ein Künstlerin für sich arbeiten

Eine Streetart-Künstlerin entwarf dieses Bild für Hanna (c) Sandrine Estade-Boulet

Eine Intimmassage war für sie selbst eine Offenbarung

Zwei Jahre vor diesem Aha-Moment hatte Hanna auch eine besondere Erfahrung. Sie hatte bei einer Bekannten einen Flyer über einen tantrischen Frauenkreis gefunden. Und spontan entschieden, so etwas  auch einmal erleben zu wollen, gerade weil es in der Beziehung damals so schlecht lief. Hier ging es nicht um Sex. Sondern um Körperwahrnehmung und sich selbst bewusst wahrzunehmen. „Das war für mich eine Offenbarung. Über das Frausein. Ein Gefühl, sich im eigenen Körper satt und wohl zu fühlen. Das wirkte nach lange nach. Ich spürte, was es heißt, sich selbst zu lieben.“ Diese Erfahrung wollte Hanna vertiefen. Sie besuchte Seminare zu Tantra-Massagen. „Da ging es wirklich in erster Linie um das Massieren. Um Spüren. Und ich merkte ganz schnell: Ich kann das. Ich habe da eine sehr gute Intuition.“ Hanna besuchte mehr Seminare und bildete sich fort. „Für mich war das der genau richtige Weg. Für meine Ehe allerdings auch das Aus. Mein Mann hatte da ein Bild von ständigem Sex mit anderen, dabei stimmte das gar nicht. Aber er traute mir nicht.“

Sexualberaterin in der eigenen Praxis – für Hanna ein gelebter Traum

Hannas Schwerpunkt bei den Massagen war der therapeutische Ansatz – für Frauen. „Ich wollte das, was ich selbst erlebt habe, weiter geben.“ Durch den Auszug ihres Mannes konnte sie die eigenen Praxisräume im Haus nutzen und machte sich offiziell selbstständig. „Zusätzlich habe ich eine zweijährige sexualtherapeutische Fortbildung angefangen, die ich bald beende.“ Wichtig ist ihr Offenheit. „Sexualität und alles was damit zu tun hat, das Berühren des Intimbereiches, das hat schnell so einen Beigeschmack. Die Frauen sollen bei mir einen geschützten Raum finden. Sich ihrem Körper annähern dürfen. Darum wollte ich, dass alles liebevoll, hell und entspannt bei mir ist.“

Der Raum der Sexualberaterin Hanna Krohn

Ein Raum mit liebevoller Atmosphäre (c) Hanna Krohn

Aktuell bietet Hanna gerade eine Seminarreihe. „Zeit für Veränderung“. Themen sind unter anderem „Körperbild vs. Körperleben“, „Erregung, Lust und Orgasmus – wie geht das eigentlich?“ Dazu gehören auch individuelle Beratungen. „Ich hätte selbst nie gedacht, wie sehr einem klar werden kann, dass so ein Weg passt. Aber ich merke das am Feedback. Und daran, dass ich immer mehr Nachfragen bekomme. Das ist toll.“

Mehr über Hanna und ihre Arbeit unter: www.hannakrohn.de

 

 

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