Familiengeheimnisse: Wie ich herausfand, dass ich ein Kibbuzkind bin

Jede Familie hat ihre Geheimnisse. In unserer Familie war es mein unbekannter Vater. Als meine Mutter starb, fand ich in ihrem Nachlass ein Tagebuch, das mich auf eine Reise nach Israel schickte. Es wurde die Reise meines Lebens. Zu meinem Vater. Zu meiner Mutter, bevor sie Mutter war. Und ganz sicher auch zu mir selbst.

Familiengeheimnisse: Lisa reist nach Israel…

Der Mann hinter der Rezeption guckt mich interessiert und ein wenig prüfend an. Als Alleinreisende bin ich im Hotel des Kibbuz eine Exotin. Normalerweise übernachten hier Pilgergruppen, die auf den Spuren Jesu rund um den See Genezareth unterwegs. „Sind Sie auch da, um die Orte der ­Bibel zu sehen?“, fragt der Rezeptionist. „Nein“, sage ich, und dann nichts mehr, denn ich will ihm nicht erklären, dass ich nicht nach einem Heiland suche, sondern nach meinem unbekannten Vater – und ein bisschen auch nach mir selbst.

Auf diese Reise zu gehen war ein Silvestervorsatz, so, als könnte ich die Abwesenheit meines Vaters beenden wie andere eine schlechte Angewohnheit. Vielleicht wollte ich auch einfach nur diesen Ort sehen, an dem sich meine Eltern vor 30 Jahren kennengelernt hatten. Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall – und das merkte ich vielleicht zum ersten Mal an der Rezeption des Kibbuzhotels – hatte ich an die Konsequenzen einer solchen Reise nicht gedacht.

Bis zum Tod meiner Mutter, hatten wir nie über ihre Zeit im Kibbuz gesprochen

Die Bilder in meinem Kopf hatten nur bis in jenes von Bougainvillea bewachsene Kibbuz gereicht, das ich aus dem Internet kannte. Dort war mein Vater aufgewachsen, dort hatte meine Mutter wie so viele junge Leute aus Europa und Amerika als Freiwillige gearbeitet, dort hatten sie sich für eine kurze Zeit geliebt. Und von dort war meine Mutter 1978 allein und schwanger nach Deutschland zurückgekehrt. Meinen Vater sollte sie nie wiedersehen. Mehr wusste ich nicht. Mehr konnte mir niemand mehr erzählen. Meine Mutter war drei Jahre zuvor an Krebs gestorben.

Ist es merkwürdig, dass sie und ich nie über ihre Zeit im Kibbuz gesprochen haben? Es war eines jener Geheimnisse, wie es sie wahrscheinlich in vielen Familien gibt. Fragen, die auf der Hand liegen, aber die sich keiner zu stellen traut, weil schon Kinder ein Sensorium dafür haben, wo in der Familie die dunklen Ecken liegen, die niemand ausleuchten will.

„Kleine orangegelb gestrichene Häuser, inmitten einer wunderbaren Landschaft gelegen. Palmen, Pinien, Eukalyptusbäume, Kakteen, blühende Stauden, Hunderte von Vögeln singen in den Bäumen. Unser Zimmer liegt 30 Meter vom See entfernt. Hier leben 30 bis 40 Volunteers. Inzwischen sind wir neun Deutsche.“ So beginnt die Erzählung meiner Mutter über ihre Zeit im Kibbuz Ginosar. Ich hatte ihr Reisetagebuch gefunden, als ich nach ihrem Tod unser Haus ausräumte. Es lag im Keller, verborgen in einer blauen Kunstledertasche.

Das besitzlose Leben der Kibbuzkinder ist vorbei

Heute gibt es keine Freiwilligen im Kibbuz mehr. Er ist wie die meisten Kibbuzim privatisiert. Das einst klassenlose Leben, die starke Gemeinschaft, in der keiner eigenes Geld verdiente, jeder für die Gemeinschaftskasse arbeitete und der Kibbuz seine Mitglieder dafür mit allem Lebensnotwendigen wie Kleidung, Wohnraum und Essen versorgte, ist vorbei. Der Kibbuz ist heute wie ein kleines Dorf mit viel Landwirtschaft, aber die Orte, die meine Mutter beschrieben hat, sind noch da: der Strand, die verwaisten Gemeinschaftsräume der Kibbuzniks, die orangegelb gestrichenen Häuser, der Bereich, wo die Holzbaracken der Freiwilligen standen.

Ich esse im Hotel-Speisesaal, in dem meine Mutter Tische auf- und abgedeckt und sicher über die Pilgergruppen gelästert hat. Ich gehe an den Bananenplantagen vorbei, in denen sie in der Hitze schuftete und wo Hagai, mein Vater, eine Art Vorarbeiter war. Ein bisschen ist es, als würde ich die Kulissen der Vergangenheit meiner Eltern besichtigen, als wäre ich eine Art Touristin ihres Lebens. Das ist ein komisches Gefühl.

Das Ende der Familiengeheimnisse: Plötzlich steht mein Vater vor mir

Wäre das ein Drehbuch für einen Film, meine eigentliche Vatersuche wäre viel zu unspektakulär verlaufen. Eine Schwester meines Vaters, meinte Tante, lebt noch im Kibbuz. Ich finde sie, sie knüpft einen ersten Kontakt zwischen mir und ihm. Ich erfahre, dass er in Jerusalem lebt und fahre hin. Und dann steht mein Vater plötzlich vor mir, an einen Baum vor meinem Hotel gelehnt, und ich blicke in seine Augen, die wie meine sind: blaugrau, halbmondförmig, melancholisch, an den Seiten sanft nach unten hängend.

Mein Vater versucht, mir zu erklären, warum er sich 30 Jahre nicht gemeldet hat: Er war jung, er wollte noch keine Familie, kurz darauf sei er auf Weltreise gegangen. „Those were wild days“ („Es waren wilde Tage“), sagt er. Die Erklärung, warum ich ohne Vater aufgewachsen bin, ist ebenso banal wie brutal: Mein Vater hatte sich nicht in meine Mutter verliebt. Vielleicht haben die äußeren Umstände, die Angst vor dem Urteil des Kollektivs, der Wunsch, aus dem Kibbuz auszubrechen, vielleicht sogar die deutsch-jüdische Vergangenheit eine Rolle gespielt. Aber im Kern ging es doch darum, dass die Gefühle einfach nicht stark genug waren. So einfach ist das – und so schwierig.

Die eigentliche Suche beginnt nach dem Finden

Dennoch habe ich tief in mir nach diesem ersten Treffen ein gutes Gefühl. Der Mensch, der mein Vater ist, ist nett. Er ist ein intelligenter, freundlicher Mann. Es erleichtert mich, dass er mir sympathisch ist.

Familiengeheimnisse 40-something.de Lisa Welzhofer

Vereinte Familie: Lisa mit ihrem Sohn Victor und ihrem Vater Hagai

Zehn Jahre ist das jetzt her. Seither habe ich gelernt, dass die eigentliche Suche nach dem Vater erst dann beginnt, wenn man ihn gefunden hat. Im Film fallen sich die Protagonisten nach erfolgreicher Suche in die Arme. Happy End. Aber im echten Leben läuft das nicht so. Erst als mein Vater vor mir stand, habe ich gemerkt, was mir in den Jahren davor gefehlt hatte. Es war, als hätte die Lücke ein Gesicht bekommen, als hätte sich ein anderes, mögliches Leben aufgetan. Ein Leben mit beiden Eltern, ein Leben zwischen zwei Kulturen, Religionen und Ländern. „Was wäre gewesen, wenn . . .?“ – diese Frage hat alles auf den Prüfstand gestellt, was ich bisher geglaubt hatte zu sein.

Familiengeheimnis gelüftet: Tut mir der Kontakt gut?

Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, ob der Kontakt zu meinem Vater mir guttut. Und tatsächlich konnte ich diese Frage erst dann eindeutig mit Ja beantworten, als vor fünf Jahren mein erstes Kind geboren wurde. Weil es jetzt nicht mehr nur meine Geschichte ist, sondern auch seine. Und weil es ein Recht darauf hat, seinen Großvater zu kennen. Und sicherlich auch, weil mein Vater gesagt hat, dass er es diesmal besser machen will.

Von Lisa Welzhofer

Anmerkung: Familiengeheimnisse sind mein Thema geworden. Gibt es in eurer Familie auch ein Familienmitglied, das totgeschwiegen wird, oder ein anderes Geheimnis oder Tabuthema, über das nicht gesprochen wird? Ich würde mich über einen Austausch freuen. Mir hat es geholfen, das Geheimnis zu lüften und ganz offen darüber zu sprechen: mail@lisawelzhofer.de

 

LIsa Welzhofer Familiengeheimnisse Kibbuzkind

Lisa Welzhofer schrieb ein Buch über ihrer Familiengeheimnisse

Lisa Welzhofer (Jahrgang 1978) Journalistin, Autorin und Mutter zweier Kinder. Sie lebt und arbeitet in Stuttgart.

Lisa Welzhofer hat über ihre Familiengeschichte auch ein Buch geschrieben: Lisa Welzhofer: Kibbuzkind – eine deutsch-israelische Familiengeschichte. Edition Chrismon 2018, 166 Seiten, 14 Euro. Es ist im Buchhandel, auf amazon oder hier erhältlich.

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